
Das nächste „Backrooms“ ist in Arbeit: Was hinter „Siren Head“ steckt
Eine Frau steigt auf einer Autofahrt aus, um sich einen alten Friedhof anzusehen, und hält das, was zwischen den Grabsteinen aufragt, zuerst für einen kaputten Telegrafenmast. Dann setzt sich der Mast in Bewegung. So beginnt eine der bekanntesten Gruselgeschichten des Internets, und ihr Star heißt Siren Head, ein zwölf Meter hohes Wesen mit zwei Sirenen als Kopf. Was 2018 als einzelne Zeichnung anfing, ist heute so groß, dass sich Hollywood darum reißt. Kurz nachdem Backrooms (2026), die Verfilmung eines anderen viralen Netz-Phänomens, die US-Kinokassen klingeln ließ, lieferten sich jetzt gleich fünf Studios einen Bieterstreit um die Rechte an Siren Head. Den Zuschlag bekam ausgerechnet das Team hinter einem der meistdiskutierten Horrorfilme der vergangenen Jahre.
Ein Monster mit zwei Sirenen als Kopf
Erfunden hat das Ganze der kanadische Künstler Trevor Henderson, der 2018 auf Tumblr und Twitter eine Reihe verstörender Kreaturen postete. Siren Head war die bekannteste davon. In den Geschichten, die Fans über die Jahre gesponnen haben, ist das Wesen ein hagerer, mumifizierter Riese, der sich reglos in Wäldern und abgelegenen Ortschaften tarnt, bis er zuschlägt. Seine gefährlichste Waffe ist der Klang. Über die beiden Sirenen imitiert es Hilferufe, Alarmsignale und vertraute Stimmen, um Wanderer, Kinder und andere Opfer anzulocken.

Wer nah genug herankommt, hört am Ende die eigene Familie rufen. Verbürgt ist davon nichts, denn Siren Head existiert ausschließlich als kollektive Gruselgeschichte. Gerade das trifft einen Nerv: ein Wesen, das nicht springt oder beißt, sondern mit vertrauten Stimmen und dem Klang von Alarmsirenen arbeitet, verlegt den Schrecken vom Blut ins Ohr und macht das Alltäglichste, ein Geräusch am Waldrand, bedrohlich.
Milliarden Klicks für ein selbstgebautes Monster
Populär wurde Siren Head weniger durch Henderson selbst als durch die Menschen, die seine Idee aufgriffen und weiterentwickelten. Schon 2018 erschien ein erstes Horrorspiel, weitere folgten. Den großen Schub brachte 2020 ein kurzer TikTok-Clip, in dem die Kreatur im Hintergrund durch eine Straße stapft, während Schüsse zu hören sind. Das Video sammelte innerhalb einer Woche über zwanzig Millionen Aufrufe und löste eine Welle aus Fan-Videos, Animationen und selbstgedrehten Kurzfilmen aus.

Im selben Jahr entstand mit Siren Head (2020) sogar ein erster abendfüllender Fan-Film, ein russischer Low-Budget-Schocker, in dem ein Ermittler auf der Suche nach seltsamen Funksignalen in einen Wald gerät und dort dem Wesen begegnet. Danach war es praktisch überall zu finden, in YouTube-Clips, in unzähligen selbstgebauten Spielen und auf Merchandise. Schätzungen zufolge kommt das Phänomen inzwischen auf rund drei Milliarden Aufrufe bei TikTok, eine Milliarde bei YouTube und Millionen gespielte Runden auf der Spieleplattform Roblox. Vor allem bei jüngeren Teenagern wurde Siren Head zum Dauerthema, sehr zur Verwirrung ihrer Eltern.
Zach Cregger und der Sprung auf die große Leinwand
Anfang Juli wurde bekannt, dass Warner Bros. sich gegen vier weitere Studios durchgesetzt und die Rechte an der Kreatur für eine Summe im unteren siebenstelligen Dollarbereich gesichert hat. Am Drehbuch schreiben Zach Cregger und Brian Duffield gemeinsam.

Cregger zählt derzeit zu den gefragtesten Namen im Horrorgenre, seit sein Film Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025) über das nächtliche Verschwinden von 17 Schulkindern zum Kassenerfolg geriet und von der Kritik gefeiert wurde. Sein Gespür für den Schrecken hinter Vorgärten und Kleinstadtidyll passt fast unheimlich gut zu einer Kreatur, die genau in solchen Gegenden lauert. Duffield, der sich mit beklemmenden Überlebensgeschichten einen Namen gemacht hat, soll Regie führen, während Cregger als Produzent an Bord bleibt. Für Henderson ist es nicht der erste Ausflug nach Hollywood, für den Gruselfilm Tarot (2024) entwarf er sämtliche Monster. Weder ein offizieller Titel noch ein Kinostart stehen bislang fest. Klar ist nur, dass der Film für die große Leinwand gedacht ist und die Streamingdienste bei der Vergabe bewusst außen vorblieben.
Ein Monster gegen leere Räume
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Ende Mai startete in den USA Backrooms, die Verfilmung eines anderen Internet-Mythos, und legte mit über 80 Millionen Dollar am Startwochenende einen überraschend starken Auftakt hin. Dieser Stoff dreht sich um eine gespenstische Parallelwelt aus endlosen, menschenleeren Gängen, in die man aus der Wirklichkeit hinausrutscht. Auch er begann als anonyme Gruselgeschichte im Netz, wurde von einem damals noch jugendlichen YouTuber zu einer Kurzfilmreihe ausgebaut und landete schließlich im Kino.

In Deutschland lief der Film Mitte Juni an. Sein Erfolg hat in Hollywood ein Muster sichtbar gemacht. Virale Horrorstoffe aus dem Netz, denen eine ganze Generation gebannt folgt, lassen sich zu Kinofilmen machen. Siren Head wäre der nächste große Test. Die Ausgangslage ähnelt sich, doch die Unterschiede sind mindestens genauso interessant. Backrooms lebt von leerer, klaustrophobischer Stille, während Siren Head ein klar umrissenes Monster mit Silhouette und eigenem Sound mitbringt. Das macht es einerseits leichter vermarktbar, andererseits heikler, denn auf der Leinwand kann ein solcher Koloss schnell albern wirken, wenn Regie und Effekte nicht sitzen. Beide Fälle stellen dieselbe Frage: Ob sich der Sog eines Internet-Mythos, der von Andeutung und Fantasie lebt, überhaupt in einen fertig ausgeleuchteten Kinofilm übersetzen lässt, ohne den Zauber zu verlieren.

















