
„Scary Movie 6“: Die Bonus-Szenen erklärt
Abspannszenen gehören heute zum Kino-Alltag. In der „Scary Movie“-Reihe waren sie dagegen lange die Ausnahme. Scary Movie 6 (2026) liefert nun gleich zwei davon.
Im Abspann laufen zwei eigenständige Sequenzen – beide deutlich länger und aufwendiger als ein typischer Marvel-Stinger, also jene kurzen Bonusszenen aus dem Marvel-Universum, die das Format heute prägen. Interessant: Beide Szenen waren ursprünglich für den Hauptfilm geplant. In der Endmontage passten sie jedoch nicht mehr in den Handlungsrhythmus und wurden in den Abspann verschoben.
Diese Verschiebung bekommt durch die konkrete Beschaffenheit der beiden Szenen einen interessanten Beigeschmack. Hinter Scary Movie 6 stehen einmal mehr die Wayans-Brüder. Die Filmemacher-Familie um Keenen Ivory, Marlon und Shawn Wayans, die die Reihe vor über 25 Jahren erfunden hat und für eine lange Tradition komödiantischer Parodien steht. Während der Hauptfilm sich am aktuellen Horrorkino abarbeitet, kehren sie im Abspann zu Material zurück, das näher an dieser Tradition liegt als am Zeitgeist.
„Brosferatu“ und der Wayans-Vampir
Die erste Szene ist ein gefälschter Kinotrailer für einen Film namens „Brosferatu“. Die Vorlage ist Nosferatu (2024) von Robert Eggers und eine der visuell auffälligsten Horrorproduktionen der letzten Jahre. Bill Skarsgård spielt darin den Vampir Graf Orlok, Lily-Rose Depp die junge Frau, die er heimsucht. Der Film ist eine Neuinszenierung des deutschen Stummfilmklassikers von 1922, jenes Werks, mit dem das Vampirkino historisch beginnt.

Was die Wayans aus dieser Vorlage machen, ist überraschend weit weg vom Eggers-Original. Im Brosferatu-Trailer geht es um einen Schwarzen Vampir, der eine weiße Frau verführt und gleichzeitig die kritischen Blicke Schwarzer Frauen fürchtet. Der Witz spielt damit nicht primär auf den prestigeträchtigen Auteur-Gestus von Eggers an. Er steht in der Tradition jener Wayans-Komödien, die Beziehungsdynamiken zwischen Schwarzen und Weißen als komisches Material nutzen, von White Chicks (2004) bis zu früheren Sketchen aus der eigenen Familie. Das gotische Nosferatu-Setting liefert dabei vor allem die Bühne. Die eigentliche Pointe sucht ihren Witz im klassischen Wayans-Repertoire.
„Shorthand“ und der Cage-Auftritt aus zweiter Hand
Die zweite Sequenz parodiert Longlegs (2024), den Mystery-Thriller von Osgood Perkins. Im Original spielt Nicolas Cage einen Serienkiller, dessen Auftreten zwischen Satanismus, religiöser Wahnvorstellung und reiner Albtraumlogik schwankt. Vor allem die Verhörszene ist im popkulturellen Gedächtnis geblieben, weil Cage darin alles aufruft, wofür er bekannt ist: schrille Stimmfarben, ein entrückter Blick und eine Performance an der Schwelle zur Selbstauflösung.
Den Verhörstuhl der Scary Movie 6-Version besetzt Chris Elliott. Der Schauspieler kehrt als Hanson zurück, der exzentrische Butler aus Scary Movie 2 (2001), dessen missgebildete Hand bereits damals zu den Running Gags der Figur gehörte. Für den neuen Film wurde Hanson in „Shorthand“ umbenannt – ein Wortspiel, das sowohl auf seine „kurze Hand“ als auch auf den Horrorhit Longlegs anspielt.
Zwei Ermittler, gespielt von Heidi Gardner und Damon Wayans Jr., verhören ihn unter dem Verdacht, der neue Ghostface zu sein. Während des Verhörs schlägt Elliott den eigenen Kopf wiederholt auf den Tisch und scheint sichtbar Spaß daran zu haben. Die Szene übernimmt damit eine sehr konkrete Geste der Cage-Performance: die unkontrollierbare, fast lustvolle Übersteuerung, mit der Cage Verhörszenen in Longlegs aus dem Stand kippen lässt. Für langjährige Fans steckt darin gleich ein doppelter Gag, weil Elliotts Charakter in Scary Movie 2 schon damals durch diese Hand definiert war.
Warum die Wayans-Brüder im Abspann zu sich selbst zurückkehren
Der Hauptfilm parodiert eine ganze Reihe aktueller Hits, darunter Blood and Sinners (2025), Get Out (2017), Smile (2022), The Substance (2024), Terrifier (2018), Weapons (2025) und M3GAN (2022). Diese Vorlagen lassen sich gut im Rhythmus einer Komödie zerlegen, weil sie selbst bereits mit klaren Genre-Bildern und schnell wiedererkennbaren Situationen arbeiten. Slasher-Verfolgungen, das hypnotische Spiel mit Kontrolle wie in Get Out, ikonische Killerpuppen – all das funktioniert in 90-Sekunden-Gags.
Die beiden Credit-Szenen funktionieren anders. Sie sind Sketche, die Zeit für ihre Pointen benötigen. Brosferatu lebt vom Trailer-Aufbau mit Pseudo-Pathos und narrativen Andeutungen. Ohne diesen Rahmen landet die Pointe nicht. Die Shorthand-Szene wiederum braucht das Verhör-Setting, sonst greift der Cage-Bezug ins Leere. Beiden Szenen ist gemein, dass sie Zeit zum Atmen verlangen, die der Hauptfilm im laufenden Slasher-Rhythmus nicht hätte hergeben können.
Dass diese beiden Szenen es nicht in den Hauptfilm geschafft haben, sagt etwas über die Endmontage. Es sagt aber auch etwas über die Reihe selbst.
Scary Movie 6 arbeitet sich im Hauptteil am aktuellen Horror ab, an dem, was gerade Quote macht. Im Abspann gibt es dagegen den altbekannten Wayans-Witz, mit Pointen über Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen bei Brosferatu und einem Insider-Gastauftritt bei Shorthand. Wenn die Mid-Credit-Szenen als die besseren Momente des Films gelten, liegt das auch daran, dass sich die Familie dort etwas zugesteht, was sie im Hauptfilm zugunsten der Zeitgeist-Hits zurückgenommen hat.
































