
Haben die Russos das Ende von „Avengers: Doomsday“ verraten?
Vor dem Start eines Films versuchen Regisseure normalerweise, möglichst wenig über Handlung und Ende preiszugeben. Joe und Anthony Russo haben nun einen anderen Weg gefunden, über ihren kommenden Avengers-Zweiteiler zu sprechen: über ein Vorwort zu einem Comic. Am 18. August veröffentlichte Marvel eine neue Ausgabe von Jonathan Hickmans Avengers: Time Runs Out, jener Geschichte, die 2015 unmittelbar in Secret Wars überging. Das Vorwort stammt ausgerechnet von den beiden Regisseuren von Avengers: Doomsday (2026). Dort erklären sie, was sie an Hickmans Geschichte besonders interessiert.
Für sich genommen wäre das nur eine Würdigung einer bekannten Comicreihe. Interessanter wird es dadurch, dass Kevin Feige genau diesen Stoff als wichtige Grundlage für die kommenden Filme genannt hat. Die Russos verraten zwar weder Szenen noch konkrete Wendungen. Sie beschreiben aber sehr genau, wie eine Welt auseinanderfällt, warum Verbündete aneinander scheitern und was Doctor Doom antreibt. Wer die Comics kennt, kann daraus bereits ziemlich viel über die mögliche Struktur der beiden Filme ableiten.
„Doomsday“: Der Untergang beginnt nicht mit einer Explosion
Die auffälligste Passage des Vorworts handelt zunächst gar nicht von Doctor Doom. Stattdessen schreiben die Russos über den Prozess, durch den eine Gruppe und schließlich eine ganze Welt zerbrechen können.„Zerstörung kommt manchmal nicht als einzelner Schlag. Sie kommt durch Entscheidungen, die in Ungewissheit getroffen werden, und durch Brüche zwischen Menschen, die dasselbe wollen und trotzdem nicht zueinanderfinden“, schreiben die Russos.
Sinngemäß beschreiben sie damit eine Zerstörung, die nicht in einem einzigen großen Moment stattfindet, sondern durch falsche Entscheidungen, Unsicherheit und Konflikte zwischen Menschen entsteht, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen. Genau diese Dynamik prägt Time Runs Out. Während die verschiedenen Universen zunehmend miteinander kollidieren, verliert auch das Avengers-Team seinen inneren Zusammenhalt.
Noch deutlicher wird die Aussage direkt danach: „Es ist keine dramatische Explosion. Es ist Angst. Es ist Kompromiss. Es ist die langsame Erosion des Vertrauens unter Menschen, denen einander viel bedeutet und die den Sturz trotzdem nicht verhindern können.“ Die Russos beschreiben damit keinen heroischen Sieg, sondern das genaue Gegenteil: ein Scheitern, das sich schleichend vollzieht.“
Sollte diese Beschreibung tatsächlich auf Avengers: Doomsday übertragen werden, deutet das auf ein ungewöhnliches Ende hin. Dann würde der Film nicht mit einem klassischen Sieg der Avengers schließen, sondern mit einer Niederlage, die sich schon lange vorher aufgebaut hat.

„Secret Wars“: Doom glaubt, nur Kontrolle könne alles retten
„In der zweiten Hälfte wenden sich die Russos Doctor Doom zu. Auch hier bleibt die Formulierung auffällig konkret. „In Secret Wars versucht er, die Realität allein durch Willenskraft an ihrem Platz zu halten. Er glaubt, er könne alles retten, wenn er nur genug davon kontrolliert“, schreiben sie.
Wer Hickmans Secret Wars gelesen hat, kennt das Ergebnis. Nach dem Zusammenbruch des Multiversums herrscht Doom über eine neue Welt, die aus Fragmenten verschiedener Realitäten zusammengesetzt wurde. Er besitzt dort beinahe göttliche Macht.
Spannend ist deshalb weniger, dass die Russos diesen Comicstoff erwähnen, sondern wie selbstverständlich sie Dooms Motivation beschreiben. Sollte Marvel diesem Aufbau folgen, würde sich für die beiden Filme eine klare Struktur ergeben: Doomsday erzählt den Kollaps, Doom geht als Sieger daraus hervor und Secret Wars spielt anschließend in einer Welt, die nach seinen Regeln funktioniert.
Damit ließe sich auch erklären, warum Marvel die Geschichte auf zwei Filme verteilt. Der erste Teil müsste nicht zwangsläufig auf eine klassische Auflösung zulaufen. Er könnte vielmehr genau dort enden, wo bei einem normalen Avengers-Film sonst der Tiefpunkt kurz vor dem Finale läge.
Vielleicht verraten die Russos sogar Dooms Schwäche
Eine weitere Zeile wirkt fast wie eine Beschreibung dessen, woran Doom letztlich scheitern könnte. „Selbst wer die Existenz neu formen kann, entkommt den Gefühlen nicht, die ihn ausmachen.“ Wenn Marvel dieser Idee folgt, würde Doom nicht daran scheitern, dass plötzlich jemand stärker ist. Sein Problem wäre vielmehr seine eigene Persönlichkeit. Genau dazu passt eine andere Aussage der Russos: Sie hätten sich schon immer für Figuren interessiert, die nach etwas Edlem oder Großem greifen und sich dabei selbst verlieren. Das macht aus Doom keinen einfachen Bösewicht. Es beschreibt vielmehr eine tragische Figur, die überzeugt davon ist, das Richtige zu tun und gerade deshalb immer weiter geht. Seine Motivation wäre dann nicht Zerstörung um der Zerstörung willen, sondern die Vorstellung, nur er könne eine sterbende Realität retten. Auch die bisherige Darstellung durch Robert Downey Jr. würde dazu passen. Doom wirkt bislang weniger wie jemand, der mit Vernichtung droht, sondern wie jemand, der erklären will, warum nur seine Lösung funktionieren kann.
Eine Frage könnte das Thema beider Filme sein
An einer Stelle bringen die Russos ihre Faszination für Hickmans Geschichte auf eine einzige Frage herunter: „What remains when everything else falls apart?“ Sinngemäß: Was bleibt übrig, wenn alles andere zerfällt?
Das dürfte mehr sein als nur eine schöne Formulierung für ein Comic-Vorwort. Sie passt sowohl zu Time Runs Out als auch zu Secret Wars und könnte damit die thematische Klammer des gesamten Zweiteilers bilden. Wenn Welten verschwinden, Freundschaften brechen und selbst Identitäten durch Varianten austauschbar werden, bleibt die Frage, was eine Figur eigentlich noch definiert.
Die Russos beschreiben Hickmans Werk entsprechend als Geschichte über Identität, Hoffnung und den Preis dafür, etwas retten zu wollen, das größer ist als man selbst. Gerade nach mehreren MCU-Jahren voller Paralleluniversen und Varianten wäre das ein überraschend persönlicher Kern für das Finale dieser Phase.
Haben die Russos damit wirklich gespoilert?
Im klassischen Sinn eher nicht. Das Vorwort nennt keinen Todesfall, verrät keine konkrete Szene und bestätigt auch kein Filmende. Niemand erfährt daraus, welche Figur wann gegen wen kämpft oder wer am Schluss noch lebt.
Trotzdem steckt darin womöglich mehr als in vielen offiziellen Interviews. Die Russos erklären die Mechanik des Zerfalls, beschreiben Dooms Motivation und deuten sogar an, wo seine entscheidende Schwäche liegen könnte. Wer die Comicvorlage kennt, kann diese Aussagen problemlos mit der bekannten Handlung von Time Runs Out und Secret Wars verbinden.
Der wahrscheinlichste Bauplan wäre damit klar: Die Avengers scheitern in Doomsday daran, den Zusammenbruch aufzuhalten. Doom übernimmt anschließend die Kontrolle über die Reste der Realität. Secret Wars beginnt in dieser neuen Ordnung und erzählt schließlich, warum auch ein nahezu allmächtiger Doom an sich selbst scheitert.
Ob Marvel tatsächlich so nah an der Vorlage bleibt, wissen wir erst am 16. Dezember. Wer bis dahin möglichst nichts über die mögliche Richtung erfahren will, sollte das Vorwort lieber ungelesen lassen. Alle anderen bekommen auf zwei unscheinbaren Comicseiten womöglich den bislang deutlichsten Hinweis darauf, wie Joe und Anthony Russo ihren Avengers-Zweiteiler aufgebaut haben.











