10 queere Serien, die viel zu früh abgesetzt wurden

10 queere Serien, die viel zu früh abgesetzt wurden

Nora Henze
Nora Henze

Veröffentlicht am 17. Juni 2026

Aktualisiert am 17. Juni 2026

Im Streaming-Geschäft gibt es eine Logik, die niemand offiziell ausspricht, und die Fans queerer Serien kennen sie inzwischen so gut, dass sie das Ende mitsprechen können: Sobald die Hauptromanze ernsthaft kippt, beginnt die Absetzungs-Uhr zu ticken. Eine Staffel reicht meistens, zwei sind schon ein Erfolg. Dann kommt die Pressemitteilung mit den bekannten Vokabeln: zu wenig Reichweite, zu teure Produktion. 

Die Fans wehren sich mit allem, was ihnen einfällt, von Hashtag-Kampagnen bis zu bezahlten Werbetafeln in den großen US-Metropolen. Geholfen hat es bisher selten. 

Die folgenden zehn Beispiele aus dem letzten Jahrzehnt zeigen, wie verlässlich sich das Muster wiederholt. Und genau deswegen lohnt es sich, diese Serien noch einmal zu sehen.

01

Sense8
Sense8

Sense8

2015

Acht Menschen in acht Städten erleben plötzlich die Sinneseindrücke der jeweils anderen, und das ist nur die Grundprämisse einer Serie, die danach noch dreimal so seltsam und dreimal so groß wird. Sense8 (2015) stammt von Lana und Lilly Wachowski, den Schöpferinnen von Matrix (1999), und ist von einer Wärme durchzogen, die im Action-Sci-Fi-Bereich außergewöhnlich ist. Die queere Erzählung ist hier kein Beiwerk: Die Trans-Heldin Nomi, gespielt von Jamie Clayton, und das schwule Paar Lito und Hernando aus Mexiko-Stadt tragen das Ganze mit. Nach zwei Staffeln zog Netflix 2017 mit Verweis auf hohe Produktionskosten den Schlussstrich, eine Begründung, die viele als Ausrede lasen, weil der Streamer parallel in deutlich teurere Projekte investierte. Eine weltweite Fan-Bewegung erreichte immerhin, dass die Wachowskis einen abschließenden Spielfilm drehen durften, der den Riss in der Erzählung trotzdem nicht ganz kitten konnte.

02

Warrior Nun
Warrior Nun

Warrior Nun

2020

Selten hat ein Nonnenorden so glaubhaft Action geliefert wie der Order of the Cruciform Sword, in dem junge Frauen mit Schwertern und einer Menge Glaubensfragen unterwegs sind. Warrior Nun (2020) folgt der jungen Waise Ava Silva (Alba Baptista), die nach einem Unfall mit einem göttlichen Artefakt im Rücken erwacht und plötzlich Teil dieses Kampfes gegen Dämonen wird. Was zunächst nach reinem Genre-Spaß aussieht, entwickelt über zwei Staffeln eine der eindringlichsten sapphischen Liebesgeschichten der jüngeren Streaming-Geschichte, mit Avas wachsender Beziehung zur Schwester Beatrice (Kristina Tonteri-Young) im Zentrum. Die zweite Staffel endete mit einem Schock-Moment, der ein drittes Kapitel offensichtlich vorbereitete. Netflix entschied sich trotzdem wenige Wochen später dagegen und ließ Fans wie Cast ohne geordneten Abschluss zurück. Die Bewegung #SaveWarriorNun lief monatelang weltweit, eine vom Showrunner Simon Barry angekündigte Fortsetzung außerhalb von Netflix steht bis heute aus.

03

First Kill
First Kill

First Kill

2022

Für ein Genre, das jahrzehntelang queere Romantik bestenfalls als Subtext angedeutet hat, war dieser Film eine Ansage: First Kill (2022) ist die Liebesgeschichte zwischen einer Vampirin und einer Vampirjägerin, die hier von Sekunde eins an im Zentrum steht, ohne Versteckspiel und ohne den im Genre üblichen Strafmechanismus im Finale. Juliette (Sarah Catherine Hook) soll als angehende Vampirin ihr erstes Opfer reißen und sucht sich ausgerechnet Calliope (Imani Lewis) aus, die aus einer Familie von Monsterjägern stammt. Die erste Staffel landete im Sommer 2022 in 82 Ländern in den Netflix-Top-10, hielt sich dort wochenlang und brachte laut Netflix selbst rund 100 Millionen gestreamte Stunden. Die Absetzung folgte trotzdem, mit der offiziellen Begründung, die Zahlen seien angeblich nicht ausdauernd genug gewesen.

04

Gentleman Jack
Anne Lister hat im England des Jahres 1832 wirklich gelebt, hat verschlüsselte Tagebücher über ihre Liebesaffären mit anderen Frauen geführt und 1834 eine inoffizielle Eheschließung mit Ann Walker vollzogen. Gentleman Jack (2019) erzählt diese Geschichte mit Suranne Jones in der Titelrolle, die in jeder Szene zwischen Charme und Skrupellosigkeit changiert und ihre Lister immer dann verletzlich werden lässt, wenn man es am wenigsten erwartet. Sally Wainwright, bekannt für Happy Valley (2014), baut die Erzählung dicht und direkt: Lister wendet sich regelmäßig an die Kamera und zieht die Zusehenden ins Vertrauen, was im historischen Drama selten so gut funktioniert. Nach zwei Staffeln beendeten HBO und BBC die Serie 2022 gemeinsam, obwohl beide Sender mehrfach öffentlich erklärt hatten, eine dritte Staffel wäre möglich. Ann Walkers (Sophie Rundle) und Anne Listers gemeinsames Leben blieb erzählerisch im halben Schritt stehen, ohne dass die Serie ein eigenes Ende setzen durfte.

An den Film von 1992 können sich viele erinnern. Eine Klasse für sich (1992) präsentierte damals mit Tom Hanks, Geena Davis und Madonna die Top-Stars. Die Serie A League of Their Own (2022) erzählt diese Welt neu, aber ehrlicher: Sie folgt den Rockford Peaches der All-American Girls Professional Baseball League während des Zweiten Weltkriegs und macht das, was der Film aus Vorsicht ausgespart hatte, sichtbar. Co-Schöpferin Abbi Jacobson (Broad City (2014)) spielt die queere Catcherin Carson Shaw, daneben steht D'Arcy Carden als Pitcherin Greta Gill, die mit ihrer Souveränität die ersten Folgen entscheidend trägt. Eine zweite Staffel mit nur vier Episoden war bereits genehmigt, dann zog Amazon im März 2023 auch diese verkürzte Version zurück, ohne stichhaltige Erklärung. Wer den Cliffhanger zur Black-Spielerin Maxine Chapman (Chanté Adams) erlebt hat, weiß, was da unfertig liegen geblieben ist.

Was wäre, wenn eine klassische Multicamera-Sitcom plötzlich ernsthaft über das Coming-out einer Latinx-Teenagerin erzählen würde? One Day at a Time (2017) gibt darauf eine Antwort, die in ihrer Direktheit und Wärme einzigartig bleibt. Penelope Alvarez (Justina Machado), alleinerziehende kubanisch-amerikanische Veteranin in Los Angeles, lebt mit ihrer Mutter Lydia (Rita Moreno) und ihren zwei Kindern in einem winzigen Apartment, und die Serie verhandelt nebenbei psychische Gesundheit und Veteranentrauma so überzeugend wie wenige sonst. Im Zentrum steht das Coming-out der Tochter Elena (Isabella Gomez), das die Serie nicht in einer Folge abhandelt, sondern über mehrere Staffeln glaubwürdig erzählt. Das Reboot von Norman Lears Original aus den 70ern wurde von Netflix nach drei Staffeln 2019 abgesetzt, von Pop TV ein Jahr lang gerettet und dann endgültig eingestellt. Showrunnerin Gloria Calderón Kellett hat den Cut öffentlich als Schlag für Latinx-Repräsentation kommentiert.

07

The Wilds
The Wilds

The Wilds

2020

Wenn diese Serie ein Trick wäre, wäre er in den ersten zehn Minuten gelüftet: Eine Gruppe Teenagerinnen strandet nach einem Flugzeugabsturz auf einer Pazifikinsel, und die Anfangsszene verrät schon, dass die Notlandung kein Zufall war. Auf der Oberfläche ist The Wilds (2020) ein Survival-Drama im Stil von Lost (2004), in der Tiefe eine Charakterstudie über junge Frauen mit sehr unterschiedlichen Herkünften, die unter Beobachtung stehen und nichts davon ahnen. Besonders die zweite Staffel kippt die Erzählung in einen klügeren, queereren Modus, als die Insel der Jungs hinzukommt und die Liebesgeschichte zwischen Shelby (Mia Healey) und Toni (Erana James) ihre volle Wucht entfaltet. Amazon hat die Serie 2022 ohne Vorwarnung abgesetzt, obwohl Showrunnerin Sarah Streicher den Plan für drei Staffeln öffentlich skizziert hatte. Was übrig bleibt, ist ein offenes Ende und ein Liebespaar, dem das Finale gestohlen wurde.

08

Anne with an E
Drei Staffeln und eine internationale Werbetafel-Kampagne später bleibt Anne with an E (2017) eine der bittersten Cancellation-Geschichten ihrer Zeit. Die kanadisch-amerikanische Netflix-/CBC-Produktion erzählt die Geschichte der 13-jährigen Waise Anne Shirley (Amybeth McNulty), die im Prince Edward Island des späten 19. Jahrhunderts bei den Geschwistern Marilla und Matthew Cuthbert aufgenommen wird. Dabei interpretiert die Serie die Romane von L. M. Montgomery und den Kult-Mehrteiler Anne of Green Gables (1985) als Drama über die Folgen von Mobbing und Trauma. In der dritten Staffel führt Showrunnerin Moira Walley-Beckett die Coming-out-Storyline des sanften, künstlerisch begabten Cole Mackenzie (Cory Gruter-Andrew) ein, der bei der einzigen offen queeren Erwachsenen der Stadt Zuflucht findet. Netflix und CBC setzten die Produktion im November 2019 ab, ohne Walley-Beckett oder dem Cast Gelegenheit zu geben, die Geschichte zu Ende zu erzählen. Die Kampagne #renewannewithane finanzierte Werbetafeln in New York und Mumbai – das half aber leider nichts.
Eine Piraten-Sitcom aus dem 18. Jahrhundert, in der Captain Blackbeard sich in einen aristokratischen Bibliophilen verliebt, hätte auf so vielen Ebenen schiefgehen können. Our Flag Means Death (2022) macht daraus stattdessen eine ungewöhnlich warmherzige queere Comedy, in der sich Stede Bonnet (Rhys Darby) und Edward Teach alias Blackbeard (Taika Waititi) Folge für Folge ineinander verlieben. Showrunner David Jenkins basiert seine Serie lose auf dem historischen Stede Bonnet, einem britischen Aristokraten, der 1717 sein Erbe gegen ein Piratenschiff eintauschte und damit grandios scheiterte. Im Januar 2024 setzte Max die Serie nach zwei Staffeln ab, knapp drei Monate nach Release der zweiten Staffel und obwohl Jenkins seine Pläne für einen Staffel-3-Abschluss bereits öffentlich gemacht hatte. Eine Petition mit fast 50.000 Unterschriften konnte daran nichts ändern.

10

Tuca & Bertie
Animation als Form sei in Hollywood notorisch unterbewertet, sagt Schöpferin Lisa Hanawalt seit Jahren. Tuca & Bertie (2019) ist der wahrscheinlich beste Beweis dafür. Die Serie der BoJack Horseman (2014)-Produktionsdesignerin spielt in einer Vogelstadt, in der Pflanzen sprechen, Häuser Sex miteinander haben und niemand das ganz besonders erklärungsbedürftig findet. Tuca (im Original gesprochen von Tiffany Haddish) ist bisexuell, ihr Tukan-Wesen wechselt fließend zwischen kämpferisch und verletzlich, und die Serie lässt das nie zur Pointe verkommen. Hanawalt nutzt die Cartoon-Form für Themen, die ohne Tiere kaum dieselbe Wucht hätten, etwa sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und das, was sich hinter chronisch heruntergespieltem Trauma verbirgt. Netflix setzte die Serie nach einer Staffel 2019 ab, woraufhin Hanawalt öffentlich darauf hinwies, wie selten weibliche Animationsstimmen im Streaming-Geschäft eine zweite Chance bekommen. Adult Swim rettete die Serie für zwei weitere Staffeln, dann war 2022 endgültig Schluss.

Über diese Liste

Titel

10

Gesamtkosten fürs Ansehen

55,96 €

Gesamtlaufzeit

146h 46min

Genres

Drama, Komödien, Mystery & Thriller

Wo kann ich die Titel von dieser Liste online anschauen?

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Auf dieser Liste befinden sich 10 Titel und du kannst 6 von ihnen auf Netflix anschauen. 7 weitere Streamingdienste haben aktuell ebenfalls einige der Titel im Angebot.

  1. 6 Titel Netflix
  2. 6 Titel Netflix Standard with Ads
  3. 2 Titel HBO Max
  4. 2 Titel HBO Max Amazon Channel
  5. 2 Titel Amazon Prime Video