Queere Filme und Serien: 10 LGBTQ-Meilensteine aus Deutschland

Queere Filme und Serien: 10 LGBTQ-Meilensteine aus Deutschland

Arabella Wintermayr
Arabella Wintermayr

Veröffentlicht am 09. Juni 2026

Aktualisiert am 09. Juni 2026

Mittlerweile gehören queere Figuren immer öfter zum deutschen Film- und Fernsehangebot. Doch der Weg dorthin war lang und oft von harschen gesellschaftlichen Kämpfen begleitet. Während einige Werke schon in der Weimarer Republik gleichgeschlechtliche Liebe auf die Leinwand brachten, entstanden andere erst Jahrzehnte später aus den Schwulen- und Lesbenbewegungen der Bundesrepublik. Wieder andere erweiterten später den Blick um Themen wie Migration, Klasse oder unterschiedliche kulturelle Prägungen. 

Die folgende Auswahl versammelt zehn deutsche LGBTQ-Produktionen, die Türen geöffnet, Debatten angestoßen und queere Lebensrealitäten sichtbarer gemacht haben. Sie reichen vom Internatsdrama der 1930er Jahre bis hin zu den vielschichtigen Großstadtgeschichten der Gegenwart – und erzählen zugleich ein Stück deutscher Gesellschaftsgeschichte.

Lange noch bevor Begriffe wie LGBTQ+ oder Queer Cinema in öffentlichen Debatten existierten, erzählte Regisseurin Leontine Sagan mit Mädchen in Uniform (1931) von der Liebe der Internatsschülerin Manuela (Hertha Thiele) zu ihrer Lehrerin Fräulein von Bernburg (Dorothea Wieck). Vor der Kulisse eines strengen preußischen Mädcheninternats entwickelt sich allerdings nicht nur eine Geschichte über Sehnsucht, sondern auch über persönliche Freiheit im Angesicht einer strafenden Autorität. 

In der Rückschau ist es durchaus bemerkenswert, dass Mädchen in Uniform die Gefühle seiner jungen Protagonistin weder lächerlich macht noch verurteilt. Anders als viele Filme nach ihm, begegnet er Manuelas tiefem Empfinden mit Empathie und Ernsthaftigkeit. Dadurch entstand eines der frühesten und bedeutendsten Werke lesbischer Filmgeschichte – und ein außergewöhnliches Zeugnis der kulturellen Offenheit der späten Weimarer Republik.

Als Rosa von Praunheims Werk Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt im Jahr 1971 erstmals im Fernsehen ausgestrahlt wurde, löste es heftige Reaktionen aus. Vor allem, weil das Werk das Publikum zu einer Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität zwang – und das zu einer Zeit, in der queere Lebensrealitäten weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt wurden. Erzählt wird davon durch die Perspektive des jungen Daniel (Bernd Feuerhelm), der nach Berlin zieht und dort die schwule Szene kennenlernt.

Die eigentliche Bedeutung des Films liegt allerdings in seiner politischen Botschaft: Rosa von Praunheim kritisiert gesellschaftliche Ausgrenzung ebenso wie Anpassungsdruck innerhalb der schwulen Community selbst und fordert mit seinem Werk mehr Selbstbewusstsein und Solidarität ein. Und das durchaus mit Erfolg: Nach der Ausstrahlung entstanden in vielen deutschen Städten neue schwule Initiativen. Überhaupt hatte kaum ein Werk einen vergleichbaren Einfluss auf die Entwicklung der modernen Schwulenbewegung in Deutschland.

Mit Faustrecht der Freiheit (1975) schuf Rainer Werner Fassbinder einen seiner bekanntesten Filme, der gleichsam zu einem der wichtigsten des europäischen schwulen Kinos dieser Zeit avancierte. Der Regisseur selbst spielt darin den einfachen Schausteller Franz „Fox“ Biberkopf, der durch einen Lottogewinn plötzlichen Zugang zur wohlhabenden Münchner Gesellschaft erhält. Dort verliebt er sich in Eugen (Peter Chatel) und wird allmählich zum Teil einer Welt, deren soziale Regeln er nicht recht versteht. 

Mehr noch als um die Liebe geht es hier demnach um Ausbeutung und Klassenunterschiede – die Homosexualität der Figuren wiederum wird nicht zu einem zentralen Konflikt. Zur Zeit der Entstehung des Films war das außergewöhnlich: Statt Vorurteile der Gesellschaft als solche zu thematisieren, untersucht Rainer Werner Fassbinder die Machtverhältnisse innerhalb einer schwulen Gemeinschaft. 

04

Virgin Machine

Schon der Blickwinkel in Monika Treuts Die Jungfrauenmaschine (1988) war eine kleine Revolution: Lesbisches Begehren ist weder Problem noch Stoff für einen gesellschaftlichen Skandal, sondern Teil eines provokant und experimentell erzählten Selbstfindungsprozesses, der von Lust und dem Wunsch nach Freiheit getrieben ist: Die Journalistin Dorothee (Ina Blum) zieht umher, um über Frauen und die romantische Liebe zu schreiben, reist schließlich sogar nach San Francisco und findet weit mehr als bloßen Stoff für eine Reportage. In der queeren Subkultur begegnet sie Frauen, die ihr selbst neue Lebensentwürfe eröffnen. 

Monika Treut zeichnet ein Panorama lesbischer Erfahrungen, das sich gegen starre Rollenbilder richtet – und eben diese bis heute seltene Mischung aus politischem Anspruch, sexueller Offenheit und spielerischer Leichtigkeit macht Die Jungfrauenmaschine zu einem wichtigen Meilenstein des lesbischen Kinos.

Zugegeben, auf den ersten Blick ist die RTL-Serie typisches Seifenopernfernsehen vor Gefängniskulisse. Tatsächlich aber spielte Hinter Gittern – Der Frauenknast  (1997–2007) eine bedeutende Rolle für die lesbische Sichtbarkeit im deutschen Mainstream. Immerhin begleiteten über zehn Jahre hinweg Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern lesbische Figuren wie Protagonistin Walter (Katy Karrenbauer) oder in späteren Staffeln Sascha (Barbara Sotelsek) und die bisexuelle Anstaltsärztin Kerstin (Meike Schlüter) durch die JVA Reutlitz..

Immer wieder – und mit für das Privatfernsehen erstaunlich großer Selbstverständlichkeit – standen über die 16 (!) Staffeln hinweg lesbische Beziehungen und Affären im Mittelpunkt der Handlung. Während queere Figuren in anderen TV-Produktionen nur sporadisch auftauchten, gehörten sie hier dauerhaft zum Ensemble. Wenn auch nicht in jeder Hinsicht gut gealtert, trug Hinter Gittern so wesentlich dazu bei, lesbische Beziehungen als Bestandteil populärer Fernsehunterhaltung zu etablieren und einem breiten Publikum näherzubringen.

06

Aimée & Jaguar

Queere Figuren waren im (deutschen) Historienfilm lange kaum sichtbar. Aimée & Jaguar (1999) änderte das Ende der 1990er Jahre auf einen Schlag. Max Färberböck erzählt darin von der auf einer wahren Geschichte fußenden Beziehung zwischen der jüdischen Journalistin Felice Schragenheim (Maria Schrader) und der Hausfrau und „Mutterkreuz“-Trägerin Lilly Wust (Juliane Köhler). 

Sie verlieben sich ausgerechnet während des Zweiten Weltkriegs ineinander, der Film ist also weit mehr als eine klassische Romanze. Vielmehr verknüpft Aimée & Jaguar persönliche Sehnsüchte mit den Verwerfungen des Nationalsozialismus, stellt Fragen nach den Machtverhältnissen in dieser Beziehung und macht gleichsam sichtbar, dass queere Menschen nicht nur Teil der Gegenwart, sondern auch deutscher Erinnerungsgeschichte sind.

07

Fremde Haut
Fremde Haut

Fremde Haut

2005

Viele queere Filme erzählen von Menschen, die dabei sind zu lernen, offen zu sich selbst zu stehen. Fremde Haut (2005) hingegen handelt von einer Frau, die gezwungen ist, immer neue Masken aufzusetzen. Nach ihrer Flucht aus dem Iran und der Ablehnung ihres Asylantrags in Deutschland strandet Fariba (Jasmin Tabatabai) in einer deutschen Kleinstadt und nimmt die Identität eines Mannes an, dessen Antrag vor seinem Tod gewährt wurde.

Aus dieser Konstellation entwickelt Angelina Maccarone ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: Fariba muss ihre Herkunft verbergen, ihre Sexualität verschweigen und gleichzeitig eine männliche Rolle spielen, die nicht zu ihr passt. Lange bevor Begriffe wie „Intersektionalität“ richtig in gesellschaftlichen Debatten ankamen, zeigte Fremde Haut damit, wie eng Fragen von Flucht, Geschlecht und sexueller Identität miteinander verwoben sein können. Nicht zuletzt deswegen nimmt der Film innerhalb des deutschen LGBTQ-Kanons bis heute eine besondere Stellung ein.

08

Futur Drei
Futur Drei

Futur Drei

2020

Faraz Shariat begleitet den jungen Parvis (Benjamin Radjaipour), der zwischen familiären Erwartungen, Partynächten und Online-Dates nach Orientierung sucht. Als er Sozialstunden ableisten muss, lernt er schließlich die Geschwister Banafshe und Amon kennen – und zwischen ihnen entwickelt sich eine fragile Beziehung. Zugleich wird deutlich, dass ihre Lebensrealitäten trotz gemeinsamer iranischer Wurzeln kaum vergleichbar sind: Während Parvis als Sohn eingewanderter Eltern in Deutschland aufgewachsen ist, bleibt die Zukunft von Banafshe und Amon von ihrem unsicheren Aufenthaltsstatus abhängig. 

Aus diesem Spannungsverhältnis gewinnt Futur Drei (2020) seine besondere Kraft und verbindet queere Erfahrungen nicht nur mit Fragen von Herkunft, sondern auch mit der nach Privilegien und Klasse, wie sie im deutschen Kino kaum gestellt werden.

09

Große Freiheit

Sebastian Meises vielfach ausgezeichnetes Drama widmet sich einem Kapitel deutscher Geschichte, das lange sträflich wenig Aufmerksamkeit erhielt: Hans Hoffmann (Franz Rogowski) landet nach seiner Inhaftierung in einem Konzentrationslager umgehend im Gefängnis, weil „homosexuelle Handlungen“ weiterhin unter dem § 175 strafbar sind. Dort entwickelt sich eine unwahrscheinliche, angenehm komplex erzählte Beziehung zu seinem Mithäftling Viktor (Georg Friedrich). 

Eindrucksvoll zeigt Große Freiheit (2021) an diesem Schicksal, wie sehr staatliche Verfolgung schwule Lebensrealitäten nach dem Ende des Nationalsozialismus noch über Jahrzehnte hinweg prägte. Gleichzeitig erzählt Sebastian Meise überaus bewegend von Widerstandskraft und dem existenziellen Wunsch nach Freiheit. Durch seine internationale Resonanz machte der Film einem breiten Publikum bewusst, wie lange homosexuelle Männer in Deutschland kriminalisiert wurden. Große Freiheit ist damit nicht nur große Filmkunst, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag in der historischen Aufarbeitung von Unrecht.

10

All You Need

Mit All You Need  (2021–22) rückte überraschenderweise ausgerechnet die ARD erstmals eine Gruppe schwuler Männer ins Zentrum einer deutschen Serie. Im Mittelpunkt stehen vier Freunde in Berlin – gespielt von Benito Bause, Arash Marandi, Frédéric Brossier und Lion Waszczyk –, die durch Dating, Freundschaften, Karrierefragen und Beziehungsprobleme manövrieren. 

Anders ausgedrückt: Weder das Coming-out noch gesellschaftliche Ablehnung bilden den Motor der Handlung. Stattdessen interessiert sich All You Need für die alltäglichen Verwerfungen und Glücksmomente seiner Figuren. Produktionen wie Schwarze Früchte (2024) konnten später auf diesem Fundament aufbauen und den Blick um Erfahrungen erweitern, die selbst innerhalb queerer Erzählungen lange unterrepräsentiert geblieben waren.

Über diese Liste

Titel

10

Gesamtkosten fürs Ansehen

29,38 €

Gesamtlaufzeit

328h 34min

Genres

Drama, Produziert in Europa, Romantik

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