
„The Punisher: One Last Kill“ hat „Spider-Man“ nicht vorbereitet, sondern erledigt
Zwischen zwei Marvel-Projekten liegen in diesem Sommer nur elf Wochen – tonal aber Welten. Am 12. Mai 2026 startete auf Disney+ „The Punisher: One Last Kill“, ein düsteres TV-MA-Special, in dem Jon Bernthal seinen Frank Castle brutaler und kompromissloser spielt als je zuvor seit der Netflix-Ära. Am 31. Juli folgt dann mit Spider-Man: Brand New Day der nächste große MCU-Sommerblockbuster: Tom Holland kehrt als Peter Parker zurück, Regie führt Destin Daniel Cretton – und Bernthal ist ebenfalls dabei. Das Problem: Während Frank Castle im Disney+-Special Menschen foltert, Knochen bricht und sich durch eine nihilistische Gewaltspirale bewegt, wird derselbe Charakter wenige Wochen später in einem familienfreundlichen PG-13-Umfeld eingeführt, in dem Spider-Man ihm erst einmal mit einem Netz den Mund zuklebt, damit er nicht flucht.
Regisseur Reinaldo Marcus Green erklärte zwar, „The Punisher: One Last Kill“ komme „zur richtigen Zeit“, um Franks psychischen Zustand vor „Brand New Day“ zu zeigen. Die tatsächliche Wirkung ist jedoch das genaue Gegenteil: Das Special macht nicht neugierig auf den Spider-Man-Film – es lässt ihn harmloser wirken.

Was „One Last Kill“ etabliert
Bernthal und Green haben das Special nach Garth Ennis’ Welcome Back, Frank (2000/01) gebaut, einer zwölf Hefte langen Comic-Miniserie, die als eine der härtesten Punisher-Geschichten überhaupt gilt. Frank halluziniert seine tote Familie und seinen einstigen Freund Curtis Hoyle, sieht Karen Page in einem Hoodie, setzt sich am Grab seiner Familie eine Pistole an den Kopf und wird nur durch eine Vision seiner toten Tochter Lisa davon abgehalten, abzudrücken. TV-MA-Rating, im Marvel-Television-Kontext bisher selten – nur Echo (2024) und Daredevil: Born Again (2025–2026) haben dieses Rating bekommen. „Variety“-Kritikerin Tess Cagle nennt es „Marvels gewalttätigstes Projekt überhaupt“. Bernthals Vorgabe an Green war laut Green selbst: „Go hard or go home“ und Disney war an Bord. Was das Special liefert, ist genau das, was Fans seit Jahren von der Figur verlangen: keine Kompromisse, keine Cameo-Verniedlichung, keine Witze auf Kosten des Killers. Frank Castle ist hier wieder Frank Castle. Aber: Genau das könnte elf Wochen später zum Problem werden.

Warum die Reihenfolge das Problem ist
Spider-Man-Filme im MCU sind seit Spider-Man: Homecoming (2017) in den USA konsequent PG-13, in Deutschland meist ab 12 Jahren freigegeben. Marvel-Boss Kevin Feige hat in einem Roundtable-Gespräch erklärt, Brand New Day führe Peter Parker bewusst zurück zu Street-Level-Kriminalität, und der Punisher sei die ideale Partnerfigur, weil er bereits 1974 in The Amazing Spider-Man Nr. 129 (Gerry Conway, Ross Andru, John Romita Sr.) als Spidey-Antagonist debütiert hat. Stimmt. Nur war Spider-Man damals selbst ein Comic für junge Erwachsene mit moralischer Grauzone und kein Familienblockbuster. „Variety“-Kritikerin Cagle bringt das Problem in ihrer Review auf den Punkt: „Es bleibt abzuwarten, wie der TV-MA-Punisher in den sehr PG-13-Spider-Man-Film passen wird.“
Hätte Marvel die Reihenfolge umgedreht – erst der Kinofilm, dann das Special – wäre die Sache zu retten gewesen: Bernthals Auftritt im Spider-Man-Film hätte als oberflächliche Variante funktioniert, das Special hätte danach die ernsthafte Version geliefert. So aber sehen wir im Mai den eigentlichen Frank Castle und im Juli die kommerziell entschärfte Karikatur davon.
Was Marvel hier falsch gemacht hat
Marvel will zwei völlig gegensätzliche Tonlagen gleichzeitig bedienen. Das Studio will den Hardcore-Fans den blutigen Netflix-Punisher liefern, weil sie wissen, dass Bernthals Frank die emotional dichteste Figur des MCU-Streamings ist. Es will gleichzeitig den Sommerblockbuster mit Tom Holland in 4DX-Kinos zeigen, in denen Kinder unter 10 die Hauptzielgruppe sind. Beide Anliegen schließen sich erzählerisch aus.
Das Special hat gezeigt: Punisher funktioniert nur in einer Welt, in der Konsequenzen real sind. Brand New Day wird diese Welt vermeiden. Bernthal hat dem „ScreenRant“-Reporter Liam Crowley gesagt, ihm sei wichtig gewesen, dass ein Punisher „von einem Set runtergehen und auf das andere drauftreten“ könne.
Interessant: Zwischen den beiden Sets hatte Bernthal noch einen weiteren Stop, nämlich Die Odyssee (2026) von Christopher Nolan, Kinostart 17. Juli 2026, in der er Menelaos spielt – neben Tom Holland (Telemachos) und Zendaya (Athene), den beiden Spider-Man-Hauptdarstellern. Vier Wochen Nolan-Epos, danach das Webschießen mit dem zugekleisterten F-Wort. Die Hoffnung, dass das tonal aufgeht, sieht von außen optimistisch aus.
Was dieser Kollisionskurs für die Marke bedeutet, lässt sich an einer Zahl ablesen: Spider-Man: No Way Home (2021) hat weltweit 1,9 Milliarden Dollar eingespielt, Brand New Day wird diese Marke voraussichtlich übertreffen. Aber jeder erwachsene Marvel-Fan mit Disney+-Abo wird im Juli im Kino sitzen und denken, dass er den eigentlichen Frank Castle bereits gesehen hat. Den, der wirklich gilt. Den anderen, der noch nicht einmal „Fuck“ sagen darf, wird er als das einordnen, was er ist: ein Marketingkompromiss im Punisher-Kostüm.
Als der erwachsene Punisher elf Wochen vor dem Familien-Punisher in die Wohnzimmer geliefert wurde, hat das Studio die eigene Spider-Man-Kasse mit dem eigenen Disney+-Special angeschossen. Von außen sieht das nach einem Fehler aus, der größer ist als die meisten Phase-Fünf-Filme zusammen.




































