
„Petals of Reincarnation“ ist schon jetzt der umstrittenste Anime des Jahres
Ein Manga, der seit 2014 läuft. Über drei Millionen verkaufte Exemplare in Japan. Und eine Anime-Adaption, die noch vor der ersten Folge mehr Diskussionen ausgelöst hat als die meisten Serien in ihrer gesamten Laufzeit.
Petals of Reincarnation (2026) ist offiziell der umstrittenste Anime der Frühjahrssaison – und das Hakenkreuz auf Hitlers Uniform wurde bereits zensiert, bevor irgendjemand außerhalb Japans eine Folge gesehen hat.
Was die Serie überhaupt ist
Die Prämisse von Mikihisa Konishis Manga, der seit 2014 in Japan läuft: Es gibt ein Objekt namens „Branch of Reincarnation". Wer sich damit die Kehle aufschlitzt, erlangt die Fähigkeiten seines früheren Lebens – die Talente berühmter historischer Persönlichkeiten. Diese sogenannten „Returner" sind in zwei Lager gespalten: die „Forest of the Greats", die Reinkarnationen herausragender historischer Figuren versammelt, und die „Sinners", deren Mitglieder die Fähigkeiten berüchtigter Verbrecher und Diktatoren nutzen.
Protagonist Touya Senji ist ein Gymnasiast mit Minderwertigkeitskomplex, der in diese Welt hineingezogen wird. Auf der Seite der Sinners stehen unter anderem Pol Pot, Hans-Ulrich Rudel – einer der berüchtigtsten Piloten der Wehrmacht – und Adolf Hitler, reinkarniert im Körper eines jungen Mädchens. Das Hakenkreuz auf ihrer Uniform wurde in der Anime-Adaption zensiert. Ein Teil der Fangemeinde fordert die Rückkehr des Symbols. Andere stellen grundsätzlichere Fragen.
Eine lange Geschichte der Nazi-Ästhetik im Anime
Petals of Reincarnation (2026) ist nicht der erste Anime, der mit Nazi-Symbolik in Berührung kommt. Kinnikuman (1979) führte mit Brockenman und Brocken Jr. zwei Wrestler-Charaktere ein, die in Nazi-Uniformen auftraten – Hakenkreuze inklusive. Brocken Jr. wurde im Laufe der Serie zum Helden. In Frankreich führte das zeitweise zu einem Verbot der Serie: nicht wegen der Symbolik an sich, sondern weil ein Charakter mit Nazi-Ästhetik als positiver Held präsentiert wurde. Das Hakenkreuz wurde in späteren Ausgaben still aus dem Manga entfernt, ohne je explizit thematisiert zu werden.
Der Umgang mit solchen Symbolen unterscheidet sich in Japan historisch von dem in Europa oder den USA – eine Tatsache, die Fans und Kritiker immer wieder als Erklärungsansatz, aber auch als unzureichende Rechtfertigung anführen.
Anime und historische Figuren: ein eigenes Genre
Petals of Reincarnation steht in einer Tradition, die im Anime und Manga eine lange Geschichte hat. Die Fate-Reihe baut seit Jahren ihr Universum auf historischen und mythologischen Figuren auf – Artus, Leonardo da Vinci, Nero, Nikola Tesla – und behandelt dabei Fragen von Heldenverehrung und Identität. Hetalia (2010) personifizierte Nationen als Charaktere, was je nach Perspektive als harmlose Satire oder als Verharmlosung gelesen wurde. Record of Ragnarok (2021) ließ Götter gegen historische Menschen kämpfen – darunter Shiva, Zeus und Thor auf Götterseite, Adam, Nikola Tesla und Jack the Ripper auf menschlicher Seite – und wurde in Indien verboten, weil hinduistische Gruppen die Darstellung ihrer Götter als beleidigend empfanden.
Der Unterschied, den Kritiker bei Petals of Reincarnation betonen: Die anderen Franchises bewegen sich im Bereich mythologischer Figuren oder nutzen historische Persönlichkeiten als lose Inspiration. Hitler, Pol Pot und Rudel sind keine mythologischen Figuren, sondern Täter, deren Verbrechen für Millionen Menschen noch lebendige Geschichte sind. Befürworter der Serie entgegnen, dass die Figuren klar als Antagonisten positioniert sind und die Serie keine Sympathie für ihre realen Vorbilder wecke.
Was im Westen anders läuft – und was nicht
Die westliche Popkultur hat ihre eigenen Antworten auf die Frage gefunden, wie mit Nazis in der Fiktion umzugehen ist. Indiana Jones boxt Nazis – Katharsis ohne tiefere Analyse. Der Red Skull im MCU trägt Nazi-Ästhetik als Comicbösewicht-Design. The Man in the High Castle (2015–2019) versuchte eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit einer Welt, in der die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Keine dieser Antworten gilt als abschließend – die Debatte darüber, wie Fiktion mit historischen Verbrechen umgehen darf und soll, wird im Westen wie in Japan weitergeführt.
Was Petals of Reincarnation von diesen Beispielen unterscheidet, ist das Format: Ein Battle-Anime für ein junges Publikum, in dem Massenmörder als Antagonisten-Design-Elemente fungieren, während gleichzeitig debattiert wird, ob das zensierte Hakenkreuz wieder sichtbar sein sollte. Ob das eine legitime Auseinandersetzung mit Geschichte ist oder eine Verharmlosung – darüber ist sich die Anime-Community bisher nicht einig.

















