
Ist der Faun in „Pans Labyrinth“ wirklich böse?
Der Faun führt Ofelia in eine verborgene Welt, stellt ihr gefährliche Aufgaben und verlangt schließlich das Blut ihres neugeborenen Bruders. Trotzdem ist er nicht der Bösewicht von Pans Labyrinth (2006). Gut ist er allerdings ebenso wenig.
Guillermo del Toro hat die Figur bewusst so gestaltet, dass sie sich menschlichen Kategorien entzieht. Der Faun kann helfen und drohen, freundlich wirken und im nächsten Moment Grauen auslösen. Seine Funktion erschließt sich erst im Vergleich mit Hauptmann Vidal: Beide fordern Gehorsam. Doch nur bei einem von ihnen wird Ungehorsam bestraft.

Der eigentliche Bösewicht ist Vidal
Während die Absichten des Fauns rätselhaft bleiben, lässt der Film an Vidal keinen moralischen Zweifel. Der von Sergi López gespielte Hauptmann der Guardia Civil verfolgt 1944 in den Bergen Nordspaniens die Maquis, die weiterhin gegen das Franco-Regime kämpfen. Vidal verlangt bedingungslosen Gehorsam. Wer sich seinen Befehlen widersetzt, muss mit Folter oder dem Tod rechnen. Wie wenig ein Menschenleben für ihn zählt, zeigt die Szene, in der er einen vermeintlichen Wilderer mit einer Flasche erschlägt. Erst danach stellt sich heraus, dass die Geschichte des Mannes über ein erlegtes Kaninchen wahr war.
Auch Vidals Verhältnis zur Taschenuhr seines Vaters verweist auf seinen Wunsch nach Kontrolle. Er beschäftigt sich mit dem exakten Zeitpunkt des Todes und will bestimmen, wie man sich später an ihn erinnert. Doktor Ferreiro spricht schließlich aus, worin Vidals Wesen besteht. Nachdem er einen gefolterten Gefangenen von dessen Leiden erlöst hat, erklärt er dem Hauptmann, nur Menschen wie Vidal könnten gehorchen, ohne Fragen zu stellen.
Faun und Vidal stellen dieselbe Forderung
Auf den ersten Blick haben Vidal und der Faun kaum etwas gemeinsam. Der eine ist ein faschistischer Offizier, der andere ein uraltes Fabelwesen. Innerhalb der Geschichte erfüllen sie jedoch parallele Funktionen: Beide erteilen Ofelia Befehle und erwarten, dass sie diese widerspruchslos ausführt. Der entscheidende Unterschied zeigt sich in den Konsequenzen. Wer Vidal nicht gehorcht, wird verfolgt oder getötet. Beim Faun führt gerade die Weigerung, seinen letzten Befehl auszuführen, zum Bestehen der Prüfung.
https://www.youtube.com/watch?v=5GtDgxRJ1K0
Dass sich Widerstand durch den gesamten Film zieht, zeigen auch die übrigen Figuren. Mercedes unterstützt heimlich die Rebellen, Doktor Ferreiro versorgt sie medizinisch und die Maquis kämpfen gegen das Regime. Ofelia widersetzt sich ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und schließlich auch dem Faun. Der zentrale Konflikt handelt deshalb weniger von Fantasie gegen Wirklichkeit als von Gehorsam und eigenständigem moralischem Handeln.
Ofelia besteht, weil sie nicht gehorcht
Bei der letzten Aufgabe verlangt der Faun das Blut von Ofelias Bruder. Damit soll sich das Tor zum unterirdischen Königreich öffnen. Ofelia weigert sich, das Baby zu verletzen, obwohl sie dadurch nach den zuvor genannten Regeln ihre Rückkehr in diese Welt aufs Spiel setzt. Kurz darauf wird sie von Vidal erschossen. Ihr eigenes Blut fällt in das Labyrinth und öffnet den Zugang zum Königreich. Was wie ein Scheitern aussieht, erweist sich damit als die eigentliche Lösung der Aufgabe.
Der Faun prüft nicht, ob Ofelia Befehle befolgt. Er will herausfinden, ob sie bereit ist, ein unschuldiges Leben für ihren eigenen Wunsch zu opfern. Erst indem sie ihm widerspricht, beweist sie, dass sie die Prüfung verdient hat. Diese Konstruktion macht ihn nicht automatisch zu einer guten Figur. Seine Methode ist manipulativ, gefährlich und für Ofelia nicht zu durchschauen. Dennoch unterscheidet sie ihn grundlegend von Vidal: Der Faun belohnt ihre moralische Entscheidung, obwohl sie gegen seinen ausdrücklichen Befehl verstößt.
Schon beim Bleichen Mann bricht Ofelia die Regeln
Ofelias Ungehorsam beginnt nicht erst im Finale. In der Höhle des Bleichen Mannes soll sie nichts essen. Trotzdem nimmt sie zwei Weintrauben vom Tisch. Dadurch erwacht die Kreatur und tötet zwei der Feen. In diesem Fall hat ihr Regelbruch verheerende Folgen. Der Film erklärt Widerstand also nicht grundsätzlich für richtig. Entscheidend ist vielmehr, warum Ofelia eine Anweisung missachtet und welche Verantwortung sie für ihre Entscheidung übernimmt.
Beim Bleichen Mann folgt sie einem spontanen Verlangen. Im Finale handelt sie dagegen aus Mitgefühl und schützt ihren Bruder. Dass sie in beiden Situationen nicht gehorcht, führt deshalb zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.
Warum der Faun immer schöner aussieht
Del Toro erklärte gegenüber Mark Kermode in der Zeitschrift „Sight and Sound“, dass er den Faun unbedingt als zweideutige Figur brauchte. Ofelia sollte sich aus eigenem Willen für die fantastische Welt entscheiden, obwohl ihr Begleiter weder vertrauenswürdig noch anziehend erscheint. Zu Beginn wirkt der Faun wie ein knorriges Wesen, das jahrhundertelang unter der Erde verborgen war. Im Verlauf des Films wird sein Erscheinungsbild jünger, glatter und zugänglicher. Gleichzeitig werden seine Forderungen immer problematischer.
Del Toro beschrieb das Prinzip dahinter so: Die Kreatur werde körperlich schöner, je verdorbener sie werde. Damit widerspricht ihre äußere Entwicklung dem ersten Eindruck. Ein freundlicheres Aussehen bedeutet bei diesem Wesen nicht, dass ihm stärker zu vertrauen ist.
Warum der Titel in die Irre führt
Auch der internationale Titel beeinflusst die Wahrnehmung der Figur. Das spanische Original heißt El laberinto del fauno, wörtlich also Das Labyrinth des Fauns. Im englischen und deutschen Titel wurde daraus Pans Labyrinth. Die Figur soll jedoch nicht der griechische Gott Pan sein. Del Toro erklärte, dass die englische Fassung als Titel schlicht besser geklungen habe. Es handelt sich somit um eine bewusste Vermarktungsentscheidung und nicht um eine genaue Übersetzung.
Die Unterscheidung ist für die Interpretation wichtig. Pan besitzt in der griechischen Mythologie eine festgelegte Identität und bestimmte Eigenschaften. Del Toros Faun bleibt dagegen ein eigenständiges Wesen, dessen Herkunft und moralische Maßstäbe nicht vollständig erklärt werden.
Existiert der Faun überhaupt?
Am Ende kann Vidal den Faun nicht sehen, obwohl Ofelia direkt vor der Kreatur steht. Dadurch bleibt offen, ob die Fantasiewelt tatsächlich existiert oder ob Ofelia sie sich als Flucht vor ihrer brutalen Realität vorstellt. Del Toro hat allerdings auf Spuren hingewiesen, die für ihre reale Existenz sprechen. Dazu gehören die mit Kreide geöffnete Tür und die Blüte am abgestorbenen Ast. Beides sind physische Veränderungen, die Ofelias Vorstellungskraft allein kaum erklären kann.
Eine eindeutige Auflösung liefert der Film dennoch nicht. Sie ist für die moralische Aussage auch nicht notwendig. Ob der Faun real ist oder nicht, verändert Ofelias Entscheidung nicht: Sie verweigert den Befehl, weil sie ihren Bruder schützen will.
Ist der Faun nun gut oder böse?
Der Faun ist weder eindeutig böse noch uneingeschränkt gut. Er folgt Regeln, die Ofelia nicht kennt, verschweigt ihr den wahren Zweck seiner Aufgaben und nimmt in Kauf, dass sie sich in Lebensgefahr begibt. Zugleich ermöglicht er ihr den Zugang zu einer Welt, in der ihre moralische Entscheidung anerkannt wird.
Das Böse verortet der Film deshalb nicht im Unbekannten oder Übernatürlichen. Es steckt in Vidal, einem Menschen, der seine Entscheidungen bewusst trifft und von anderen absoluten Gehorsam verlangt. Der Faun bleibt ambivalent. Bei Vidal gibt es dagegen nichts zu entschlüsseln.
Der Faun führt Ofelia in eine verborgene Welt, stellt ihr gefährliche Aufgaben und verlangt schließlich das Blut ihres neugeborenen Bruders. Trotzdem ist er nicht der Bösewicht von Pans Labyrinth (2006). Gut ist er allerdings ebenso wenig.
Guillermo del Toro hat die Figur bewusst so gestaltet, dass sie sich menschlichen Kategorien entzieht. Der Faun kann helfen und drohen, freundlich wirken und im nächsten Moment Grauen auslösen. Seine Funktion erschließt sich erst im Vergleich mit Hauptmann Vidal: Beide fordern Gehorsam. Doch nur bei einem von ihnen wird Ungehorsam bestraft.
Der eigentliche Bösewicht ist Vidal
Während die Absichten des Fauns rätselhaft bleiben, lässt der Film an Vidal keinen moralischen Zweifel. Der von Sergi López gespielte Hauptmann der Guardia Civil verfolgt 1944 in den Bergen Nordspaniens die Maquis, die weiterhin gegen das Franco-Regime kämpfen. Vidal verlangt bedingungslosen Gehorsam. Wer sich seinen Befehlen widersetzt, muss mit Folter oder dem Tod rechnen. Wie wenig ein Menschenleben für ihn zählt, zeigt die Szene, in der er einen vermeintlichen Wilderer mit einer Flasche erschlägt. Erst danach stellt sich heraus, dass die Geschichte des Mannes über ein erlegtes Kaninchen wahr war.
Auch Vidals Verhältnis zur Taschenuhr seines Vaters verweist auf seinen Wunsch nach Kontrolle. Er beschäftigt sich mit dem exakten Zeitpunkt des Todes und will bestimmen, wie man sich später an ihn erinnert. Doktor Ferreiro spricht schließlich aus, worin Vidals Wesen besteht. Nachdem er einen gefolterten Gefangenen von dessen Leiden erlöst hat, erklärt er dem Hauptmann, nur Menschen wie Vidal könnten gehorchen, ohne Fragen zu stellen.
Faun und Vidal stellen dieselbe Forderung
Auf den ersten Blick haben Vidal und der Faun kaum etwas gemeinsam. Der eine ist ein faschistischer Offizier, der andere ein uraltes Fabelwesen. Innerhalb der Geschichte erfüllen sie jedoch parallele Funktionen: Beide erteilen Ofelia Befehle und erwarten, dass sie diese widerspruchslos ausführt. Der entscheidende Unterschied zeigt sich in den Konsequenzen. Wer Vidal nicht gehorcht, wird verfolgt oder getötet. Beim Faun führt gerade die Weigerung, seinen letzten Befehl auszuführen, zum Bestehen der Prüfung.
Dass sich Widerstand durch den gesamten Film zieht, zeigen auch die übrigen Figuren. Mercedes unterstützt heimlich die Rebellen, Doktor Ferreiro versorgt sie medizinisch und die Maquis kämpfen gegen das Regime. Ofelia widersetzt sich ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und schließlich auch dem Faun. Der zentrale Konflikt handelt deshalb weniger von Fantasie gegen Wirklichkeit als von Gehorsam und eigenständigem moralischem Handeln.
Ofelia besteht, weil sie nicht gehorcht
Bei der letzten Aufgabe verlangt der Faun das Blut von Ofelias Bruder. Damit soll sich das Tor zum unterirdischen Königreich öffnen. Ofelia weigert sich, das Baby zu verletzen, obwohl sie dadurch nach den zuvor genannten Regeln ihre Rückkehr in diese Welt aufs Spiel setzt. Kurz darauf wird sie von Vidal erschossen. Ihr eigenes Blut fällt in das Labyrinth und öffnet den Zugang zum Königreich. Was wie ein Scheitern aussieht, erweist sich damit als die eigentliche Lösung der Aufgabe.
Der Faun prüft nicht, ob Ofelia Befehle befolgt. Er will herausfinden, ob sie bereit ist, ein unschuldiges Leben für ihren eigenen Wunsch zu opfern. Erst indem sie ihm widerspricht, beweist sie, dass sie die Prüfung verdient hat. Diese Konstruktion macht ihn nicht automatisch zu einer guten Figur. Seine Methode ist manipulativ, gefährlich und für Ofelia nicht zu durchschauen. Dennoch unterscheidet sie ihn grundlegend von Vidal: Der Faun belohnt ihre moralische Entscheidung, obwohl sie gegen seinen ausdrücklichen Befehl verstößt.
Schon beim Bleichen Mann bricht Ofelia die Regeln
Ofelias Ungehorsam beginnt nicht erst im Finale. In der Höhle des Bleichen Mannes soll sie nichts essen. Trotzdem nimmt sie zwei Weintrauben vom Tisch. Dadurch erwacht die Kreatur und tötet zwei der Feen. In diesem Fall hat ihr Regelbruch verheerende Folgen. Der Film erklärt Widerstand also nicht grundsätzlich für richtig. Entscheidend ist vielmehr, warum Ofelia eine Anweisung missachtet und welche Verantwortung sie für ihre Entscheidung übernimmt.
Beim Bleichen Mann folgt sie einem spontanen Verlangen. Im Finale handelt sie dagegen aus Mitgefühl und schützt ihren Bruder. Dass sie in beiden Situationen nicht gehorcht, führt deshalb zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.
Warum der Faun immer schöner aussieht
Del Toro erklärte gegenüber Mark Kermode in der Zeitschrift „Sight and Sound“, dass er den Faun unbedingt als zweideutige Figur brauchte. Ofelia sollte sich aus eigenem Willen für die fantastische Welt entscheiden, obwohl ihr Begleiter weder vertrauenswürdig noch anziehend erscheint. Zu Beginn wirkt der Faun wie ein knorriges Wesen, das jahrhundertelang unter der Erde verborgen war. Im Verlauf des Films wird sein Erscheinungsbild jünger, glatter und zugänglicher. Gleichzeitig werden seine Forderungen immer problematischer.
Del Toro beschrieb das Prinzip dahinter so: Die Kreatur werde körperlich schöner, je verdorbener sie werde. Damit widerspricht ihre äußere Entwicklung dem ersten Eindruck. Ein freundlicheres Aussehen bedeutet bei diesem Wesen nicht, dass ihm stärker zu vertrauen ist.
Warum der Titel in die Irre führt
Auch der internationale Titel beeinflusst die Wahrnehmung der Figur. Das spanische Original heißt El laberinto del fauno, wörtlich also Das Labyrinth des Fauns. Im englischen und deutschen Titel wurde daraus Pans Labyrinth. Die Figur soll jedoch nicht der griechische Gott Pan sein. Del Toro erklärte, dass die englische Fassung als Titel schlicht besser geklungen habe. Es handelt sich somit um eine bewusste Vermarktungsentscheidung und nicht um eine genaue Übersetzung.
Die Unterscheidung ist für die Interpretation wichtig. Pan besitzt in der griechischen Mythologie eine festgelegte Identität und bestimmte Eigenschaften. Del Toros Faun bleibt dagegen ein eigenständiges Wesen, dessen Herkunft und moralische Maßstäbe nicht vollständig erklärt werden.
Existiert der Faun überhaupt?
Am Ende kann Vidal den Faun nicht sehen, obwohl Ofelia direkt vor der Kreatur steht. Dadurch bleibt offen, ob die Fantasiewelt tatsächlich existiert oder ob Ofelia sie sich als Flucht vor ihrer brutalen Realität vorstellt. Del Toro hat allerdings auf Spuren hingewiesen, die für ihre reale Existenz sprechen. Dazu gehören die mit Kreide geöffnete Tür und die Blüte am abgestorbenen Ast. Beides sind physische Veränderungen, die Ofelias Vorstellungskraft allein kaum erklären kann.
Eine eindeutige Auflösung liefert der Film dennoch nicht. Sie ist für die moralische Aussage auch nicht notwendig. Ob der Faun real ist oder nicht, verändert Ofelias Entscheidung nicht: Sie verweigert den Befehl, weil sie ihren Bruder schützen will.
Ist der Faun nun gut oder böse?
Der Faun ist weder eindeutig böse noch uneingeschränkt gut. Er folgt Regeln, die Ofelia nicht kennt, verschweigt ihr den wahren Zweck seiner Aufgaben und nimmt in Kauf, dass sie sich in Lebensgefahr begibt. Zugleich ermöglicht er ihr den Zugang zu einer Welt, in der ihre moralische Entscheidung anerkannt wird.
Das Böse verortet der Film deshalb nicht im Unbekannten oder Übernatürlichen. Es steckt in Vidal, einem Menschen, der seine Entscheidungen bewusst trifft und von anderen absoluten Gehorsam verlangt. Der Faun bleibt ambivalent. Bei Vidal gibt es dagegen nichts zu entschlüsseln.














