Die Oscar-Saison hat etwas von einer Schachpartie – nur dass sie Monate dauert und halb Hollywood daran beteiligt ist. Alles beginnt im Herbst, wenn in Venedig, Telluride und Toronto die ersten Filme gezeigt werden, über die plötzlich alle sprechen. Dort entscheidet sich oft schon mehr, als man zunächst glauben möchte.
Ein Film, der hier Standing Ovations bekommt und von Kritikern mit Superlativen überzogen wird, trägt dieses Echo monatelang mit sich herum. Und ein Film, der dort untergeht, kämpft meist den Rest des Jahres gegen dieses erste Urteil an.
Dann beginnt der eigentliche Zirkus. Studios laden zu exklusiven Screenings, Schauspieler sitzen plötzlich in jeder Late-Night-Show, und überall in Los Angeles hängen diese höflich formulierten Anzeigen: „For Your Consideration“. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Kunstbetrieb und Wahlkampf. Jeder weiß, dass hier nicht nur Filme gegeneinander antreten, sondern Kampagnen, Narrative, Stimmungen. Man spricht über „Momentum“, als sei es eine messbare physikalische Größe, dabei ist es oft nur dieses schwer erklärbare Gefühl, dass ein Film plötzlich überall gleichzeitig präsent ist.
In dieser Phase werden auch die Preise der großen Gilden aufmerksam beobachtet. Wenn die Screen Actors Guild oder die Directors Guild jemanden auszeichnet, wird das in Hollywood sofort als Signal gelesen – manchmal fast so, als hätte jemand bereits den Ausgang der Oscars verraten. Natürlich stimmt das nicht immer. Aber die Geschichte zeigt: Wer hier gewinnt, steht plötzlich auf einer ganz anderen Stufe des Gesprächs.
Aus all dem entstehen schließlich die berühmten „Odds“. Prognosen, Ranglisten, Wettmärkte. Ein Versuch, dieses unübersichtliche Geflecht aus Kritikerpreisen, Branchenstimmung und historischen Mustern in Zahlen zu pressen. Und doch bleibt ein Rest Unberechenbarkeit. Immer wieder gab es diese Jahre, in denen ein Film scheinbar uneinholbar vorne lag – und am Ende doch jemand anderes auf der Bühne stand. Genau dort befindet sich auch diese Oscar-Saison: in dieser merkwürdigen Zwischenphase, in der vieles bereits entschieden wirkt und gleichzeitig noch alles möglich ist. Einige Filme tragen seit Monaten das Etikett „Favorit“ mit sich herum, andere haben sich erst spät in das Gespräch gedrängt.
Best Picture
Beim wichtigsten Preis des Abends richtet sich der Blick derzeit vor allem auf One Battle After Another. Der neue Film von Paul Thomas Anderson hat in der laufenden Awards-Saison enormen Zuspruch erhalten und wird von vielen Branchenbeobachtern als klarer Favorit gehandelt. Ausschlaggebend dafür ist vor allem seine beeindruckende Serie bei den wichtigsten Vorläuferpreisen: Siege bei den Golden Globes, den Critics’ Choice Awards und insbesondere der Gewinn des Hauptpreises der Producers Guild of America haben dem Film ein starkes Momentum verschafft. Gerade der PGA-Award gilt als besonders zuverlässiger Indikator, weil dort dasselbe Präferenzwahlsystem verwendet wird wie bei den Oscars. Für Anderson kommt außerdem ein Narrativ hinzu, das in Hollywood oft Wirkung zeigt: Trotz zahlreicher Nominierungen hat er bisher noch keinen Regie-Oscar gewonnen. Kurz vor der Verleihung gilt One Battle After Another deshalb für viele als der Film, den es zu schlagen gilt.
Gleichzeitig sorgt Sinners für enorme Aufmerksamkeit. Der Film taucht in zahlreichen Prognosen ganz oben auf und könnte sich als ernsthafte Konkurrenz erweisen. Auch Hamnet wird immer wieder als möglicher Überraschungssieger genannt – ein Film, der besonders bei Kritikern viel Zustimmung gefunden hat.
Best Director
In der Regie-Kategorie führt momentan ebenfalls Paul Thomas Anderson für One Battle After Another viele Prognosen an. Anderson gehört seit Jahren zu den prägenden Autorenfilmern Hollywoods, doch ein Oscar als Regisseur fehlt ihm bislang. Sollte sein Film auch beim Publikum der Academy überzeugen, könnte sich das nun ändern.
Best Actor
Das Rennen um den Preis für den besten Hauptdarsteller gilt als besonders offen. Michael B. Jordan wird für seine Rolle in Sinners häufig als Favorit genannt. Seine Performance hat in der bisherigen Awards-Saison bereits viel Aufmerksamkeit bekommen.
Gleichzeitig werden auch Timothée Chalamet für Marty Supreme und Leonardo DiCaprio für One Battle After Another immer wieder als ernsthafte Kandidaten genannt. Gerade in dieser Kategorie verschieben sich die Prognosen traditionell noch bis kurz vor der Verleihung.
Best Actress
Deutlich klarer wirkt derzeit die Situation bei den Hauptdarstellerinnen. Jessie Buckley wird für ihre Rolle in Hamnet von vielen Branchenanalysen als wahrscheinlichste Gewinnerin gesehen. Ihre Performance wird von Kritikern als besonders intensiv und emotional beschrieben.
Supporting Categories
Auch in den Nebendarsteller-Kategorien gibt es einige Namen, die in den Prognosen immer wieder auftauchen. Sean Penn gilt derzeit als einer der Favoriten für Best Supporting Actor für seine Rolle in One Battle After Another. Bei Best Supporting Actress ist das Rennen dagegen offener. Prognosen nennen unter anderem Teyana Taylor, Amy Madigan und Wunmi Mosaku als mögliche Gewinnerinnen. Zu den weiteren Filmen, die im Rennen um die begehrten Trophäen gehandelt werden, zählen auch Train Dreams sowie Guillermo del Toros Frankenstein, die in vielen Prognosen zumindest als mögliche Überraschungskandidaten gelten.
Regie und Drehbuch
Hinter den Kulissen spitzt sich das Duell vor allem in der Kategorie „Best Director“ zu. Paul Thomas Anderson wird für One Battle After Another von vielen Branchenbeobachtern als Favorit gehandelt – nicht nur wegen der handwerklichen Brillanz des Films, sondern auch, weil die Academy dazu neigt, langjährige Weggefährten irgendwann für ihr Gesamtwerk zu ehren. Sein starkes Abschneiden bei den DGA Awards hat diese Favoritenrolle zusätzlich gefestigt Dennoch spürt er den Atem von Ryan Coogler (Sinners) im Nacken, dessen monumentale Vision von vielen als eines der großen Kinoereignisse des Jahres gefeiert wird.
Ähnlich spannend bleibt es in den Drehbuchkategorien. Für das Beste adaptierte Drehbuch gilt derzeit Hamnet als Favorit, dessen feinfühlige Übertragung der literarischen Vorlage viel Lob erhalten hat. Beim Besten Originaldrehbuch hingegen zeichnet sich ein engeres Rennen ab: Andersons vielschichtiges Skript konkurriert hier mit Joachim Triers hochgelobtem Sentimental Value, das bei Kritikern besonders großen Zuspruch findet und am Ende für eine der Überraschungen des Abends sorgen könnte.











































































































































































































































