
Die „Odyssee“-Übersetzerin hasste Nolans Film – und wünscht sich trotzdem dieses Spin-off
Es gehört zu den bemerkenswertesten Ironien dieses Kinosommers: Christopher Nolan erzählte monatelang, wie sehr ihn Emily Wilsons Übersetzung der „Odyssee“ geprägt habe. Die Altphilologin der University of Pennsylvania veröffentlichte 2017 als erste Frau eine vollständige englische Übersetzung von Homers Epos in Versform. Dann sah Wilson den Kinofilm Die Odyssee (2026) – und reagierte ganz anders, als Nolan es sich vermutlich erhofft hatte. I
Ihre vernichtende Kritik für die „London Review of Books“ sorgte für so viel Aufmerksamkeit, dass deren Website zeitweise kaum erreichbar war. Vom Drehbuch lässt Wilson wenig übrig, von den Figuren noch weniger. Nur einer kommt beinahe ungeschoren davon – und ausgerechnet er ist der Widerling der Geschichte: Antinous, gespielt von Robert Pattinson, Penelopes dreistester und gefährlichster Freier. Für diese Leistung würde Wilson Pattinson sogar gern mit einem Oscar ausgezeichnet sehen. Wie passt das zusammen? Erstaunlich gut, wenn man genauer hinsieht.
Was Emily Wilson über Nolans Film sagt
Die Vorgeschichte ist entscheidend. Nolan erzählte dem Empire-Magazin im November 2025, er habe sich an Wilsons Anfangszeile orientiert, die im englischen Original schlicht lautet: „Tell me about a complicated man“. Also: Erzähl mir von einem komplizierten Mann. Genau diesen Mann findet Wilson im fertigen Film nicht wieder.

Ihre Kritik erschien in der London Review of Books unter der Zeile „An Uncomplicated Man“, was die These bereits im Titel erledigt. Sie wirft der Verfilmung fehlende psychologische, emotionale, politische und ethische Tiefe vor, nennt die Erzählstruktur verspielt und findet, keine Figur habe eine überzeugende Begründung für ihr Handeln. Ihr härtester Satz: „Ich würde mich schämen, irgendeinen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben.“ Gegenüber NPR ergänzte sie, Nolan hätte besser einen Drehbuchautor engagiert. Ihr Odysseus (Matt Damon) müsse gar nicht klug sein, er sei vor allem von Selbstzweifeln geplagt.
Robert Pattinson war die große Ausnahme
Mitten in diesem Verriss steht dann ein Absatz, der aus der Reihe fällt. Wilson nennt Antinous überschwänglich schurkisch und merkt trocken an, Pattinson sei der Einzige am Set, der sichtlich Spaß an der Sache habe. Er hätte es verdient, mit Sinons Dolch erstochen zu werden, schreibt sie, aber eben auch, einen der Oscars zu bekommen, die über diesem Film niedergehen würden – wie der goldene Regen des Zeus, um bei ihrem Bild zu bleiben.

Eine Höflichkeitsgeste ist das nicht. Es ist die einzige Stelle des Textes, an der sie überhaupt Vergnügen einräumt. Das ist mehr als Ironie: Es ist die einzige Figur, der sie im ganzen Text etwas abgewinnt. Und das sagt einiges darüber, wo dieser Film seine Energie hat, nämlich nicht bei seinem Helden.
Warum Antinous lebendiger wirkt als Odysseus
Nolan gibt der Figur deutlich mehr Raum, als Homer es je tat. Antinous, dessen Name so viel wie „Gegen-Sinn“ bedeutet, ist hier schon als Jugendlicher ein Drückeberger. Er drückt sich vor dem Krieg und sorgt stattdessen dafür, dass ein anderer ziehen muss: Sinon (Elliot Page), den der Film zum moralischen Zentrum macht. Jahre später sitzt Antinous in Ithaka am Tisch eines anderen, verschlingt fremdes Essen, betrachtet Penelope (Anne Hathaway) als Beute und schmiedet nebenbei Pläne, ihren Sohn Telemachos (Tom Holland) aus dem Weg zu räumen.

Das ist abstoßend – aber eindeutig. Antinous verfolgt ein klares Ziel, und sein Hunger nach Macht, Status und Selbstinszenierung macht ihn zur lebendigsten Figur des Films. Als es beim Massaker an den Freiern schließlich ernst wird, zeigt sich jedoch seine Feigheit: Statt selbst zu kämpfen, schickt er andere vor. Odysseus zwingt ihn am Ende, das hölzerne Los zu verschlucken, mit dem die Tragödie einst begann.
Ist Antinous der komplizierte Mann, den Wilson vermisst?
Damit wird Antinous nicht heimlich zum Helden – und das soll er auch gar nicht sein. Er ist ein Schmarotzer, ein Lügner und am Ende ein Feigling. Aber er ist widersprüchlich, unberechenbar und mit sichtbarer Freude böse. Genau diese Ambivalenz vermisst Emily Wilson bei der Hauptfigur. Homers Odysseus überdauert seit Jahrtausenden, weil man ihn zugleich bewundern und ihm misstrauen kann – Stratege und Blender in einer Person. Nolans Version, so Wilsons Vorwurf, trennt diese Widersprüche voneinander: Der Held wird zum moralisch nahezu makellosen Zweifler, während die dunklen Seiten auf den Gegenspieler übergehen. Wer im Kino nach der eigentlichen Doppelbödigkeit sucht, findet sie deshalb ausgerechnet bei der Figur, die der Film am entschiedensten verurteilt. Dass Wilson den Titel ihrer Kritik zur Verneinung ihrer eigenen berühmten Anfangszeile macht, ist deshalb kein bloßes Wortspiel, sondern ihr Urteil über Nolans gesamte Interpretation.
Vier Pattinson-Filme, die zeigen, dass die Idee trägt
Wer Wilsons Begeisterung nachvollziehen will, findet in Pattinsons Filmografie mehrere Rollen, die denselben Reiz aus Bosheit, Charisma und Unberechenbarkeit ziehen. In Cosmopolis (2012) fährt er als Finanzmogul in einer Limousine durch New York und spielt den Verfall eines Mannes, der alles besitzt und nichts fühlt. In Good Time (2017) hetzt er als Kleinkrimineller durch eine einzige Nacht und lügt dabei jeden an, der ihm hilft, mit einer Dringlichkeit, die man ihm trotzdem abnimmt.

In Der Leuchtturm (2019) verliert er im Kammerspiel mit Willem Dafoe stufenweise den Verstand, theatralisch, körperlich und komisch zugleich. Und in Warten auf die Barbaren (2020) gibt er einen Offizier, der Folter als Verwaltungsakt behandelt, was der Rolle des Antinous am nächsten kommt. Vier Filme, vier Varianten desselben Talents: unangenehm sein, ohne langweilig zu werden.










