
„Obsession“: Die unheimliche Restaurant-Szene erinnert nicht zufällig an einen anderen Horror-Hit
Wer in den vergangenen Wochen durch TikTok oder Instagram gescrollt ist, kennt sie wahrscheinlich schon: eine junge Frau im Diner, die ihrem Date gegenübersitzt, plötzlich erstarrt und immer wieder „No, no, no“, auf Deutsch also „Nein, nein, nein“, murmelt, bis der Ton des ganzen Films zu kippen scheint. Die Szene stammt aus Obsession - Du sollst mich lieben (2026), dem Horror-Hit von Regisseur Curry Barker, der seit dem 25. Juni auch in den deutschen Kinos läuft.
Und sie hat etwas erstaunlich Vertrautes, wenn man genauer hinschaut. Nikki-Darstellerin Inde Navarrette hat in einem Videointerview erzählt, dass sie sich für ihren viralen Diner-Moment direkt an einer der bekanntesten Horror-Sekunden des letzten Jahrzehnts orientiert hat: „Nein, nein, nein“ aus Jordan Peeles Get Out (2017).
Im Diner kippt der ganze Film
In Obsession wird eine Frage zur Provokation. Bear (Michael Johnston) hinterfragt Nikkis Erzählung über den krebskranken Vater. Was dann passiert, klingt in der Drehbuchzeile banal, wirkt im Film aber wie ein kleines Erdbeben. Nikki erstarrt. Die Wärme verschwindet aus ihrer Stimme, als sie leise mit „Nein, nein, nein“ beginnt. Innerhalb weniger Sekunden wird ihr Ton lauter, fester und kontrollierter, bis sie ihm mit fast belehrender Ruhe klarmacht, dass er das jetzt nicht tun wird – schließlich hätten sie doch einen schönen Abend.

Navarrette spielt diese Verschiebung von zarter Verletzlichkeit zu kalter Kontrolle so dicht, dass man in einer einzigen Einstellung zwei verschiedene Menschen vor sich zu haben glaubt. Dass der Clip von Millionen geteilt wurde, bevor der Film überhaupt in deutsche Kinos kam, sagt einiges darüber aus, wie souverän Regisseur Curry Barker hier arbeitet. Der frühere Macher des YouTube-Sketchduos „that’s a bad idea“ hat 2024 mit Milk & Serial ein 800-Dollar-Regiedebüt direkt auf Social Media veröffentlicht. Obsession - Du sollst mich lieben ist erst sein zweiter Spielfilm, und er bringt dasselbe Gespür für Online-Effektivität mit auf die große Leinwand.
Die Verbindung zu „Get Out“ ist kein Zufall
Wer das oscarprämierte Regiedebüt von Jordan Peele nicht gesehen hat, kurz zur Einordnung: In Get Out besucht der schwarze Fotograf Chris (Daniel Kaluuya) das weiße Elternhaus seiner Freundin und merkt schnell, dass die schwarze Haushälterin Georgina (Betty Gabriel) sich seltsam steif und übertrieben freundlich verhält, fast so, als spräche jemand anderes durch sie.

In einer inzwischen ikonischen Szene entschuldigt sich Chris höflich für eine harmlose Bemerkung, und Georginas Gesicht zerfällt für einen Moment. Tränen schießen ihr in die Augen, der Atem stockt, dann setzt sie ein Lächeln auf, das nicht zu ihren Augen passt, während sie immer wieder „Nein, nein, nein“ sagt. Im weiteren Verlauf erfährt man, dass Georgina nicht mehr sie selbst ist, sondern von einem fremden Bewusstsein in ihrem eigenen Körper verdrängt wurde, und in diesem kurzen Moment kämpft die echte Georgina von innen heraus gegen ihre Übernahme. Es ist eine der präzisesten Horror-Sekunden des letzten Jahrzehnts und der Grund, warum Betty Gabriels Auftritt bis heute Kultstatus hat.
Betty Gabriel inspirierte Navarrette
In einem Videointerview hat Inde Navarrette selbst erzählt, dass das Team vor den Dreharbeiten mehrere Horrorfilme gemeinsam angeschaut hat, um Barkers Vision zu verstehen. Get Out war dabei ausdrücklich auf der Liste. Auf die Diner-Szene angesprochen, sagte Navarrette, dass sie an Get Out besonders die Momente faszinieren, in denen ein Mensch eine Emotion zeigt und gleichzeitig etwas vollkommen anderes sagt.

Die Spannung zwischen beidem mache die Szene so verstörend. Das passt zu Nikkis Spiel in Obsession über den ganzen Film: Sie bleibt an der Oberfläche freundlich und kontrolliert, während darunter eine ganz andere Stimme spricht. Was bei Peele in Get Out für unsichtbare Gewalt und entzogene Selbstbestimmung stand, übersetzt Barker in eine andere Geschichte über eine junge Frau, die versteht, wer in ihr ist. Die viralen Vergleichsvideos sind also keine wilde Fan-Spekulation. Die Verbindung war geplant, und Navarrette spricht offen darüber. Wer in der Szene einen Hauch von Georgina erkennt, liegt also offenbar gar nicht so falsch.































