
Wie Chinas „schlechtester“ Animationsfilm plötzlich zum Kinohit wurde
Niu Lai (2026) hätte längst aus den chinesischen Kinos verschwinden müssen. Nach neun Tagen kauften gerade einmal 236 Menschen ein Ticket. Die Einnahmen lagen bei 7.169 Yuan – umgerechnet knapp 900 Euro. Ein Desaster. Am 14. August war der Animationsfilm noch in lediglich vier Kinosälen zu sehen. Dann übernahm das Internet.
Ausschnitte verbreiteten sich in chinesischen sozialen Netzwerken. Nutzer machten sich über die Animationen und Dialoge lustig – ein Sog, der plötzlich massenhaft Menschen in die Kinos lockte, nur um zu sehen, wie schlecht der Film wirklich ist. Inzwischen hat Niu Lai mehr als 17 Millionen Yuan eingespielt. Damit gehört er zu den zehn erfolgreichsten Animationsfilmen des Jahres in China und behauptet sich in den Charts gegen Die Odyssee (2026) und Spider-Man: Brand New Day (2026). Die vermeintlichen Schwächen sind heute das wichtigste Verkaufsargument.
Fünf Jahre Arbeit für zwei Personen
Die Entstehung von Niu Lai – der Titel lässt sich etwa mit „Da kommt die Kuh“ übersetzen – folgt keinem Standardprozess. Xin Yumeng und Sun Lifang haben fünf Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Die beiden sind laut chinesischen Medien Mutter und Sohn. Das Duo führte Regie, schrieb das Skript, produzierte alles und lieh den Figuren ihre Stimmen. Hinter dem Projekt steht Dalian Jingyuan Culture Film and Television Media, ein Unternehmen mit Wurzeln in der Innenausstattung. Der Inhalt des 86-minütigen Films: Ein ängstliches Kalb folgt einer Feldlerche in eine Traumwelt und begegnet dort einer Geisterschlange. Es geht um Fragen zu Leben und Tod.
Was nach einem ambitionierten Märchen klingt, wirkt auf viele Zuschauer amateurhaft. Im Netz vergleicht man die Produktion mit einem studentischen Abschlussprojekt. Manche beschreiben die Optik sogar als „schlimmer als KI“.
Aus Spott wird Werbung
Der Verleih hatte offenbar keine großen Erwartungen. Man wollte Niu Lai ursprünglich gar nicht veröffentlichen; nur die Freundschaft zum Regieteam brachte den Film in die Kinos. Eine klassische Kampagne gab es nicht. Es fehlten Trailer, Interviews und Pressematerial.

Die sozialen Netzwerke erledigten die Arbeit. Nach zehn Tagen tauchten Szenen mit steifen Figuren und seltsamer Synchronisation online auf. Anstatt Zuschauer abzuschrecken, erzeugte die Kritik Neugier. Ein Kommentar fasst den Massenhype zusammen: Wer den Film sieht, bereut 80 Minuten – wer ihn nicht sieht, ein ganzes Leben. Der Film wurde zum kollektiven Internetwitz. Man ging ins Kino, um mitreden zu können.
Die grobe Animation als Gegenentwurf zur KI
Die Diskussion über die technische Qualität hat eine ungewöhnliche Wendung genommen. Die groben Animationen werden inzwischen von Teilen des Publikums positiv gedeutet. Auf Weibo feiern Nutzer Niu Lai als sichtbare Handarbeit. Begriffe wie „reines Handwerk“ prägen die Reaktionen. In einer Welt voller perfekt generierter Bilder wirkt das Unbeholfene fast schon erfrischend menschlich.
Auf dem Portal Douban herrscht gespaltene Meinung: Der Film ist gleichzeitig ein schlechtes Werk und ein bemerkenswertes Phänomen. Ein Wortspiel mit dem Titel verstärkt den Hype noch. Da das chinesische Schriftzeichen 牛 sowohl für die Kuh als auch für den Bullen steht, verbinden manche den Kinobesuch scherzhaft mit Hoffnungen auf steigende Kurse am Aktienmarkt. Ein Nutzer kündigte sogar an, den Film zu unterstützen, sollte ein wichtiger Index die 4.000-Punkte-Marke knacken. Ein anderer Kommentar war kürzer: „schlechter Film, hervorragender Name“.
Kinos machen die Werbung selbst
Der Hype ist in den Kinos physisch greifbar. Da offizielles Material fehlt, gestalten Mitarbeiter eigene Plakate. In Peking hängen handgezeichnete Kälber zwischen professionellen Filmpostern. Die Sprüche darauf sind offensiv: Sie fordern Zuschauer mit Vorliebe für das Absurde auf oder warnen davor, dass es kein Geld zurückgibt. Diese improvisierte Art passt perfekt zum Image des Films.
Auch die Zahlen ändern sich rasant. Innerhalb eines Tages stiegen die täglichen Vorstellungen von 21 auf 359. Die Kinobetreiber reagieren schlicht auf die Nachfrage. Ein offizielles Motiv im Stil einer Tuschezeichnung täuscht allerdings über die tatsächliche Qualität hinweg. Wer allein wegen dieses Bildes ein Ticket kaufte, wird enttäuscht sein.
Das Internet verleiht schlechten Filmen ein zweites Leben
Das Phänomen ist nicht neu. Ein Vergleich bietet Pinocchio – Eine wahre Geschichte (2021). Die russische Produktion blieb zunächst weitgehend unbeachtet. Erst durch die englische Synchronfassung im Jahr 2022, bei der Pauly Shore die Hauptrolle sprach, verbreitete sich das Projekt über TikTok.
Bei Niu Lai funktioniert dieser Mechanismus im Kino. Die Zuschauer kommen wegen des schlechten Rufs. Ein internationaler Start ist nicht angekündigt, doch erste Reaktionen auf Letterboxd sind bereits da. Für einen Film, der nach neun Tagen nur 236 Zuschauer hatte, ist das eine enorme Entwicklung.







