
„Unabomber“ bei Netflix: Was wurde aus Ted Kaczynski?
Mit der Festnahme ist der Fall gelöst. Schwieriger ist die Frage, wie er zum Attentäter wurde. Unabomber (2026), seit dem 25. September bei Netflix, sucht die Antwort in dessen Studienzeit. Regisseur Janus Metz verbindet die Ermittlungen von 1996 mit den Erfahrungen des 16-jährigen Harvard-Studenten, der ab 1958 an einem Experiment des Psychologen Henry Murray teilnimmt. Daraus entwickelt der Film eine Erklärung für Kaczynskis spätere Gewalt. Besonders im Finale wird deutlich, wie eng Metz die Ereignisse miteinander verknüpft – und wie weit diese Deutung über gesicherte Erkenntnisse hinausgeht.
Zwei Abschiede bestimmen das Finale
Gegen Ende konfrontiert der junge Kaczynski, gespielt von Jacob Tremblay, seinen Mentor Murray. Er gibt zu erkennen, dass die Briefe, mit denen sich der Psychologe monatelang beschäftigt hat, von ihm selbst stammen. Dabei hält er Murray dessen Eitelkeit vor. Als er geht, hinterlässt er ein Paket, dessen Erscheinung bereits an die späteren Bomben erinnert.
Auf der zweiten Zeitebene erreicht die Fahndung ihren Abschluss: Die Ermittler dringen in Kaczynskis Hütte in Montana ein. Für FBI-Ermittlerin Joanne Miller, dargestellt von Shailene Woodley, endet damit die jahrelange Suche. Ihre Kolleg:innen feiern sie mit Sekt. Doch als sie anschließend allein im Büro sitzt, beginnt sie zu weinen.

Woodley erklärte gegenüber „CinemaBlend“, die Szene handle vor allem von der Leere nach einer jahrelangen Fixierung auf einen Fall. Was bleibt, wenn die Aufgabe wegfällt, die das eigene Leben bestimmt hat? Metz deutet die Tränen umfassender: Sie gelten für ihn Kaczynski ebenso wie dessen Bruder David und den Opfern der Anschläge.
Das letzte Wort erhält schließlich der echte Kaczynski in einer Tonaufnahme. Darin betont er seinen Anspruch, wahrheitsgemäß dargestellt zu werden, und sein Ziel, das industrielle System mit allen nötigen Mitteln abzuschaffen. Eine Texteinblendung informiert anschließend über seine Inhaftierung und seinen späteren Tod.
Harvard wird zur Erklärung für die Gewalt
Der Film legt nahe, dass Murrays Experiment entscheidend zu jener Wut beigetragen habe, die Kaczynski später in seinen Anschlägen auslebte. Um diesen Zusammenhang herzustellen, schreibt er seiner Hauptfigur bereits innerhalb der Versuchsanordnung eine Diagnose zu.
Hier setzt ein wesentlicher Einwand gegen die Darstellung an. „IndieWire“ kritisiert, dass der Film eine umstrittene Frage in eine eindeutige Erklärung verwandelt, die sich so nicht aus den bekannten Tatsachen ableiten lasse. Die Montage schafft einen Zusammenhang, dessen historische Tragfähigkeit damit noch nicht bewiesen ist.

Kaczynski selbst bestritt, durch das Experiment dauerhaft geprägt worden zu sein. Auch die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie, die ihm im Rahmen des Strafverfahrens gestellt wurde, lehnte er ab. Er wehrte sich dagegen, seine Verteidigung auf eine psychische Erkrankung zu stützen.
Für die Bewertung seiner Schriften war diese Haltung zentral: Er wollte als politisch handelnder Mensch verstanden werden. Eine psychiatrische Erklärung stellte diesen Anspruch infrage. Der Film greift damit genau den Konflikt auf, den seine abschließende Tonaufnahme noch einmal hörbar macht. Kaczynski verlangt eine bestimmte Darstellung seiner Person; Metz bietet eine Deutung, gegen die er sich selbst gewehrt hatte.
Wie das FBI Kaczynski tatsächlich fand
In der Wirklichkeit erfolgte die Festnahme am 3. April 1996 in einer Hütte nahe Lincoln im US-Bundesstaat Montana. Den entscheidenden Hinweis hatte Kaczynskis Bruder David geliefert. Zuvor hatte der Attentäter angeboten, auf weitere Anschläge zu verzichten, wenn sein Manifest veröffentlicht würde. Nach dessen Abdruck im Jahr 1995 erkannte David Formulierungen und Gedanken seines Bruders wieder und kontaktierte die Ermittler. Ted Kaczynski brach danach den Kontakt zu ihm ab.
Im Januar 1998 bekannte sich Kaczynski im Rahmen einer Verständigung schuldig. Im Mai wurde er zu acht lebenslangen Freiheitsstrafen ohne Aussicht auf Bewährung verurteilt. Den größten Teil seiner Haft verbrachte er im Hochsicherheitsgefängnis ADX Florence in Colorado. Im Dezember 2021 wurde er in eine medizinische Hafteinrichtung in Butner, North Carolina, verlegt. Dort starb er am 10. Juni 2023 im Alter von 81 Jahren. David Kaczynski berichtete der „New York Times“ im April 2025, seinem Bruder über fast drei Jahrzehnte hinweg Dutzende Briefe geschrieben zu haben. Keiner wurde beantwortet.
Warum die Kritiken am Film zurückhaltend ausfallen
Die Frage nach Ursache und Verantwortung prägt auch die Reaktionen auf den Film. Der „Hollywood Reporter“ vergleicht ihn mit einer Seminararbeit, die Fakten zusammenträgt, deren Bedeutung aber nicht ausreichend erschließt. Der „AV Club“ beanstandet die Entscheidung, ausgerechnet Kaczynskis Wunsch nach einer wahrheitsgemäßen Darstellung an den Schluss zu stellen.
Russell Crowes Darstellung des Psychologen Murray wird dagegen besonders hervorgehoben. Die schauspielerische Leistung löst allerdings das grundsätzliche Problem nicht: Ein Film kann die Erfahrungen eines späteren Täters nachvollziehbar machen, ohne damit bereits die Entstehung seiner Gewalt erklärt zu haben.
Andere Produktionen setzen bei diesem Fall andere Schwerpunkte. Manhunt: Tödliche Spiele (2017) erzählt die Ermittlungen aus der Perspektive des Mannes, der das Sprachprofil des Attäters erstellte. Die Dokumentarserie Die verrückte Wahrheit über den Unabomber (2020) arbeitet unter anderem mit Archivaufnahmen, in denen Kaczynski selbst spricht.
Metz entscheidet sich hingegen für eine zugespitzte Verbindung zwischen Harvard und den späteren Anschlägen. Sein Finale schließt diese Erzählung ab. Die historische Frage, welchen Anteil das Experiment tatsächlich an Kaczynskis Entwicklung hatte, bleibt damit weiterhin offen.

















