
Harlan Cobens „Myron Bolitar“: Der neue Cast spielte schon in diesen 18 Serien-Hits
Ein Hotelzimmer in Dubai, eine Kellerbar in Boston, ein Frauengefängnis in Litchfield. Die Herkunft der Schauspieler, die Netflix für die neue Harlan-Coben-Serie Myron Bolitar (2027) zusammengetrommelt hat, liest sich wie ein Streifzug durch vier Jahrzehnte Serienfernsehen. Die Vorlage ist Cobens längste Reihe: zwölf Romane seit dem Auftakt „Deal Breaker“ von 1995, um einen College-Basketballer, dessen NBA-Karriere eine Verletzung beendet und der sich als Sportagent neu erfindet. Die erste Staffel folgt hauptsächlich dem zweiten Buch „Drop Shot“, wie Coben dem Hollywood Reporter sagte. Showrunner sind David E. Kelley und Kyle Long, gedreht wird seit Ende Juli in New York. Netflix hat bisher ausschließlich abgeschlossene Coben-Miniserien produziert, hier aber liegt eine Vorlage mit zwölf Bänden bereit. Wir stellen den Cast vor – und verraten, wo man die Gesichter schon gesehen hat.
Colin Woodell (Myron Bolitar)
Der Titelheld, und zugleich der am wenigsten bekannte Name der Runde. Das dürfte Absicht sein: Myron Bolitar ist kein Strahlemann, sondern ein Mann, dem ständig Dinge zustoßen. Gesehen hat man Colin Woodell vor allem in The Flight Attendant (2020), der für zwei Golden Globes nominierten Serie um eine Flugbegleiterin, die nach einer durchzechten Nacht neben einer Leiche aufwacht. Woodell spielt dort Buckley Ware, der zunächst als charmante Zufallsbekanntschaft auftritt und sich als etwas ganz anderes entpuppt. Diese Doppelbödigkeit dürfte ihm bei Coben zugutekommen.

Coben selbst sagte, die Suche nach dem richtigen Myron habe lange gedauert, und er freue sich darauf, dass die Welt Woodell entdecke. Es ist die Sorte Besetzung, die entweder gründlich schiefgeht oder einen Star macht. Ein Zwischending gibt es selten.
KJ Apa (Win Lockwood)
Myrons bester Freund und der ruchlose Gegenpol zu dessen Anstand. Bekannt wurde der Neuseeländer als Archie Andrews in Riverdale (2017), jener Serie, die aus den harmlosen Archie-Comics ein düsteres Stück voller Morde, Sekten und Zeitreisen machte und sieben Staffeln lang immer neue Volten schlug.

Apa war das Zentrum dieses Wahnsinns, vom Footballspieler mit Musikambitionen bis zum Mann, der irgendwann gegen einen Bären kämpfte. Wer die Coben-Romane kennt, ahnt, dass Win eine dankbare Rolle ist: ein blütenweiß gekleideter Erbe aus altem Geld, mit exzellenten Manieren und einer beunruhigenden Neigung zur Gewalt. Er erledigt, wovor Myron zurückschreckt – und diese Reibung ist der Motor der Bücher. Apa bringt dafür etwas mit, das ihm sieben Staffeln lang abverlangt wurde: die Fähigkeit, auch bei völlig absurden Wendungen ernst zu bleiben.
Diane Guerrero (Esperanza Diaz)
In den Büchern erst Myrons Assistentin, später seine Geschäftspartnerin. Diane Guerrero spielte in Orange Is the New Black (2013) Maritza Ramos, eine der jüngeren Insassinnen von Litchfield, und war damit Teil jener Serie, die Netflix als Produzent eigener Stoffe erst etablierte. Parallel dazu lief Jane the Virgin (2014), die Telenovela-Parodie um eine junge Frau, die versehentlich künstlich befruchtet wird; Guerrero spielte dort Lina, Janes beste Freundin.
Zwei Serien, zwei Töne, beide erfolgreich. Ihre eigene Geschichte hat Guerrero öffentlich gemacht: Ihre Eltern wurden abgeschoben, als sie vierzehn war, sie blieb allein in den USA zurück. In den Romanen wächst Esperanza von der Aushilfe zur gleichberechtigten Partnerin – eine Entwicklung, die über mehrere Staffeln trägt. Sie gehört zudem zu den wenigen Figuren, die Myron offen widersprechen, ohne dass er es ihnen übelnimmt.
Jabari Banks
Der jüngste Zugang im Ensemble. Seine bislang größte Aufgabe war die Hauptrolle in Bel-Air (2022), der dramatischen Neuerzählung von Der Prinz von Bel-Air (1990). Banks spielt darin Will, einen Siebzehnjährigen aus Philadelphia, der nach Ärger mit der Polizei zu wohlhabenden Verwandten nach Los Angeles zieht. Was einst als leichtfüßige Comedy lief, wurde hier zum Drama über Herkunft, Klasse und Zugehörigkeit, entwickelt von Will Smith und Morgan Cooper, und brachte es auf vier Staffeln.
Bemerkenswert ist Banks’ Weg dorthin: Er war ein völlig unbekannter Schauspielschul-Absolvent, als er die Rolle bekam, und erfuhr die Zusage in einem gefilmten Überraschungsmoment durch Smith persönlich. Von dort in ein Ensemble mit Kelley-Drehbuch zu wechseln, ist ein bemerkenswerter nächster Schritt, zumal Banks in New York neben deutlich abgebrühteren Kollegen steht.
Melissa Benoist
Sechs Staffeln lang spielte Melissa Benoist die Titelfigur in Supergirl (2015), also Kara Zor-El, die als Zwölfjährige vom untergehenden Krypton geschickt wurde, in der Phantomzone strandete und erst Jahre später auf der Erde ankam. Die Serie war ein Grundpfeiler des sogenannten Arrowverse und lief bis 2021. Bekannt geworden war sie allerdings vorher, als Marley Rose in Glee (2009), der Highschool-Musicalserie, die eine ganze Generation zum Mitsingen brachte. Sechs Jahre wöchentlich produzierte Superheldenserie sind eine Härteprüfung, die man den wenigsten Lebensläufen ansieht.

Was Benoist bei Coben zu tun bekommt, ist noch nicht öffentlich. Eine Schauspielerin mit dieser Zugkraft verpflichtet aber niemand für eine Randnotiz – und in Cobens Universum sind es häufig die freundlichen Gesichter, bei denen man am Ende zweimal hinsehen muss.
Ben McKenzie
Zwei ikonische Rollen, zwei Jahrzehnte auseinander. Zuerst war Ben McKenzie Ryan Atwood in O.C. California (2003), dem Außenseiter aus Chino, der bei einer wohlhabenden Familie in Newport Beach landet und damit eine der prägenden Teenserien der Nullerjahre trägt. Danach fünf Staffeln als James Gordon in Gotham (2014), jener Serie, die Batmans Heimatstadt erzählte, bevor es Batman gab. McKenzies Gordon kommt als junger Detective in eine verrottete Polizeibehörde und muss entscheiden, wie viel Anstand er sich leisten kann.

Gerade weil die Serie ihre Schurken so genussvoll ausstellte, brauchte sie in der Mitte jemanden, der die Bodenhaftung hält. Bei Coben gehört McKenzie zu den wiederkehrenden Gastdarstellern – was in diesen Stoffen selten Nebensache bedeutet. Man sollte ihn im Blick behalten, gerade wenn seine Figur zunächst harmlos wirkt.
Bebe Neuwirth
Die Grande Dame dieser Besetzung. Bebe Neuwirth spielte Lilith Sternin, die eisige Psychiaterin und Gegenspielerin von Frasier Crane, zuerst in Cheers (1982), jener Kellerbar in Boston, die elf Staffeln lang das Maß aller Sitcoms war. Die Figur war so gut, dass sie in den Ableger mitgenommen wurde: In Frasier (1993) tauchte Lilith immer wieder auf, meist um das Leben ihres Ex-Mannes gründlich durcheinanderzubringen. Neuwirth gewann dafür zwei Emmys.
Wer eine Figur sucht, die mit einem einzigen Blick einen ganzen Raum gefrieren lässt, wird bei ihr fündig – eine Qualität, die in einem Coben-Stoff nicht ungenutzt bleiben dürfte. Neuwirth ist zudem ausgebildete Tänzerin und hat am Broadway zwei Tony Awards gewonnen – eine Laufbahn, die weit über das Fernsehen hinausgeht. Lilith war ursprünglich für eine einzige Folge gedacht. Am Ende wurde daraus eine Figur, die zwei Serien und rund zwei Jahrzehnte überdauerte.
Rachel Dratch
Die Comedy-Stimme im Ensemble. Rachel Dratch gehörte von 1999 bis 2006 zum Stammpersonal von Saturday Night Live (1975), der Late-Night-Institution, die seit fünf Jahrzehnten amerikanische Comedy prägt und deren Absolventenliste sich wie ein Who’s who des Fachs liest. Danach war sie regelmäßig in 30 Rock (2006) zu sehen, Tina Feys Satire auf den Betrieb hinter einer Sketch-Show, also gewissermaßen auf ihren eigenen früheren Arbeitsplatz. Dratch spielt gern Figuren, die zu laut, zu schräg oder zu ehrlich sind.
In einem Thriller-Ensemble ist das eine Besetzung, die aufhorchen lässt. Coben-Serien leben ohnehin davon, dass zwischen den Leichen jemand einen trockenen Satz sagt. Und Dratch gehört zu den wenigen, die das können, ohne dass der Ton kippt. Ihre bekannteste Figur aus dem Sketch-Fach ist Debbie Downer, jene Frau, die jede Feier mit einer schlechten Nachricht ruiniert – ein Running Gag, der es bis in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat.
Holt McCallany
Der wohl gewichtigste Name dieser Liste. Holt McCallany spielte in Mindhunter (2017) den FBI-Agenten Bill Tench, der Ende der Siebzigerjahre gemeinsam mit einem jüngeren Kollegen anfängt, inhaftierte Serienmörder zu befragen, um Muster zu erkennen. Was heute Profiling heißt, entsteht in dieser Serie erst, in Kellerräumen und auf endlosen Autofahrten.
David Fincher führte bei mehreren Folgen Regie und prägte den kühlen, präzisen Ton. McCallanys Tench ist ihr Herzstück: ein Mann, der beruflich in Abgründe schaut und privat kaum ein Wort darüber verliert. Dass nach zwei Staffeln Schluss war, gilt vielen bis heute als Verlust. Zuvor hatte McCallany jahrzehntelang harte Typen mit gebrochener Nase gespielt – Tench war die Rolle, die daraus etwas machte. Seither ist er einer jener Darsteller, deren bloße Anwesenheit einer Szene Gewicht gibt, auch wenn sie nur am Rand steht.
Jamie McShane
Einer der Darsteller, die man aus Dutzenden Serien kennt, ohne den Namen parat zu haben. Zuletzt war Jamie McShane in Wednesday (2022) als Sheriff von Jericho zu sehen, also als Amtsperson, die den Ermittlungen der Titelfigur im Weg steht. Davor spielte er in Sons of Anarchy (2008) den Cameron Hayes, einen irischen Waffenhändler mit kurzer Zündschnur, und in Bosch (2015) gehörte er zum Umfeld des Los-Angeles-Ermittlers. Seine Filmografie umfasst weit über hundert Produktionen, meist als Polizist, Anwalt oder Vorgesetzter. Bei Coben sind Autoritätsfiguren nie bloße Staffage – sie haben in aller Regel etwas zu verbergen. Wer McShanes bisherige Auftritte kennt, wird ihm vermutlich von der ersten Szene an misstrauen. Genau darin liegt der Wert eines solchen Gesichts: Es bringt eine Erwartung mit, mit der ein Drehbuch arbeiten kann.
Sandrine Holt
Die Spezialistin für Figuren mit doppeltem Boden. Sandrine Holt spielte in House of Cards (2013) die Journalistin Ayla Sayyad, die den Machenschaften der Underwoods gefährlich nahekommt und dafür einen Preis zahlt. In Better Call Saul (2015) war sie in der Anwaltswelt rund um Jimmy McGill zu sehen, jener Serie, die aus einem Ableger heraus zum eigenen Meisterwerk wurde. Beide Rollen verbindet dieselbe Qualität: eine Figur, die mehr weiß, als sie sagt. Holt ist zudem seit Jahren als Produzentin aktiv und hat als Model begonnen, bevor sie zum Schauspiel wechselte. Ihre Stärke liegt in Rollen, die nicht laut sein müssen, um Gewicht zu haben. Elf Namen, zwanzig große Serien – und ein Ensemble, das man bei Netflix offenbar nicht auf ein einziges Buch beschränken wollte.

















































