
„Monster: The Lizzie Borden Story“: Was ist wahr – und spielt das überhaupt eine Rolle?
Diesmal ist es eine Frau, die mordet: Mit Monster: Die Geschichte von Lizzie Borden (2026) widmen sich Ryan Murphy und Ian Brennan einem der berühmtesten ungeklärten Mordfälle der US-Geschichte. Mehr als 130 Jahre nach der Tat ist noch immer nicht geklärt, wer Andrew und Abby Borden in ihrem Haus in Fall River, Massachusetts, tötete. Ihre Tochter Lizzie Borden wurde zwar des Doppelmordes angeklagt, vor Gericht aber freigesprochen.
Die Netflix-Serie hat mit dieser Ungewissheit deutlich weniger Probleme. Ihre Lizzie Borden (Ella Beatty) ist nicht nur eine Mörderin – die Serie liefert ihr auch ein Motiv, eine Geliebte und Komplizin und schlägt schließlich sogar den Bogen zu einer anderen berüchtigten US-Serienmörderin: Aileen Wuornos (Sarah Paulson).
Dass die vierte „Monster“-Staffel dabei keine möglichst genaue Rekonstruktion des Lebens von Lizzie Borden sein will, zeigt sich schnell. Stattdessen macht die Serie aus historischen Fakten, jahrzehntealten Spekulationen und viel Fiktion ihre ganz eigene Version ihres Lebens.
Doch was davon stimmt tatsächlich – und warum verändert die Serie die historische Vorlage so stark?
Bridget Sullivan: Gab es Lizzie Bordens Geliebte wirklich?
Historisch ist bis heute nicht geklärt, ob Lizzie Borden überhaupt eine Mörderin war. Autor Ian Brennan macht sie allerdings nicht nur eindeutig zur Täterin, sondern liefert auch eine Erklärung dafür, warum sie zur Axt greift: Das Hausmädchen Bridget Sullivan (Vicky Krieps) wird in Monster zu Lizzies Geliebten – und vor allem zu der Person, die Lizzie darin bestärkt, die Erniedrigungen durch ihren Vater Andrew (Charlie Hunnam) und ihre Stiefmutter Abby (Rebecca Hall) nicht weiter hinzunehmen.
Bridget Sullivan gab es tatsächlich: Die irische Einwanderin arbeitete bei den Bordens und befand sich am 4. August 1892, dem Tag der Morde, im Haus. Eine Liebesbeziehung zwischen ihr und Lizzie ist allerdings nicht belegt. Ebenso wenig gibt es Beweise dafür, dass Bridget Sullivan an den Morden beteiligt war. Stattdessen wurde sie später zu einer wichtigen Zeugin im Prozess gegen Lizzie.
Monster baut ihre Rolle also erheblich aus. Bridget – die in der Serie auch „Maggie“ genannt wird, wie das Hausmädchen vor ihr – bringt Lizzie dazu, sich gegen ihre Familie aufzulehnen. Gemeinsam lesen die beiden über Elisabeth Báthory, die berüchtigte ungarische „Blutgräfin“, der zahlreiche Morde an jungen Frauen zugeschrieben wurden. In der Logik der Serie wird eine historische Frauenfigur damit zum Vorbild für die nächste – und Bridget/Maggie ist diejenige, die Lizzie mit ihr bekannt macht.
Elisabeth Báthory: War die „Blutgräfin“ wirklich Lizzie Bordens Vorbild?
Elisabeth Báthory (Vicky Krieps) gab es ebenfalls tatsächlich. Die ungarische Adelige lebte von 1560 bis 1614 und gilt heute als eine der berüchtigtsten (mutmaßlichen) Serienmörderinnen der Geschichte. Ihr wurde vorgeworfen, zahlreiche Mädchen und junge Frauen gefoltert und ermordet zu haben. Die in der Serie gezeigte Legende, sie habe im Blut von Jungfrauen gebadet, um ihre Jugend zu bewahren, lässt sich historisch allerdings nicht belegen.
Für eine Verbindung zwischen Elisabeth Báthory und der echten Lizzie Borden gibt es ebenfalls keine Belege. Dass Lizzie ihre Geschichte kannte, sie gemeinsam mit Bridget/Maggie studierte oder sich gar von ihr inspirieren ließ, ist damit wohl eine Erfindung der Serie.
Für Monster erfüllt die „Blutgräfin“ allerdings eine wichtige Funktion: Die Geschichten über Elisabeth Báthory zeigen Lizzie Borden eine radikale Fantasie davon, wie weibliche Macht aussehen kann. Somit etabliert die Staffel ein erzählerisches Muster, das sie später noch einmal aufgreift: Báthory wird zum vermeintlichen Vorbild für Lizzie – und mehr als ein halbes Jahrhundert nach Lizzies Tod macht Monster sie selbst zum Bezugspunkt für eine weitere berüchtigte Mörderin: Aileen Wuornos.
War Aileen Wuornos wirklich von Lizzie Borden inspiriert?
Ihr Auftauchen in Monster: The Lizzie Borden Story überrascht zunächst: Die Serienmörderin wurde 1956 geboren – fast 30 Jahre nach Lizzie Bordens Tod – und hat mit deren Geschichte historisch eigentlich nichts zu tun. Auch gibt es keine Belege dafür, dass sich die echte Aileen Wuornos besonders für Lizzie Borden interessierte oder sich gar von ihr inspirieren ließ.
Warum bekommt Aileen Wuornos so viel Raum in der Serie?
Weil Monster mit ihr offenbar weniger eine historische als eine thematische Verbindung herstellen will. Vor allem die Unterschiede zwischen den beiden Frauen sind dabei interessant: Die Serie betont immer wieder, welchen Einfluss ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung auf ihren Prozess hatte.
Lizzie Borden zeigt die Serie als wohlerzogene Dame aus gutem Hause, der man eine derart brutale Tat kaum zutraut. Sinngemäß heißt es, ein so zartes und vornehmes Geschöpf könne unmöglich mit einer Axt zwei Menschen umgebracht haben! Ob ihr Auftreten tatsächlich ausschlaggebend für ihren Freispruch war, lässt sich heute kaum feststellen. Für die Erzählung der Serie ist dieser Gedanke aber entscheidend.
Denn mit Aileen Wuornos stellt Monster ihr eine Mörderin gegenüber, deren sozioökonomische Realität eine gänzlich andere ist: Sie wuchs in äußerst schwierigen Verhältnissen auf, erlebte sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit, wurde als Jugendliche obdachlos und verdiente später unter anderem als Prostituierte ihr Geld. Als sie wegen der Tötung mehrerer Männer vor Gericht stand, war sie vom jahrelangen Drogenmissbrauch gezeichnet, hatte weder Vermögen noch ein angesehenes Elternhaus noch das gesellschaftliche Bild der respektablen Dame auf ihrer Seite.
Monster legt nahe, dass dies Aileen Wuornos, die schließlich im Jahr 2002 hingerichtet wurde, zum Nachteil geworden ist. Besonders deutlich wird das bei ihrem ersten Opfer Richard Mallory, das in der Serie thematisiert wird. Aileen Wuornos erklärt in einer Szene, Mallory habe sie brutal vergewaltigt und sie habe ihn in Notwehr erschossen.
Tatsächlich war Mallory Jahre zuvor wegen eines Angriffs mit Vergewaltigungsabsicht verurteilt worden. In Monster erfährt die Jury von dieser Vorgeschichte jedoch nichts. Zudem wird Aileen Wuornos' psychische Verfassung über mehrere Folgen hinweg als äußerst instabil gezeichnet – ein Aspekt, der auch in der Realität zu kontroversen Diskussionen darüber führte, wie mit ihrem Fall umzugehen sei.
Die Serie stellt beides letztlich in einen größeren Zusammenhang: Hinweise, die Wuornos' Darstellung der Tat hätten stützen oder ihre Situation verständlicher machen können, finden darin vor Gericht und in der Öffentlichkeit weniger Gehör als in Lizzie Bordens Fall. Monster insinuiert damit, dass einer Frau, die selbst nicht dem Bild eines zerbrechlichen Opfers entspricht, weniger geglaubt und weniger Mitgefühl entgegengebracht wird.
Half Nance O’Neil Lizzie Borden wirklich vor Gericht?
Apropos Auftreten vor Gericht: Monster geht noch einen Schritt weiter und zeigt, dass Lizzie nicht allein auf ihr Gespür für die Erwartungen ihrer Umwelt angewiesen ist. Eine Schauspielerin hilft ihr, vor der Jury die richtige Rolle zu spielen.
Nance O’Neil (Jessica Barden) bringt Lizzie in der Serie bei, wie sie sich im Gerichtssaal präsentieren muss. Dass Lizzie überhaupt Zugang zu einer bekannten Schauspielerin hat, passt ebenfalls in das Bild, das Monster im Kontrast zu Aileen Wuornos zeichnet: Lizzie bewegt sich in privilegierten Kreisen und kann auf Kontakte zurückgreifen, die anderen nicht offenstehen.
Ganz ausgedacht hat die Serie sich Nance O’Neil dabei nicht. Die US-amerikanische Schauspielerin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gefeierter Bühnenstar – und tatsächlich mit Lizzie Borden befreundet. Nur zum entscheidenden Zeitpunkt noch nicht.
Nach heutigem Kenntnisstand lernten sich die beiden Frauen erst im Jahr 1904 kennen, also mehr als zehn Jahre nach Lizzie Bordens öffentlichkeitswirksamen Prozess. Die Freundschaft soll zudem zu den Spannungen zwischen Lizzie und ihrer Schwester Emma beigetragen haben, die im Jahr 1905 aus dem gemeinsamen Anwesen Maplecroft auszog.
Über die Intensität der Beziehung zwischen Lizzie und Nance wurde später viel spekuliert. Es kursierten Gerüchte, dass die beiden Frauen auch eine Liebesbeziehung geführt haben könnten. Belege dafür gibt es allerdings nicht.
Warum weicht „Monster: The Lizzie Borden Story“ von den Fakten ab?
Vielleicht ist die Frage, wie viel an Monster: The Lizzie Borden Story tatsächlich wahr ist, am Ende gar nicht die interessanteste – sondern warum die Serie so entschieden von den Fakten abweicht. Denn Ryan Murphy und Ian Brennan geht es auch in dieser Staffel der Anthologie-Serie um etwas anderes als eine Rekonstruktion der Ereignisse.
Stattdessen erschaffen die acht Folgen ihre eigene Lizzie Borden und zeichnen sie als privilegierte Frau, die gedemütigt und kontrolliert wird, sich mit Gewalt daraus befreit – und damit davonkommt. Aileen Wuornos, die sich auf erlittene Gewalt beruft, arm ist, gesellschaftlich am Rand steht und in ihrer Jugend nicht die Unterstützung erhielt, die sie gebraucht hätte, wird schließlich zur Mahnung, dass dieses Ende keineswegs jeder Frau offensteht.
Damit ist Monster weniger ein an Fakten interessiertes True-Crime-Drama über Lizzie Borden als eine lustvoll mit der Überzeichnung spielende Neuinterpretation ihres Falls, die Aussagen über gegenwärtige Debatten trifft: Die Serie nimmt reale Personen, historische Leerstellen und jahrzehntealte Spekulationen und ordnet sie so an, dass daraus eine provokante Geschichte über Gewalt, Privilegien und die Frage entsteht, welcher Frau eine Gesellschaft glauben will.









