
„Leviticus“: Der nächste Horror-Hype? Was für den Film spricht – und was dagegen
Die beiden Horrorfilm-Hits Obsession (2026) und Backrooms (2026) sind hierzulande gerade erst im Kino gestartet, da bahnt sich schon der nächste große Hype an. Leviticus heißt der Film von Adrian Chiarella, der auf dem „Sundance Film Festival“ seine Premiere feierte und seitdem für stetig wachsende Begeisterung in den Sozialen Medien sorgt.
Nachdem das hippe Arthouse-Studio „NEON“ die Rechte zum Film erwarb, das mit Fjord (2026) gerade zum siebten Mal in Folge die Palme d’Or in Cannes gewann, sind die Erwartungen nun umso größer. Doch worum geht es im Film – und welche Art des Horrors kann man von Leviticus erwarten?
Biblischer Horror und queere Liebe
Schon der Titel des Filmes dürfte selbst unter nicht bibelfesten Horrorfans gewisse religiöse Assoziationen auslösen. „Levitikus“ meint zunächst einmal das dritte Buch des Pentateuch, auch bekannt als das „Dritte Buch Mose“ – und weiß man darum, welche bekannten Bibelverse darin zu finden sind, ahnt man sehr schnell, welche Themen in Adrian Chiarellas Langfilmdebüt verhandelt werden: Insbesondere die Passagen „Levitikus 18,22“ sowie „Levitikus 20,13“ werden von erzkonservativen und fundamentalistischen Strömungen immer wieder als vermeintlich religiöse Legitimation bemüht, um homosexuelle Beziehungen zu verurteilen.

Tatsächlich ist Leviticus in einer abgelegenen und streng christlichen Gemeinde im australischen Hinterland angesiedelt. Dorthin zieht der zurückhaltende Naim (Joe Bird) mit seiner Mutter (Mia Wasikowska) – und freundet sich schnell mit dem charismatischen Ryan (Stacy Clausen) an. Als sich die beiden jugendlichen Schüler ineinander verlieben, reagiert die Dorfgemeinschaft entsprechend ablehnend. Schließlich werden sie zu einer „Konversionstherapie“ gezwungen.
In der Gemeinde ist darunter allerdings nicht der ohnehin gefährliche pseudomedizinische Versuch gemeint, Homosexualität „wegzutherapieren“, sondern eine Art skurriles „spirituelles Reinigungsritual“. Kurz darauf werden die Jugendlichen nämlich von einer übernatürlichen Präsenz heimgesucht, die offenbar die Gestalt der Person annimmt, nach der man sich am meisten sehnt.
Der Schrecken der Gegenwart
Regisseur Adrian Chiarella soll dabei auf exzessive Gore-Effekte und permanente Schockmomente verzichten. Auch die Ausgangslage deutet weniger auf abwegigen Monster- oder rabiaten Slasherhorror hin, als auf einen weiteren Vertreter eines derzeit besonders florierenden Horrorkinos, das sich mit gesellschaftlichen Konflikten auseinandersetzt und zeitgemäße Ängste, insbesondere innerhalb der jüngeren Generation, aufgreift.

Dass sich Leviticus der Bedrohung queeren Lebens widmet, erscheint vor dem Hintergrund eines spürbaren gesellschaftlichen Backlashes naheliegend: In vielen westlichen Gesellschaften gewinnen erzkonservative bis autoritäre Wertvorstellungen wieder an Einfluss, während Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zunehmend infrage gestellt werden. Die Angst vor neuerlicher Ausgrenzung, altem Anpassungsdruck und dem Verlust persönlicher Freiheiten ist damit ein erschreckend aktueller Nährboden für Horror.
Meilenstein für das queere Horrorkino?
Auch deswegen gibt es bereits jetzt große Hoffnungen, dass sich Leviticus zu einem Meilenstein des queeren Horrorkinos entwickeln könnte. Über viele Jahrzehnte hinweg waren queere Figuren eher Randfiguren, tragische Opfer oder fungierten als zweifelhafte Metaphern innerhalb des Genres. Doch in der jüngsten Zeit scheint sich dieses Bild mehr und mehr zu wandeln.

Insbesondere Jane Schoenbrun fügte dem Horror mit I Saw the TV Glow (2024) und dem gerade in Cannes gezeigten Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026) eine interessante neue Facette hinzu, in der LGBTQ-konnotierte Themen im Fokus stehen und aus der Perspektive der Protagonist*innen verhandelt werden, anstatt sie als Projektionsfläche für gesellschaftliche Ängste zu instrumentalisieren.
Der Fluch des Horror-Hypes
Ganz ohne Skepsis sollte man dem Begeisterungssturm allerdings nicht begegnen. Dem Horrorpublikum werden inzwischen in erstaunlich kurzen Zeitabständen immer neue „Genre-Meilensteine“ angepriesen, die sich in besonderem Maße auf die Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist verstehen sollen. Allzu oft aber erweist sich das im Nachhinein schlicht als ein besonders kluges Marketing-Argument, das Studios wie „A24“ und „NEON“ für sich zu nutzen wissen.

Filme wie Obsession (2026) wurden schließlich ebenfalls als besonders zeitgemäße Auseinandersetzungen mit „Gen Z“-spezifischen Themen wie „toxische Liebe“ und „Dating-Horror“ gehandelt. Am Ende aber bleibt der Eindruck zurück, dass dieser Anspruch vor allem formuliert wird, um besonders relevant zu sein – ohne dass die zentrale Idee letztlich konsequent durchdacht wird. Und der Verweis auf gesellschaftliche Diskurse allein macht nun mal noch keinen großen Horrorfilm.
Amen erst nach dem Abspann
Deshalb wird entscheidend sein, ob Leviticus seine starke Metapher tatsächlich in eine überzeugende Geschichte übersetzen kann. Die Voraussetzungen wirken vielversprechend: Das „Time Magazine“ etwa spricht von „Queer Horror with Heart and Soul“, was zumindest weiter darauf hoffen lässt, dass Adrian Chiarella auf Sensationslust verzichtet und hinter seinem ungewöhnlichen Horrorkonzept mehr steckt als eine spannende Schlagzeile.
Deutsche Horrorfans müssen sich allerdings noch gedulden, um sich ein eigenes Urteil zu bilden: Während Leviticus am 18. Juni in den australischen und am Tag darauf auch in den US-amerikanischen Kinos startete, steht ein offizieller deutscher Starttermin noch aus.








