Der Reiz vieler Regisseur:innen liegt in ihrer klaren Handschrift: Einen Nolan, eine Sofia Coppola oder einen Tarantino erkennst du oft nach zwei Einstellungen. Umso spannender sind Karrieren, in denen genau das nicht gilt. Manche Regiegrößen starten mit Splatterfilmen und landen bei Oscar-Epen, drehen erst überdrehte Martial-Arts-Opern und später intime Liebesgeschichten oder wechseln von Pinguin-Musicals zu benzingetränkten Endzeitorgien.
In diesem Artikel stellen wir dir vierzehn Filme vor, die stilistisch und thematisch kaum weiter auseinanderliegen könnten – aber von derselben Person inszeniert wurden. Im Fokus steht dabei, wie sich diese „anderen“ Werke im Gesamtbild der jeweiligen Filmografie anfühlen, wie groß der Bruch zwischen den Projekten wirklich ist und warum genau das deinen Blick auf die einzelnen Filme noch einmal verschieben kann.
Der Regisseur von „Mad Max: Fury Road“ (2015) drehte auch „Happy Feet“ (2006)
Wenn du nur Mad Max: Fury Road (2015) kennst, würdest du bei Happy Feet (2006) vermutlich nie auf George Miller tippen. Der Regisseur, der das Endzeit-Kino mit staubigen Verfolgungsjagden und röhrenden V8-Motoren geprägt hat, inszeniert hier einen quietschbunten, australisch-US-amerikanischen Computeranimationsfilm über einen tanzenden Kaiserpinguin, der nicht singen kann. Anstelle von Öl, Schrott und Todesmut regieren hier Tap-Dance, Jukebox-Hits und Umweltbotschaft, inklusive knuffiger Nebenfiguren für die ganze Familie. Gerade der Kontrast macht den Film interessant: Du kannst in der präzisen Choreografie der Tanz- und Massen-Szenen dieselbe Kontrollwut erkennen, die später in den Actiontableaus von Fury Road explodiert. Wer Miller bisher nur mit staubiger Wüste verknüpft, bekommt mit Happy Feet einen ziemlich radikalen Beweis, wie breit sein Regie-Spektrum tatsächlich ist.
Der Regisseur von „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ (2003) drehte auch „Braindead“ (1992)
Peter Jackson ist für viele Zuschauer der Mann, der Mittelerde ins Blockbuster-Zeitalter gehievt hat: Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003) räumte elf Oscars ab und zementierte seinen Ruf als Regisseur monumentaler Fantasyfilme. Davor allerdings standen mit Bad Taste (1987), Meet the Feebles (1989) und Braindead (1992) ein paar Splatterfeste, die so gar nichts von edler Hochglanz-Fantasy haben. Hier fliegen Gedärme, Körperteile und absurde Gags im Minutentakt, und vor allem die ikonische Rasenmäher-Szene in Braindead hat sich unauslöschlich ins Gedächtnis der Genre-Fans eingebrannt. Jacksons frühe Werke arbeiten mit billigsten Effekten, groteskem Humor und einer Anarcho-Energie, die eher nach studentischem No-Budget-Projekt als nach spätere-Oscar-Magnet aussieht. Gerade darin liegt der Reiz: Wer alle Werke kennt, sieht in Jacksons Karriere einen klaren roten Faden aus handwerklichem Ehrgeiz, perfektem Timing und Lust an überbordenden Welten. Seine Filme könnten kaum unterschiedlicher sein, doch jeder einzelne ist ein Angriff auf die Sinne.
Der Regisseur von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001) drehte auch „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997)
Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) gilt als Inbegriff des verspielten Wohlfühlkinos: Pastellfarben, charmante Vignetten, eine scheue Hauptfigur, die ihrer Umgebung kleine, poetische Nadelstiche verpasst. Dass derselbe Regisseur, Jean-Pierre Jeunet, wenige Jahre zuvor den vierten Teil der Alien-Reihe inszeniert hat, wirkt fast wie ein Witz. Alien – Die Wiedergeburt (1997) wirkt auf den ersten Blick wie das komplette Gegenteil von Die fabelhafte Welt der Amélie: ein düsterer Science-Fiction-Horror, in dem Ellen Ripley als Klon in einem militärischen Forschungslabor gegen eine neue Alien-Generation antreten muss. Trotzdem ist der Film klar als Jeunet-Werk erkennbar. Die schrägen Charaktere, die Vorliebe für morbide Details und ramponierte Technik kennst du auch aus Amélie – nur werden sie hier in eine klebrige, klaustrophobische Albtraumwelt übertragen. Gerade dieser Kontrast zeigt, wie weit Jeunet stilistisch springen kann: vom warmherzigen Außenseiter-Märchen hin zur kalten Weltraumgroteske, ohne seine Handschrift bei Figurenzeichnung und Bildkomposition zu verlieren.
Der Regisseur von „Jurassic Park“ (1993) drehte auch „Schindlers Liste“ (1993)
Steven Spielberg ist für viele das Synonym für Blockbusterkino: Jurassic Park (1993) hat einen neuen Standard für digitalen Effektzauber gesetzt. Im selben Jahr brachte er Schindlers Liste (1993) ins Kino, einen fast komplett in Schwarz-Weiß gedrehten Holocaust-Film, der konsequent auf jede Form von Entertainment-Politur verzichtet und bis heute als einer der wichtigsten Geschichtsfilme überhaupt gilt. Die Kontraste könnten kaum größer sein: Hier die Dinosaurier-Achterbahn mit John-Williams-Fanfare, dort das nüchterne, verstörende Porträt eines Kriegsgewinnlers, der zum Retter wird. Gerade wenn du Spielberg vielleicht als „Blockbuster-Typ“ abgespeichert hast, lohnt sich das Nebeneinander dieser beiden 1993er-Werke. Du siehst denselben Regisseur, derselben Perfektionismus, aber einmal in den Dienst eskapistischer Spektakel-Fantasie gestellt und einmal als gnadenlose, politisch-historische Konfrontation mit der Realität.
Der Regisseur von „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) drehte auch „Philadelphia“ (1993)
Jonathan Demme hat mit Das Schweigen der Lämmer (1991) einen der prägendsten Thriller der Filmgeschichte gedreht: ein Serienkillerfall, die Spannung zwischen Starling und Lecter, ikonische Szenen und eine bedrückende Atmosphäre, an die seitdem kaum ein anderer Genrefilm heranreicht. Zwei Jahre später inszeniert er Philadelphia (1993), ein Gerichtsdrama über Diskriminierung von Menschen mit HIV/Aids, in dem Tom Hanks und Denzel Washington den Film allein über Blicke, Gesten und die feinen Nuancen in ihrem Verhältnis zueinander tragen. Statt düsterer Suspense-Architektur dominiert hier Empathie, emotionale Klarheit und eine inszenatorische Zurückhaltung, die den Schauspielern besonders viel Raum lässt. Wenn du beide Filme gesehen hast, erkennst du dieselbe Liebe zu Figuren, dieselbe Präzision im Timing, aber in völlig unterschiedlichen Aggregatzuständen. Philadelphia wirkt dadurch fast wie ein Gegenentwurf zum kalkulierten Schrecken von Das Schweigen der Lämmer – und zeigt, wie breit gefächert Demmes Skill-Set als Regisseur tatsächlich war.
Der Regisseur von „Hulk“ (2003) drehte auch „Brokeback Mountain“ (2005)
Ang Lee wurde im Westen mit opulenten Werken wie Tiger and Dragon (2000) und dem Superheldenfilm Hulk (2003) bekannt. Brokeback Mountain (2005) wirkte dagegen wie aus einem komplett anderen Universum: Ein intimes, stilles Drama über zwei Cowboys, die in einer homophoben Umgebung eine lebenslange, tragische Liebesgeschichte miteinander teilen. Der Film verzichtet auf Spektakel oder Pathos und arbeitet stattdessen mit langen Einstellungen, subtilem Schauspiel und Landschaften, in denen mehr unausgesprochen bleibt, als Dialoge je einfangen könnten. Im Vergleich zu seinen Ausflügen in Kostümfilm, Martial Arts und Effektkino zeigt Brokeback Mountain, wie souverän Ang Lee große Gefühle auch ohne Bombast inszenieren kann. Was all seine Werke eint, ist die Intensität der Bilder: Sie sind nicht nur eindrucksvoll, sondern auch eindringlich.
Der Regisseur von „Hangover“ (2009) drehte auch „Joker“ (2019)
Todd Phillips ist für viele der Mann hinter hemmungslosen Männer-Komödien wie Old School (2003) und Hangover (2009), in denen Alkohol, Blackouts und schlechte Entscheidungen zum Party-Slapstick verdichtet werden. Die Filme leben von improvisationslastigem Spiel, derber Situationskomik und Figuren, die eher Karikaturen als echte Menschen sind. Spulst du dann zu Joker (2019) vor, wirkt es fast, als wäre hier ein völlig anderer Regisseur am Werk: düstere Charakterstudie, langsame Eskalation, politisch aufgeladene Großstadt-Misere statt Bro-Exzess. Und doch steckt in beiden Filmen dieselbe Faszination für gescheiterte Männlichkeitsbilder und soziale Abstürze. Nur dass wir in Hangover darüber lachen – und uns beim Joker der Witz im Hals stecken bleibt.






































































































































































































































