
Wie „Jackass“ zur einflussreichsten amerikanischen Comedy-Marke des 21. Jahrhunderts wurde
Es ist das wohl chaotischste und anarchischste Kulturphänomen der MTV-Ära – eines, das Ekel, Skater-Kultur, Action, Klamauk und Selbstzerstörung miteinander verband und deren Protagonisten mit sagenhaft dummen, teils übertrieben ekligen Stunts zu Popikonen wurden. Nun endet diese Ära mit dem letzten Film: Am 25. Juni 2026 startet Jackass: Best and Last in den Kinos, der deutsche Titel lautet „Jackass: Einer geht noch“.
Es ist der fünfte und laut Johnny Knoxville endgültig letzte Jackass-Film, eine Mischung aus neuen Stunts und Archivmaterial, mit Knoxville, Steve-O, Wee Man, Dave England, Chris Pontius und dem Rest des Stammensembles. Spike Jonze inszeniert Eröffnung und Schluss.
Knoxville hat öffentlich erklärt, dass er keine Stunts mehr machen kann, die zu einer weiteren Gehirnerschütterung führen könnten. Nach dem Bullen-Vorfall in Jackass Forever (2022), bei dem er sich Hirnblutungen, gebrochene Rippen und einen Bruch des Handgelenks zugezogen hat, ist das auch nachvollziehbar. Was kaum jemand so klar ausspricht: Diese Truppe von durchschnittlich 50-jährigen Männern, die seit 25 Jahren absichtlich ihre eigenen Körper ruinieren, hat den amerikanischen Comedy-Mainstream stärker geprägt als fast jedes andere Format des Jahrhunderts. Das ist eine steile Aussage. Sie ist trotzdem richtig.
Der Archetyp eines ganzen Genres
Was Jackass im Oktober 2000 auf MTV startete, war kein Comedy-Format, das es so vorher schon gegeben hatte. Es war die Erfindung einer Form. Sechs Elemente, die heute jedes zweite Format in der Welt zwischen MTV und TikTok verwendet, ohne zu wissen, woher sie kommen. Erstens: Klamauk. Der absichtliche Verzicht auf Pointen zugunsten von schierer körperlicher Eskalation. Zweitens: Ekel. Die gezielte Konfrontation des Publikums mit Körperflüssigkeiten, Erbrochenem, halbnackten Männern in Situationen, die niemand sehen will, aber jeder dann doch anschaut. Drittens: Skater-Kultur. Die DIY-Ästhetik der Punk-Skate-Videos der späten 90er, übersetzt in ein Massenmedium – 4:3-Aspekt-Ratio, Handkamera-Rauschen, Hardrock und Punk auf der Tonspur. Viertens: starke Charaktere. Jeder im Ensemble eine eigene Marke, austauschbar nur durch sich selbst – Knoxville der Wahnsinnige, Steve-O der Selbstzerstörer, Bam Margera der Skater-Prinz, Wee Man der kleinwüchsige Komiker, Ryan Dunn der Loyale, Chris Pontius der Hedonist.

Fünftens: Hedonismus. Eine Lebensphilosophie, in der die nächste Idee, der nächste Stunt, der nächste Drink wichtiger ist als jede langfristige Konsequenz. Sechstens, und das ist die Pointe, die alles zusammenhält: Self-Deprecating-Humor. Bedeutet: Anders als bei jeder Prankcomedy davor zielt der Witz hier nie auf einen Außenstehenden, sondern immer auf einen aus der eigenen Truppe. Das ist die ethische Klausel des Formats, die Knoxville und Steve-O bis heute verteidigen: „We only target ourselves and each other.“ Wer einen Schmerz erleidet, hat ihm zugestimmt. Diese Klausel ist auch der Grund, warum Jackass jeder Cancel-Welle der letzten 25 Jahre standgehalten hat. Es gibt nichts zu canceln, wenn keiner zum Opfer gemacht wird, der nicht selbst um den Stunt gebeten hat.
Die MTV-Phase: Knoxville und Margera als Gesicht eines Jahrzehnts
Die Original-Serie lief nur von Oktober 2000 bis August 2001, knapp ein Jahr, 25 Episoden lang. MTV war unter Druck der amerikanischen Sittenwächter eingeknickt, der dritte Staffel-Slot blieb leer. Aber für Knoxville und Bam Margera reichten diese Monate, um zu zwei der präsentesten Gesichter der frühen 2000er zu werden.
Knoxville, geboren als Philip John Clapp in Knoxville, Tennessee, hatte 1998 als Stunt-Reporter für das Skate-Magazin Big Brother angefangen und hatte in einem Video namens Number Two einen Taser-Test an sich selbst durchgeführt. Drei Sekunden später schrie ein Land vor Lachen. Bam Margera kam aus West Chester, Pennsylvania, war professioneller Skater, und hatte mit seiner Familie ein eigenes Mini-Universum namens CKY (Camp Kill Yourself) auf Video gebannt, das Jeff Tremaine als Basis für das ganze MTV-Format diente. Wo Knoxville der Stuntmann mit der Reagan-Frisur war, war Margera der hyperaktive Skater-Lausbub, der seinen eigenen Vater in der Küche überfiel und das Resultat um die Welt schickte.
In den Jahren nach der MTV-Cancellation 2001 waren die beiden überall. Knoxville stand in etlichen Kinofilmen auf der Leinwand. Bam Margera bekam sein eigenes MTV-Spinoff Viva La Bam (2003–2005), das vier Staffeln lang sein Privatleben in Pennsylvania zum Reality-Spektakel machte, und danach weitere Formate. MTV hatte zwei junge Männer Anfang dreißig im Stundenraster, die Werbung verkauften, die Kids in Skaterhosen drängten und gleichzeitig die kulturkritischen Feuilletons beschäftigten. Es gibt amerikanische Stars dieser Phase – Eminem, Britney Spears, Tony Hawk –, deren Omnipräsenz mit Knoxville und Margera mithalten konnte. Sehr viele andere nicht.
Bam Margera ist nicht mehr dabei
Im Sommer 2011 stirbt Ryan Dunn, einer der engsten Freunde der Truppe und Stammgast aller Jackass-Produktionen, bei einem alkoholbedingten Autounfall in Pennsylvania. Für Margera, der mit Dunn seit der Highschool befreundet war, ist das der Moment, an dem es bergab geht. Sucht, gescheiterte Reha-Aufenthalte, öffentliche Auftritte, in denen er sich kaum auf den Beinen halten kann. 2021 wird er von der Produktion von Jackass Forever entlassen, weil er gegen einen sogenannten „Wellness Agreement“ verstoßen hat – eine vertragliche Suchtklausel. Er reicht Klage gegen Paramount und seine ehemaligen Mitstreiter ein, später wird die Klage außergerichtlich beigelegt. In Jackass Forever sieht man ihn nur noch in zwei kurzen Sequenzen. Im neuen Film Best and Last ist er nun gar nicht mehr persönlich dabei, sondern ausschließlich in Archivmaterial – einem Deal, dem er Anfang 2026 zugestimmt hat.
Wer ohne Jackass nicht existieren würde
Die Liste der Formate, die direkt oder indirekt auf Jackass aufbauen, ist erstaunlich. Wichtiger noch: das gesamte YouTube- und TikTok-Ökosystem an Prank- und Stunt-Kanälen. MrBeast, dessen Multimillionen-Dollar-Stunts auf YouTube heute Mainstream sind. Logan und Jake Paul, die mit Prank-Videos zu Stars wurden, bevor sie zum Boxen wechselten. Rémi Gaillard. Ed Bassmaster. Der ganze Sub-Genre-Komplex der „It’s just a prank, bro“-Videos.

Eric Manaka, der Newcomer in Jackass Forever, hat in Interviews offen gesagt, dass er mit Jackass-YouTube-Clips groß geworden ist und nie geglaubt hätte, jemals selbst dabei zu sein. Sogar seriöse Auteurs wie Harmony Korine oder die Safdie-Brüder berufen sich auf die Jackass-Ästhetik. Knoxville hat 2024 mit Sweet Dreams eine ernstzunehmende Hauptrolle gespielt, in der er einen alkoholkranken Softball-Trainer gibt, und überraschend gute Kritiken bekommen. Es ist nicht zu viel gesagt: Die ganze Idee, dass Comedy auch ohne Drehbuch, ohne Pointe, ohne Bühne und einfach durch das absichtliche Brechen von Körpern und sozialen Regeln funktioniert, ist eine Jackass-Erfindung.
Was am 26. Juni 2026 in den Kinos endet, ist deshalb keine Komödienreihe. Es ist der letzte Vorhang eines Formats, das ein Vierteljahrhundert lang das Vokabular der amerikanischen Comedy mitdefiniert hat, ohne je den Respekt der Kritiker zu bekommen, der ihm zustehen würde. Die Truppe ist mittlerweile Anfang 50, Knoxville hat zugegeben, dass er nicht mehr kann, Steve-O ist seit Jahren nüchtern und betreibt einen Podcast, Margera ist außen vor, Ryan Dunn ist gestorben.

Es gab nie eine bessere Begründung, einen Schlusspunkt zu setzen. Und es gab auch nie ein Format, das so wenig Anstrengung gebraucht hat, um den Lauf der Popkultur zu verändern, einfach indem es sich selbst gegen Wände, Bullen und Tritte in den Unterleib gehauen hat.
„Hi, I’m Johnny Knoxville, and welcome to Jackass.“ Das ist nicht nur der berühmteste Begrüßungssatz der MTV-Geschichte. Das ist auch ein Satz, mit dem zu viele YouTuber und TikToker seit zwanzig Jahren ihre Videos anfangen, ohne zu wissen, wem sie ihn schulden.
















































