
Ist Mittelerde real? Die wahren Inspirationen hinter „Der Herr der Ringe"
Mittelerde existiert nicht. Das ist die kurze Antwort. Die längere ist komplizierter – und interessanter. John Ronald Reuel Tolkien, Professor für Angelsächsisch in Oxford, hat Der Herr der Ringe (1954–1955) nicht als Fantasywelt im üblichen Sinne entworfen, sondern als etwas, das er selbst „mythologische Vergangenheit der Erde“ nannte.
Mittelerde ist, in Tolkiens eigenem Verständnis, nicht ein anderer Planet und keine erfundene Dimension, sondern Europa – ungefähr sechs- bis siebentausend Jahre vor unserer Zeit, bevor die Elben verschwanden, bevor die großen Reiche fielen, bevor die Welt so wurde, wie sie heute ist. Das klingt nach einer schönen Erzählerausrede. Es ist in Wirklichkeit das Fundament, auf dem die gesamte Mythologie aufgebaut ist.
„Middangeard": Das Wort, das alles erklärt
Der Name „Mittelerde“ ist keine Erfindung. Er kommt aus dem Altenglischen: Middangeard, was schlicht „die Welt der Menschen“ bedeutet – die bewohnbare Mitte zwischen den Göttern oben und dem Chaos unten. Dieses Konzept stammt aus der germanischen Kosmologie und taucht in verschiedenen Formen in der nordischen Mythologie auf, wo es Midgard heißt. Odin und seine Brüder schufen Midgard und bevölkerten es mit Menschen. Die Götter wohnten in Asgard, verbunden mit Midgard durch die Regenbogenbrücke Bifröst. Wer bei Tolkien genau hinschaut, sieht die Entsprechung: Die Valar leben in Valinor, verbunden mit Mittelerde durch einen langen Landweg. Das ist keine zufällige Ähnlichkeit. Tolkien kannte diese Texte besser als fast jeder andere Mensch seiner Zeit – er lehrte sie, übersetzte sie, schrieb eigene Versionen davon.
Beowulf war dabei sein wichtigster Referenztext. Das altenglische Epos aus dem achten Jahrhundert – die Geschichte eines Kriegers, der Ungeheuer tötet und am Ende selbst an seinen Wunden stirbt – hat Tolkien ein Leben lang beschäftigt. Sein Aufsatz Beowulf: The Monsters and the Critics von 1936 gilt bis heute als einer der einflussreichsten literaturwissenschaftlichen Texte des zwanzigsten Jahrhunderts. Was ihn an Beowulf faszinierte, war nicht die Handlung, sondern die Stimmung: eine Welt, in der Heldentum keine Garantie ist, in der das Böse nicht endgültig besiegt wird, in der Schönheit und Verlust untrennbar zusammenhängen. Das ist auch die Stimmung von Mittelerde.
Was nordisch, was finnisch, was persönlich ist
Die Zwerge haben nordische Namen – die meisten stammen direkt aus der Lieder-Edda, dem isländischen Gedichtzyklus aus dem dreizehnten Jahrhundert. Gandalf ist Odin: der alte Mann mit dem Hut, dem Stab, dem Wandererdrang, dem Wissen, das er nicht vollständig teilt. Der Eine Ring hat seine Entsprechung im nordischen Andvaranaut, einem verfluchten Ring aus der Völsunga-Saga, der jeden Besitzer ins Verderben treibt – und im deutschen Nibelungenlied, das dasselbe erzählt. Die Elben hingegen kommen aus einer anderen Tradition: heller, erhabener, göttlicher als ihre nordischen Vorbilder.
Das Finnische ist weniger offensichtlich, aber tief eingebettet. Tolkiens Quenya – die Hochsprache der Elben – basiert strukturell auf dem Finnischen, das ihn als junger Student fasziniert hatte. Das finnische Nationalepos Kalevala, eine Sammlung mythologischer Heldenlieder aus dem neunzehnten Jahrhundert, hat die Grundstruktur des Silmarillion beeinflusst: der Schmied Ilmarinen entspricht dem elfischen Schmied Fëanor, der Konflikt um die Silmaril spiegelt den Konflikt um das gestohlene Sampo.
Der Erste Weltkrieg und die englische Landschaft
Tolkien kämpfte in der Schlacht an der Somme im Jahr 1916. Fast alle seine engen Freunde starben dort. Was er in den Schützengräben erlebte – die industrielle Vernichtung, die Sinnlosigkeit, das Überleben ohne erkennbaren Grund –, ist in Der Herr der Ringe nicht illustriert, aber eingegraben. Das Auenland ist kein generisches Idyll. Es ist die englische Landschaft seiner Kindheit in Worcestershire und Warwickshire, die er liebte und verloren glaubte. Die Zerstörung des Auenlandes am Ende des dritten Bandes ist keine dramaturgische Geste – es ist Tolkiens Trauer über eine England, das die Industrialisierung und der Krieg verändert hatten.
Frodo und seine Gefährten, die aus dem Auenland in eine Welt ziehen, die größer und gefährlicher ist, als sie es je für möglich gehalten haben – und die zurückkehren und feststellen, dass sie selbst sich verändert haben, nicht nur die Welt –, das ist kein Abenteuererzählmuster. Das ist die Erfahrung seiner Generation.
Was das alles bedeutet
Mittelerde ist nicht real. Aber es ist auch nicht einfach erfunden. Es ist das Ergebnis eines Lebenswerks, das Sprachen, Mythologien, persönliche Verluste und eine tiefe Überzeugung zusammenführt: dass England eine eigene Mythologie verdient, so wie Finnland das Kalevala hat und Skandinavien die Edda. Was Tolkien gebaut hat, ist kein Fantasykonstrukt, sondern ein Versuch, etwas zurückzugeben, das die Zeit weggespült hatte. Ob das gelungen ist, beantwortet die Tatsache, dass wir siebzig Jahre später noch darüber reden.
























