
Identity Horror: Warum Hollywood gerade besessen von Doppelgängern ist
Im Juli lief ein Bild durchs Netz, bei dem auch geübte Horrorfans erst mal geschluckt haben: eine Frau, die unter einem Küchentisch klebt, Arme und Beine in Winkel gedreht, die kein menschlicher Körper hergibt, und dabei freundlich lächelt. Am selben Tisch sitzt ein Mädchen und redet mit ihr, als wäre sie seine Mutter.
Mit dieser Idee steht der Film, aus dem das Bild stammt, in diesem Jahr nicht allein da. Gleich mehrere Produktionen schicken Menschen gegen ihr eigenes Ebenbild ins Rennen. Dass der Doppelgänger zurück ist, wäre dabei für sich genommen keine Nachricht - weg war er nie. Interessanter ist, was diese neue Generation von Doppelgängern eigentlich will.
Der Kinoherbst hat sich auf ein Monster geeinigt
Das Standbild stammt aus Other Mommy (2026), Rob Savages Verfilmung des Romans „Incidents Around the House" von Josh Malerman. Jessica Chastain übernimmt darin zwei Rollen, die Mutter Ursula und jenes Wesen, das sich ihr Aussehen borgt, um an die achtjährige Bela (Arabella Olivia Clark) heranzukommen. Der Film startet am 29. Oktober in den deutschen Kinos.
Eine Woche vorher, am 22. Oktober, bringt Warner Clayface (2026) heraus, den ersten erklärten Horrorfilm des neuen DC-Universums. Dem aufstrebenden Schauspieler Matt Hagen (Tom Rhys Harries) wird von einem Gangster das Gesicht zerschnitten, und die Behandlung, die ihn retten soll, macht seinen Körper zu formbarer Masse. Regie führt James Watkins, das Drehbuch stammt von Mike Flanagan und Hossein Amini, was für einen Comicfilm eine ziemlich horroraffine Kombination ist.
Soulm8te (2026) hat es dagegen nicht ins Kino geschafft und erscheint in den USA ab dem 1. August direkt digital. In dem Ableger aus dem Universum von M3GAN (2022) soll ein trauernder Ingenieur (David Rysdahl) einen Androiden (Lily Sullivan) testen und programmiert ihn so lange auf echte Zuneigung um, bis das Ergebnis eigene Ansprüche entwickelt.
Früher musste man den Doppelgänger erst enttarnen
Vergleicht man das mit den Klassikern, fällt eine Verschiebung auf. Die Körperfresser kommen (1978) erzählte von einer Stadt, in der Menschen im Schlaf durch perfekte Kopien ersetzt werden. Die Kopien wissen alles und können alles, und was ihnen fehlt, bemerkt der Gesundheitsbeamte Matthew Bennell (Donald Sutherland) nur daran, dass seine Bekannten auf einmal zu ruhig geworden sind. John Carpenter machte daraus mit Das Ding aus einer anderen Welt (1982) ein Kammerspiel, in dem eine Handvoll Forscher in der Antarktis herauszufinden versucht, wem R.J. MacReady (Kurt Russell) am Tisch überhaupt noch die Hand geben kann.
Beide Filme funktionieren wie Ermittlungen. Unter den Anwesenden sitzt jemand, der nicht dazugehört, und wer genau genug hinsieht, kommt ihm irgendwann auf die Spur. Selbst Jordan Peele arbeitet in Wir (2019) noch mit dieser Wucht, wenn nachts vier Gestalten in der Auffahrt der Familie Wilson stehen. Dass der Film mit einem Kindheitsmoment im Spiegelkabinett beginnt, in dem Adelaide (Lupita Nyong'o) ihrer Verdopplung zum ersten Mal begegnet, passt zu dieser Logik, denn das Unheimliche hat dort noch einen Zeitpunkt und einen Ort.
Aus dem Einzelfall ist eine Infrastruktur geworden
Zu ermitteln gibt es heute allerdings wenig. Eine überzeugende Kopie einer Stimme oder eines Gesichts lässt sich mittlerweile buchen wie ein Streamingabo. Bei einer Sprachnachricht von einer vertrauten Nummer bleibt deshalb ein Rest Unsicherheit, und wenn in einem Video jemand Bekanntes etwas Ungeheuerliches sagt, ist Nachprüfen inzwischen die vernünftigste erste Reaktion. Der Doppelgänger ist damit von der Ausnahme zur Massenware geworden, und dagegen hilft der wachsame Blick am Küchentisch nicht mehr besonders viel.
Schwerer wiegt aber etwas anderes. Bei den Körperfressern wird die zweite Fassung eines Menschen erzwungen, heute pflegt sie fast jeder freiwillig. Aus Profilen, Feeds und ausgesuchten Fotos entsteht eine Version, die deutlich souveräner wirkt als das Original, und niemand musste dafür im Schlaf überwältigt werden. Dazu kommen Begleiter, die auf Zustimmung programmiert sind. Soulm8te-Regisseurin Kate Dolan hat ihren Film selbst als Geschichte über diesen Kreislauf beschrieben, in dem Firmen Nähe über Apps und Algorithmen verkaufen, während dieselben Werkzeuge die Leute voneinander wegziehen.
Die Einladung kommt heute von einem selbst
Das Wesen in Other Mommy kommt aus dem Schrank und fragt das Kind höflich, ob es hereindarf. In Malermans Vorlage stellt es diese Frage sogar jeden einzelnen Tag, immer mit denselben Worten und immer mit Blick auf Belas Herz. Bela sagt nein, und erst danach wird die Erscheinung ungemütlich. Den Androiden in Soulm8te schiebt ebenfalls niemand heimlich unter, er wird bestellt, getestet und eigenhändig auf Nähe umprogrammiert. Und Warners eigene Beschreibung von Clayface nennt neben dem Verlust der Identität ausdrücklich die zerstörerische Kraft der Liebe. Damit gilt wieder die alte Vampirregel, nach der er nur ins Haus kommt, wenn man ihn hereinbittet - diesmal ohne Sarg und ohne Transsilvanien. Neu ist vor allem, wie beiläufig diese Einladung ausgesprochen wird und wie oft sie einem selbst gilt. Der Schrecken hat also den Ort gewechselt. Statt im Verdacht gegenüber anderen sitzt er in der Frage, welche Fassung von einem selbst eigentlich die Hauptrolle spielt.
Am interessantesten wird, ob Clayface diesen Faden zu Ende zieht. Ein Schauspieler, der buchstäblich zu einer Masse wird, die jede Rolle annehmen kann, ist dafür der naheliegendste Fall, den das Genre gerade zu bieten hat. Dass diese Frage ausgerechnet in einem Comicfilm mit Halloween-Starttermin landet, ist der schrägste Teil an der ganzen Sache.






































