
Wer gewinnt den „Tanz der Drachen“ – und was hat das alles mit „Game of Thrones“ zu tun?
Wer wissen möchte, wie der Tanz der Drachen endet, muss eigentlich nicht auf die dritte und abschließende vierte Staffel von House of the Dragon (seit 2022) warten. George R. R. Martin hat den Ausgang des Bürgerkriegs schließlich bereits vor Jahren im Buch „Feuer und Blut“ beschrieben. Trotzdem ist die Antwort komplizierter, als es zunächst scheint.
Denn die Vorlage der Serie ist kein klassischer Roman, sondern eine fiktive Chronik. Verfasst wurde sie von Maester Gyldayn, der die Ereignisse lange nach ihrem Ende rekonstruiert und sich dabei auf widersprüchliche Quellen stützt: auf Berichte von Höflingen, Septonen, Chronisten und Augenzeugen, die häufig unterschiedliche Versionen derselben Geschehnisse liefern.
George R.R. Martin greift damit ein Prinzip auf, das Historikern vertraut ist: Geschichtsschreibung entsteht aus Quellen, und Quellen sind selten frei von Interessen, Vorurteilen oder Wissenslücken. House of the Dragon erzählt deshalb nicht einfach nach, was in „Feuer und Blut“ steht, sondern interpretiert die Leerstellen dieser Überlieferung und korrigiert, was durch Zeugenaussagen respektive deren Interessen womöglich verzerrt wurde. Die Serie zeigt, was hinter den Chroniken tatsächlich geschehen sein könnte.
Achtung: Es folgen Spoiler zum Ende des „Tanzes der Drachen“
Mit der dritten Staffel beginnt nun die Hochphase der Geschichte, auf die alles bisher Erzählte zugelaufen ist: Nach dem Tod von Lucerys Velaryon und der Vergeltungsaktion „Blood and Cheese“ gibt es kein Zurück mehr. Aus einem Streit um die Thronfolge wird ein Krieg, der eine Dynastie erschüttert und Westeros dauerhaft verändert.
Ein Krieg, den niemand wirklich gewinnen kann
Der „Tanz der Drachen“ beginnt als Konflikt um die Nachfolge von König Viserys I. Auf der einen Seite stehen die „Schwarzen“ um seine Tochter Rhaenyra Targaryen, die ihr Vater öffentlich zur Erbin bestimmt hatte. Auf der anderen Seite kämpfen die „Grünen“, die die Rechtmäßigkeit ihres Erbanspruchs anzweifeln und Halbbruder Aegon II. auf den Eisernen Thron setzen wollen.

Was zunächst wie ein Machtkampf beginnt, entwickelt sich rasch zum verheerendsten Bürgerkrieg in der Geschichte des Hauses Targaryen. Adelshäuser werden ausgelöscht, ganze Landstriche verwüstet und Drachen gegeneinander in den Kampf geschickt. Deshalb greift die Frage, wer den Krieg „gewinnt“, eigentlich zu kurz. Der „Tanz der Drachen“ hinterlässt am Ende kaum Sieger – dafür aber eine enorme Zerstörung.
Der Sieg der „Grünen“ – zumindest in den Geschichtsbüchern
Betrachtet man die Ereignisse rein formal, gewinnen diesen Bürgerkrieg allerdings die „Grünen“. Dabei scheint sich der Krieg zwischenzeitlich sogar zugunsten Rhaenyras zu entwickeln. Ihrer Fraktion gelingt die Einnahme von Königsmund, und für kurze Zeit sitzt sie tatsächlich auf dem Eisernen Thron. Doch ihre Herrschaft hält nicht lange. Hunger und politische Spannungen treiben die Hauptstadt ins Chaos, die Unterstützung für die Königin schwindet und schließlich muss sie aus Königsmund fliehen.
Als Rhaenyra auf Drachenstein Zuflucht sucht, gerät sie dort in die Hände ihres Halbbruders Aegon II. Auf dessen Befehl wird sie vor den Augen ihres Sohnes von dem Drachen Sunfyre getötet. In den offiziellen Chroniken von Westeros wird Aegon II anschließend als rechtmäßiger König geführt. Rhaenyra erscheint dort häufig lediglich als Gegenkönigin oder Usurpatorin.
Wer die Geschichte anhand ihrer unmittelbaren Ergebnisse bewertet, kommt daher zu einem eindeutigen Schluss: Aegon sitzt am Ende auf dem Eisernen Thron, seine Gegnerin ist tot und sein Anspruch setzt sich durch. Doch George R. R. Martin interessiert sich selten für den bloßen Augenblick des Sieges. Entscheidend ist bei ihm meist, was von einer Herrschaft bleibt.
Warum die „Schwarzen“ die Geschichte überdauern
Der Triumph der Grünen erweist sich schnell als brüchig: Aegon II. hat den Krieg zwar gewonnen, doch er herrscht über ein verwüstetes Reich. Zahlreiche Angehörige seiner Familie sind tot, wichtige Verbündete gefallen und die Grundlagen seiner Macht erschüttert. Vor allem aber fehlt ihm eine stabile Nachfolge.
Kurz nach dem Ende des Krieges stirbt auch Aegon II. selbst – vermutlich durch Gift, wenngleich die genauen Umstände im Buch ungeklärt bleiben. Sein Sieg erweist sich damit als ebenso kurzlebig wie kostspielig.
Auf den Thron folgt ausgerechnet Aegon III., der Sohn Rhaenyras. Sämtliche späteren Targaryen-Herrscher gehen auf seine Linie zurück. Damit führt letztlich jeder König der Dynastie seine Abstammung auf Rhaenyra und Daemon Targaryen zurück.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte historische Ironie: Die Frau, die den Krieg verliert, gewinnt langfristig die Dynastie. Selbst Daenerys Targaryen, die Jahrhunderte später in Game of Thrones Anspruch auf den Eisernen Thron erhebt, stammt direkt von jener Linie ab, die während des Bürgerkriegs eigentlich besiegt wurde.
Der eigentliche Wendepunkt: Die Targaryen verlieren ihre größte Macht
Die entscheidende Folge des „Tanzes der Drachen“ liegt jedoch weder im Schicksal von Aegon noch in jenem von Rhaenyra.
Historisch betrachtet verändert der Krieg Westeros vor allem deshalb so grundlegend, weil er die Grundlage der Herrschaft der Targaryen zerstört. Über Generationen hatten die Drachen die Macht der Familie abgesichert. Sie waren nicht nur Waffen, sondern der Grund, weshalb die Targaryen überhaupt sieben Königslande unter ihrer Herrschaft vereinen konnten.
Während des Bürgerkriegs sterben jedoch die meisten ausgewachsenen Drachen. Zum ersten Mal in der Geschichte kämpfen die gewaltigen Kreaturen in großer Zahl gegeneinander. Das Symbol targaryenischer Stärke wird zu ihrem Verhängnis.
Die wenigen Tiere, die den Krieg überleben, sind häufig geschwächt oder von geringer Größe. In den folgenden Jahrzehnten schlüpfen immer weniger Drachen, viele Eier bleiben unfruchtbar. Schließlich verschwindet die Spezies vollständig aus Westeros.
Der „Tanz der Drachen“ beendet damit indirekt das Drachenzeitalter.
Warum das direkt zu „Game of Thrones“ führt
Als die Handlung von Game of Thrones beginnt, gelten Drachen als Stoff für Legenden. Die meisten Bewohner von Westeros haben nie einen gesehen. Viele bezweifeln sogar, dass sie jemals existiert haben.
Ohne ihre Feuerbestien aber verlieren die Targaryen das Instrument, das sie über Jahrhunderte von allen anderen Herrscherhäusern unterschied. Über Generationen hinweg wird das Haus Targaryen dadurch verwundbarer: Die Krone verliert ihre übernatürliche Aura, ihre militärische Überlegenheit und regionale Mächte werden selbstbewusster.
Die Entwicklung mündet schließlich in Roberts Rebellion, die die Targaryen-Dynastie stürzt und die politische Ausgangslage von Game of Thrones schafft. Der Tanz der Drachen ist damit ein historisches Schlüsselereignis, das die Welt von Westeros nachhaltig verändert.
Daenerys und die späte Antwort auf eine alte Katastrophe
Fast zwei Jahrhunderte nach dem Bürgerkrieg bringt Daenerys Targaryen schließlich drei Drachen aus versteinerten Eiern hervor. Damit kehrt jene Macht in die Welt zurück, die ihre Vorfahren während des Tanzes der Drachen verloren hatten.
Ihre Drachen symbolisieren damit auch die Rückkehr eines Mythos, der seit Generationen als ausgelöscht galt. In gewisser Weise versucht Daenerys nicht nur, den Eisernen Thron zurückzuerobern, sondern auch jene Macht wiederherzustellen, die das Haus Targaryen einst groß gemacht hatte.
Darin liegt die eigentliche Bedeutung des Tanzes der Drachen: Die offiziellen Chroniken erklären Aegon II. zum Sieger. Die spätere Herrscherlinie wiederum spricht für Rhaenyra. Die langfristigen Folgen wiederum zeigen, dass beide Seiten – vor allem aber das Reich selbst – einen Preis zahlten, der weit über den Kampf um den Eisernen Thron hinausging.










































