
Vor „Hope“ drehte Na Hong-jin einen der verstörendsten Horror-Meisterwerke Südkoreas
Na Hong-jin hat sich mit seinem Comeback Zeit gelassen. Wenn Hope (2026) am 8. Oktober in den deutschen Kinos startet, liegen zehn Jahre zwischen seinem neuen Film und seiner letzten eigenen Regiearbeit. Wer diese lange Pause bisher nur mit einem Schulterzucken quittiert hat, sollte sich The Wailing – Die Besessenen (2016) ansehen. Danach versteht man ziemlich schnell, warum ein neuer Film des Südkoreaners für Horrorfans mehr ist als irgendein weiterer Kinostart.

Denn The Wailing – Die Besessenen (2016) ist einer dieser Filme, bei denen man sich nach einer Weile dabei ertappt, ständig die eigene Theorie zu korrigieren. Erst scheint alles nach einem düsteren Kriminalfall auszusehen, dann kommen Aberglaube und Besessenheit ins Spiel, schließlich Schamanismus und religiöser Horror. Na Hong-jin wirft das allerdings nicht einfach zusammen, sondern lässt die Grenzen immer weiter verschwimmen, bis selbst ein scheinbar hilfreicher Rat ziemlich bedrohlich klingen kann.
Jong-gu ist für diesen Albtraum denkbar schlecht vorbereitet
Im südkoreanischen Dorf Gokseong geschehen grausame Morde, bei denen die Täter offenbar ohne erkennbaren Grund auf ihre eigenen Familien und Nachbarn losgehen. Dorfpolizist Jong-gu (Kwak Do-won) versucht herauszufinden, was dahintersteckt, ist dabei aber weit entfernt vom üblichen abgebrühten Ermittler. Er wirkt nervös, überfordert und gelegentlich sogar ziemlich komisch. Gerade deshalb funktioniert er so gut als Mittelpunkt der Geschichte. Während sich im Dorf Gerüchte über einen japanischen Einsiedler (Jun Kunimura) verbreiten, wird aus Jong-gus beruflichem Problem ein sehr persönliches. Seine Tochter Hyo-jin (Kim Hwan-hee) verändert sich, wird aggressiv und scheint zunehmend von etwas kontrolliert zu werden, das sich mit gewöhnlichen Krankheiten kaum erklären lässt. Schließlich bittet Jong-gu den Schamanen Il-gwang (Hwang Jung-min) um Hilfe, während die geheimnisvolle Moo-myeong (Chun Woo-hee) wiederum davor warnt, den falschen Menschen zu vertrauen.
Und damit sitzt man plötzlich im selben Schlamassel wie Jong-gu: Alle behaupten, etwas zu wissen, aber niemand wirkt lange genug vertrauenswürdig, um sich entspannt zurücklehnen zu können.
„The Wailing – Die Besessenen“ verweigert die beruhigende Antwort
Na Hong-jin baut seinen Horror nicht nur auf Dämonen, Blut oder Besessenheit. Viel unangenehmer ist die Unsicherheit, die sich durch den ganzen Film zieht. Immer wenn eine Erklärung plausibel klingt, taucht etwas auf, das sie wieder beschädigt. Ein Mensch, dem man eben noch vertraut hat, wirkt plötzlich verdächtig. Eine Warnung könnte lebensrettend sein oder Teil einer Täuschung. Besonders stark zeigt sich das während eines ausgedehnten schamanischen Rituals. Na Hong-jin schneidet zwischen verschiedenen Schauplätzen hin und her, Trommeln treiben die Szene voran, Körper geraten außer Kontrolle, und währenddessen bleibt vollkommen offen, ob hier gerade etwas bekämpft oder erst entfesselt wird. Der Film braucht seine 156 Minuten, aber er nutzt sie, um das Misstrauen langsam wachsen zu lassen, statt bloß eine Schockszene an die nächste zu hängen.

Dabei darf The Wailing – Die Besessenen zwischendurch sogar komisch sein. Jong-gus Tollpatschigkeit verschwindet nicht einfach, nur weil die Lage ernster wird. Umso härter treffen später die Momente, in denen dieser etwas unbeholfene Polizist Entscheidungen treffen muss, von denen das Leben seiner Tochter abhängt.
Nach „The Wailing – Die Besessenen“ wirkt „Hope“ noch interessanter
Hope ist keine Fortsetzung und schlägt mit Science-Fiction und Creature-Horror deutlich größere Töne an. Na Hong-jin kehrt aber zu einer Situation zurück, die ihm offenbar liegt: Eine abgelegene Gemeinschaft wird von etwas bedroht, das niemand richtig versteht. Polizeichef Bum-seok (Hwang Jung-min) und Polizistin Sung-ae (Hoyeon) versuchen, das Dorf zu schützen, während Sung-ki (Zo In-sung) mit anderen Bewohnern in die Berge zieht, um die unbekannte Bedrohung zu jagen und dort selbst zum Gejagten zuwerden. Zum Ensemble gehören außerdem Michael Fassbender, Alicia Vikander und Taylor Russell. Das klingt größer und spektakulärer als The Wailing – Die Besessenen, doch der ältere Film zeigt, dass Na Hong-jin für wirkungsvollen Horror kein riesiges Monster braucht. Es reicht schon, wenn mehrere Menschen mit voller Überzeugung behaupten, sie hätten die Wahrheit erkannt.
Wer den Film bisher übersehen hat, sollte vor Hope also nicht einfach eine Lücke schließen. Es wartet ein Horrorfilm, der einem noch lange nach dem Abspann Gründe liefert, einzelnen Szenen im Kopf erneut zu misstrauen.



























