
„Backrooms“, „Obsession“ & Co.: Wie Gen Z den Horror neu erfindet
Zwei Horrorfilme brechen aktuell Kassenrekorde. Beide stammen von Filmemachern unter 30, beide haben Wurzeln im Internet. Backrooms (2026, aktuell im Kino) hat als A24-Produktion weltweit über 200 Millionen Dollar eingespielt und damit Marty Supreme (2025) als erfolgreichsten Film des Studios überholt. Obsession – Du sollst mich lieben (Kinostart 25. Juni 2026) wurde nach US-Start zum bislang größten Hit von Focus Features. Diese beiden Filme treffen den Nerv eines jungen Publikums, das im Multiplex längst abgeschrieben war, und definieren neu, was Horror im Kino sein kann.
Die Ängste einer Generation
Masken, Messer und das Final-Girl-Schema spielen in dieser Welle kaum noch eine Rolle. An ihre Stelle treten die diffusen Bedrohungsgefühle, die online sozialisierte Zuschauerinnen und Zuschauer aus ihrem Alltag kennen. Backrooms (2026) baut Regisseur Kane Parsons aus seinen YouTube-Shorts zu einem Kinofilm aus und lebt von einem Gefühl, das auf TikTok unter dem Schlagwort „Liminal Space“ seit Jahren eine eigene Sub-Ästhetik gebildet hat: leere Korridore, fluoreszierende Bürogänge und Räume ohne Funktion. Chiwetel Ejiofor (als Möbelhaus-Manager Clark) und Renate Reinsve (als seine Therapeutin Mary) bewegen sich in einer Welt, in der die Architektur selbst gegen einen arbeitet.

Obsession – Du sollst mich lieben (2026) von Curry Barker dreht das Romcom-Schema in den Albtraum. Bear (Michael Johnston) wünscht sich von einem magischen Holzstab, dass seine Kollegin Nikki (Inde Navarrette) ihn mehr lieben möge als alles andere auf der Welt, und der Wunsch erfüllt sich auf die schlimmstmögliche Weise. Was hier erzählt wird, ist die toxische Vorstellung davon, was Liebe sein soll, also Kontrolle, Verschmelzung und der Verlust eines eigenen Ichs. Auf TikTok ist genau dieses Muster längst als Warnsignal markiert.

Diese Logik zieht sich durch die ganze Welle. Talk to Me (2023) der Brüder Danny und Michael Philippou inszeniert die Beschwörung von Toten als Partyspiel und macht spürbar, was Trauer und Nicht-Loslassen-Können im Zeitalter ständiger Erinnerungs-Reels bedeuten. Bodies Bodies Bodies (2022) mit Amandla Stenberg und Pete Davidson nutzt Begriffe wie „Gaslighting“ und „toxisch“ als Waffen, die schärfer schneiden als jedes Messer.
In Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025) von Zach Cregger verschwinden 17 Kinder derselben Klasse, mit Julia Garner und Josh Brolin im Zentrum. Und im queeren Horror Leviticus (2026) mit Joe Bird und Stacy Clausen verwandelt sich Konversionstherapie in eine reale Bedrohung, weil eine dämonische Gestalt die Form des heimlich Begehrten annimmt und tötet.
Vom YouTube-Channel direkt auf die Leinwand
Die Macher dieser Welle kommen aus denselben Online-Räumen, die ihre Filme zum Thema machen. Kane Parsons hat unter dem Pseudonym @KanePixels auf YouTube eine ganze Reihe von Kurzfilmen über die Backrooms hochgeladen, eine im Netz entstandene Schauer-Mythologie, die A24 schließlich aufkaufte. Curry Barker, gerade einmal 26 Jahre alt, hatte sich zuvor mit Sketch-Comedy auf YouTube ein Publikum aufgebaut. Danny und Michael Philippou waren als RackaRackka jahrelang virale Videomacher, bevor sie zur Spielfilmregie wechselten. Diese Werdegänge haben Konsequenzen. Die jungen Filmemacher mussten nicht erst einen Konzern davon überzeugen, dass es ein Publikum für ihre Geschichten gibt. Das Publikum war längst da, bevor ein Studio überhaupt nachfragte.
Beide aktuellen Hits liefen außerdem in einer Sommerphase, in der Studierende gerade ihre Prüfungen hinter sich hatten und nach etwas suchten, das nicht zum hundertsten Mal eine bekannte Marke recycelt. Dass die beiden lautesten Sommerblockbuster The Mandalorian and Grogu (2026) und Masters of the Universe (2026) ausgerechnet von einer Therapeutin in einer Möbelhaus-Wand und einem geknickten Glücksbringer-Holzstab aus dem Rennen geworfen wurden, ist also mehr als Zufall.
Mehr als ein Sommertrend?
Ob das alles bleibt, ist offen. Möglicherweise schickt die Branche die nächste Sommer-Welle bekannter Marken hinterher, und der Effekt ebnet sich schnell wieder ein. Genauso plausibel ist, dass diese Filme den Anfang einer breiteren Verschiebung markieren. Klar ist allerdings, dass ein junges Publikum ins Kino geht, sofern die Filme es ernst nehmen und nicht vorgeben, als wäre die Welt einer Achtzehnjährigen identisch mit der einer Vierzigjährigen.
Diese Saison gewinnen Geschichten, die offen ansprechen, was Achtzehnjährige tatsächlich nachts wachhält. Dazu gehören identitätslose Räume im Netz, parasoziale Bindungen, die Furcht vor dem Verlust des eigenen Ichs oder religiös motivierte Gewalt gegen das eigene Begehren. Hollywood hat dem jungen Publikum in den letzten Jahren vor allem Fortsetzungen und Remakes von Stoffen vorgesetzt, die schon ihre Eltern im Kino gesehen haben. Dieser Sommer hat einen anderen Vorschlag gemacht, und junge Filmemacher, die mit dem Internet aufgewachsen sind, erreichen jetzt ein Publikum, das in den Kinos die eigenen Ängste wiedererkennt.












































