
Warum ausgerechnet Emerald Fennell „Wuthering Heights“ verfilmen musste
Den Emily-Brontë-Klassiker Wuthering Heights zu verfilmen, ist ein Drahtseilakt. Einerseits, weil es sich um einen der größten Klassiker der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts handelt. Andererseits, weil der Stoff bis heute häufig falsch gelesen wird.
Als leidenschaftlicher Liebesroman etwa, als düster-romantische Tragödie zweier Seelenverwandter. In Wahrheit erzählt Brontë jedoch von Besessenheit, sozialer Demütigung, emotionaler Grausamkeit und einem zerstörerischen Machtkampf zwischen zwei Menschen, die sich gegenseitig in den Abgrund ziehen. Für ein solches cineastisches Unterfangen kommen wahrlich nicht viele Regisseurinnen und Regisseure infrage. Nun nahm sich Emerald Fennell dem Stoff an – und damit genau die richtige Person für diesen Job.
Emerald Fennell: Provokation und Ambivalenz
Fennell hat ihre Karriere auf moralischer Ambivalenz und kalkulierter Provokation aufgebaut. Bereits mit Killing Eve (2019), für dessen zweite Staffel sie schrieb, zeigte sie ein feines Gespür für obsessive Dynamiken, für das Spiel aus Anziehung und Zerstörung, für Gewalt, die zugleich ironisch gebrochen und emotional ernst gemeint ist. Spätestens mit Promising Young Woman (2020) wurde deutlich, dass sie keine Kompromisse eingeht, vor allem, wenn es um unbequeme Figuren geht. Der Film arbeitete mit bunter, vermeintlich leichtfüßiger Oberfläche und popkultureller Leichtigkeit – nur um darunter strukturelle Brutalität und gesellschaftliche Heuchelei freizulegen. Moralische Entlastung? Bei ihr Fehlanzeige.
Saltburn (2023) trieb diesen Ansatz weiter. Es verschob den Fokus auf Klassenfragen und soziale Hierarchien. Dekadenz, sexuelle Spannung, Machtfantasien, all das inszenierte Fennell als bewusst überhöhtes Spiel aus Verführung und Abstoßung. Ihre Figuren sind keine Identifikationsangebote, sondern Projektionsflächen für Begehren, Neid und Manipulation. Genau diese Mischung aus stilisierter Eleganz und emotionaler Grausamkeit ist längst zu ihrem Markenzeichen geworden.
Kino als körperliche Erfahrung
Entscheidend für ihre Adaption von Wuthering Heights ist jedoch etwas anderes: ihr Verständnis von Kino als körperliche Erfahrung. Der Roman sei für sie so prägend gewesen, „weil es das erste Buch ist, das mich wirklich körperlich berührt hat“, erzählte sie im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie habe „unbedingt etwas schaffen“ wollen, „das bei den Menschen eine körperliche Reaktion hervorruft. Eine körperliche und emotionale Reaktion“. Dieses Buch habe sie „mein ganzes Leben lang beschäftigt“, jetzt sei „einfach der richtige Moment dafür“ gewesen.
Fennell denkt Film nicht nur als Erzählung, sondern als physisches Ereignis. „Ich mag Filme, und ich mache gerne Filme, bei denen ich etwas sehen kann. Ich kann sehen, wie sich die Leute winden. Ich kann sie nach Luft schnappen hören.“ Selbst ein „unbehagliches Zappeln“ sei eine gewünschte Wirkung. Genau hier schließt sich der Kreis zu Brontë. Wuthering Heights ist kein stiller, distanzierter Text, sondern ein Roman von emotionaler Hitze, von Eifersucht, Macht und sadistischer Lust.
Vorliebe für Extreme
Doch Fennells Eignung erschöpft sich nicht in ihrer Vorliebe für Extreme. Sie besitzt ein ausgeprägtes Gespür für Klassenverhältnisse und soziale Demütigung – ein zentraler Aspekt des Romans, der in vielen Verfilmungen zugunsten romantischer Verklärung zurücktritt. Heathcliffs Außenseiterstatus, sein sozialer Aufstieg, sein Bedürfnis nach Rache sind keine Nebenmotive, sondern Motor der Handlung. Wer Saltburn gesehen hat, weiß, dass Fennell soziale Hierarchien nicht dekorativ behandelt, sondern als toxische Kraft ins Zentrum rückt. Sie inszeniert Räume als Machtgefüge, Blicke als Waffen, Begehren als Strategie. Genau diese Perspektive dürfte sie auch auf die Moore von Yorkshire übertragen.
Hinzu kommt ihr konsequenter Umgang mit moralischer Ambivalenz. Fennell interessiert sich nicht für Identifikationsangebote im klassischen Sinne. Ihre Figuren dürfen egoistisch, grausam, widersprüchlich sein – ohne dass der Film sie rettet oder moralisch einhegt. Auch dazu äußerte sie sich im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung selbstbewusst: Das Publikum sei durchaus bereit für unsympathische Charaktere. Ambivalenz ist für sie keine Hürde, sondern eine Voraussetzung ernsthaften Erzählens. Gerade Wuthering Heights verlangt diese Haltung. Catherine ist keine tragische Heilige, Heathcliff kein missverstandener Romantiker. Beide handeln aus Stolz, Trotz, verletztem Ego. Eine Regisseurin, die diese Härte glättet, würde den Kern des Romans verfehlen.
Fennell über Literaturverfilmungen
Literaturverfilmungen, so Fennell ebenfalls im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sollten sich nicht wie Kopien anfühlen. „Die besten Adaptionen sind die, die sich wie Antworten anfühlen.“ Genau das könnte ihre Version sein: eine Antwort auf Brontë, keine Illustration. Ein Film, der nicht versucht, den Roman zu entschärfen, sondern seine Wucht ins Kino übersetzt. Und gerade deshalb wirkt Emerald Fennell nicht wie eine gewagte Wahl – sondern wie die einzig konsequente.









































