
„East of Eden“ bei Netflix: Die zwei wichtigsten Änderungen zum Roman
Der Trailer zu East of Eden (2026) beginnt mit einem Satz über Ungeheuer. Es gäbe welche, die von menschlichen Eltern geboren würden. Ein Ungeheuer sei eine Abweichung vom anerkannten Normalen. Ein Kind könne vollkommen zur Welt kommen und doch ohne Güte oder Gewissen sein. Wer den Roman kennt, erkennt die Stelle: Es ist der Anfang des achten Kapitels. Nur spricht diese Sätze im Buch der allwissende Erzähler, kurz bevor er Cathy Ames einführt. Im Trailer gehören sie Cathy selbst. An dieser einen Verschiebung hängt so ziemlich alles, was die Serie am Stoff verändert.
Cathy bekommt die Stimme des Erzählers
Die Serie erzählt Steinbecks Geschichte aus der Sicht ihrer berüchtigtsten Figur. Netflix beschreibt sie als Familiensaga der Trasks, die den Fokus neu auf deren Antiheldin Cathy Ames richtet. Florence Pugh spielt sie und ist zudem als ausführende Produzentin beteiligt. Drehbuchautorin Zoe Kazan sagt gegenüber „Tudum“, ihr sei bei der Frage, wer Cathy ist, vor allem wichtig gewesen, im Text des Buches verwurzelt zu bleiben. Im Grunde habe alles, was in der Serie vorkomme, zumindest eine Wurzel im Roman.
Der Roman hält Cathy auf Abstand. Der Erzähler nennt sie ein Ungeheuer und beschreibt ihr Gesicht als Falle der Natur: goldenes Haar, weit auseinanderstehende haselnussbraune Augen mit hängenden Lidern, ein herzförmiges Gesicht. Später erwähnt er ihre kleinen Zähne und die langen Eckzähne. Samuel Hamilton stellt fest, ihre Augen hätten keine Botschaft und keine Verbindung, es seien keine menschlichen Augen. Wer Cathy die Sätze des Erzählers in den Mund legt, dreht dieses Verhältnis um.
Die Hamiltons fehlen
Die zweite Änderung ist größer und wurde erst bei der Londoner Premiere am 25. September bekannt. Co-Showrunner Jeb Stuart sagte dem Magazin „People“, eines der Dinge, die im Roman vorkämen, in der Serie aber nicht, sei die gesamte Familie Hamilton. Man bekomme kleine Stücke von ihr zu sehen, aber der Teil des Romans, in dem Steinbecks mütterliche Familiengeschichte steckt, sei nicht vorhanden.
Ganz verschwunden sind die Hamiltons allerdings nicht: Ciarán Hinds spielt Samuel Hamilton. Aber die Erzählebene der Familie entfällt. Stuart nennt als Beispiel Dessie im Flugzeug – für solche Szenen sei keine Zeit gewesen. Er bezeichnet die Entscheidung als riskant, sagt aber, die Handlung trage sich dadurch besser.
Für den Roman ist das ein Eingriff an empfindlicher Stelle. Die Hamiltons sind Steinbecks eigene Verwandtschaft, Samuel ist sein Großvater mütterlicherseits. Kazan selbst zitiert aus Steinbecks Arbeitsjournal: Der Autor habe früh geschrieben, es würden eigentlich zwei Bücher – die Geschichte seines Landes und die Geschichte seiner selbst. Die zweite dieser beiden Geschichten ist die der Hamiltons.
Das Wort, um das der Roman kreist, ist drin
Im 24. Kapitel des Romans sitzen Lee, Samuel und Adam zusammen, die Zwillinge sind elf Jahre alt. Lee, der chinesischstämmige Hausangestellte, berichtet von Jahren, in denen er mit Gelehrten seiner Familie in San Francisco Hebräisch gelernt hat, um einen einzigen Satz aus der Geschichte von Kain und Abel zu prüfen. Die amerikanische Übersetzung befehle dem Menschen, die Sünde zu beherrschen, die King-James-Bibel verspreche es ihm. Das hebräische Wort aber, Timschel, heiße: Du kannst. Es lasse dem Menschen die Wahl.

Aus dieser Szene bezieht der Roman seinen Kern, und sein letztes Wort ist genau dieses: Adam spricht es sterbend zu Cal. Die Serie hat es übernommen. Im Trailer sagt Lee, gespielt von Hoon Lee, die Zukunft sei nicht von der Vergangenheit bestimmt. Was immer man tue, man selbst sei es, der es tue. Das ist Timschel, in einem Satz gefasst.
Warum genau das beunruhigt
Der Einwand gegen die Neuausrichtung auf Cathy läuft auf einen Widerspruch hinaus: Wenn alle Figuren die Wahl haben, warum sie nicht? Im Roman ist Cathy die Einzige, die Steinbeck von diesem Grundsatz ausnimmt. Sie steht außerhalb der biblischen Anlage und entspricht darin eher der Schlange als Kain.
„Screen Rant“ hat schon Anfang des Jahres gewarnt, die Serie dürfe Cathy nicht zu sehr vermenschlichen: Ein wesentlicher Teil ihrer Figur bestehe darin, dass sie sich immer wieder für das Böse entscheide. Wer sie zum Opfer der Umstände mache, nehme ihr genau diese Entscheidung. Kazans Aussage, alles habe eine Wurzel im Buch, spricht dagegen. Wie die Serie sieben Folgen lang aus Cathys Nähe erzählt, ohne ihr Gründe zu geben, die der Roman ihr verweigert, ist trotzdem die Frage, an der sich alles entscheidet.
Woraus Kazan geschöpft hat
Neben dem Roman hat die Autorin eine zweite Quelle genutzt, die sie genau beschreibt. Steinbeck habe das Buch von Hand in ein großes Journal geschrieben: rechts die Seiten des Romans, an denen er an diesem Tag arbeitete, links Briefe an seinen Lektor. Diese Briefe erschienen später als Tagebuch eines Romans. Kazan hat sie während der gesamten Produktion herangezogen, weil man darin sehe, welche Absichten Steinbeck verfolgte. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Serie nicht gegen den Roman arbeitet, sondern an ihm vorbei zu dem Mann, der ihn schrieb.
Der Unterschied zum Film von 1955
Jenseits von Eden (1955) verfilmte nur das letzte Drittel des Romans. Elia Kazan setzt dort an, wo Cal und Aron bereits erwachsen sind. James Dean wurde dadurch zum Star. Cathy war eine Nebenfigur, gespielt von Jo Van Fleet, die dafür den Oscar bekam.
Die neue Serie umfasst nach Angaben von Netflix die Zeitspanne vom Ende des Sezessionskriegs bis zu den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Sie ist damit die breiter angelegte Adaption, auch wenn sie mit den Hamiltons einen ganzen Handlungsstrang opfert. Einen früheren Versuch in voller Länge gab es bereits: Jenseits von Eden (1981) mit Jane Seymour als Cathy und Lloyd Bridges als Samuel, die als beste Miniserie für einen Emmy nominiert war.





























