
Internet-Hype um Elizabeth-Holmes-Doku: Diese „Emmy“-prämierte Serie erzählt die Vorgeschichte des Skandals
Man spricht wieder über Elizabeth Holmes. Einst wurde sie als Wunderkind des Silicon Valley gefeiert, dann wurde die Gründerin des Bluttest-Start-ups „Theranos“ zur zentralen Figur eines der größten US-Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahre. Zuvor hatte sich die angeblich revolutionäre Technologie als weitgehend nicht funktionierend entpuppt. Im Jahr 2022 wurde Elizabeth Holmes schließlich des Anlegerbetrugs für schuldig befunden und zu mehr als elf Jahren Haft verurteilt.
Jetzt rückt eine neue Dokumentation sie erneut in den Fokus: Beim Telluride Film Festival feierte You Can See Everything (2026) seine überraschende Premiere. Die Namen dahinter lassen aufhorchen, denn Regie führten ausgerechnet Nathan Fielder, der eigentlich für seine unkonventionellen Grenzgänge zwischen Comedy und sozialem Experiment in Nathan for You (2013–2017) und The Rehearsal (seit 2022) bekannt ist, sowie der Dokumentarfilmer Lance Oppenheim, dessen Spielfilmdebüt Primetime (2026) gerade in den deutschen Kinos zu sehen ist.
Fast vier Jahre lang arbeiteten die beiden Filmemacher weitgehend im Verborgenen, heißt es – und erreichten bei den Dreharbeiten augenscheinlich etwas, das angesichts von Elizabeth Holmes' Vorgeschichte überrascht: Sie gewährte Fielder und Oppenheim einen ungewöhnlich privaten Einblick in ihr Leben, und sprach noch kurze Zeit vor ihrem Haftantritt mit den beiden.
In den USA startet You Can See Everything bereits am 16. Oktober 2026 in den Kinos. Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland müssen sich hingegen noch gedulden: Weder ein Kino- noch ein Streamingstart stehen bislang fest.
Aufstieg und Fall von Elizabeth Holmes: Davon erzählte bereits „The Dropout“

Die Wartezeit lässt sich allerdings sehr gut überbrücken: Wer verstehen will, wie Elizabeth Holmes überhaupt zu einer derart schillernden Figur der jüngeren Tech-Geschichte werden konnte, findet in The Dropout (2022) eine eindrucksvolle, wenn auch fiktionalisierte Antwort.
Die achtteilige Miniserie setzt lange vor dem Skandal um „Theranos“ an und zeigt Elizabeth Holmes (Amanda Seyfried) zunächst als ehrgeizige Stanford-Studentin, die mit 19 Jahren ihr Studium abbricht, um ein Unternehmen zu gründen, das die medizinische Diagnostik revolutionieren soll – mit dem Versprechen, wenige Tropfen Blut würden künftig für eine Vielzahl medizinischer Tests genügen.
Innerhalb weniger Jahre wird aus der jungen Gründerin schließlich ein Star des Silicon Valley. Zeitweise erreicht „Theranos“ gar eine Bewertung von neun Milliarden US-Dollar, während Elizabeth Holmes selbst Magazincover ziert und als weibliche Antwort auf eine männlich dominierte Tech-Elite gehandelt wird.
Amanda Seyfried beeindruckt – und ihre Leistung wurde mit einem Emmy gewürdigt
The Dropout interessiert sich dabei vor allem dafür, wie es Elizabeth Holmes gelang, so viele Menschen von ihrer Geschichte zu überzeugen, obwohl die Technologie zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd das leistete, was das Unternehmen versprach.
Amanda Seyfried zeigt dabei eine der stärksten Leistungen ihrer Karriere und imitiert Elizabeth Holmes' auffällig einstudierte tiefe Stimme, ihren starren Blick und ihre mechanischen Phrasen, mit denen sie gegenüber Medien immer wieder ihre Vision einer besseren Zukunft beschwor. Im Jahr 2022 wurde sie dafür mit dem Emmy als beste Hauptdarstellerin einer Miniserie ausgezeichnet.
Der eigentliche Reiz der Serie liegt jedoch darin, dass sie den „Theranos“-Skandal nicht bloß als Geschichte einer Hochstaplerin erzählt, sondern auch das Umfeld beleuchtet, das diesen kometenhaften Aufstieg überhaupt erst ermöglichte.
Denn Elizabeth Holmes bediente den Genie-Mythos des Silicon Valley fast lehrbuchhaft, vom schwarzen Rollkragenpullover bis zur großen Vision, mit Technologie die Welt zu verändern. Und The Dropout legt nahe: Investoren, Medien und einflussreiche Fürsprecher wollten offenbar selbst ein Stück weit an diese Erzählung glauben.
Schuld: Ein entscheidender Unterschied zu anderen Tech-Gründer-Serien
Wer bereits andere Serien über schillernde Tech-Gründer gesehen hat, dürfte bei The Dropout schließlich auch einen bemerkenswerten Unterschied feststellen. Produktionen wie Super Pumped (2022) über Uber-Gründer Travis Kalanick oder WeCrashed (2022) über WeWork-Gründer Adam Neumann erzählen ebenfalls von Größenwahn und spektakulärem Scheitern – doch ihren Protagonisten bleibt trotz allem ein gewisser Charme erhalten, sie bleiben letztlich dennoch faszinierende Antihelden.
Bei Elizabeth Holmes ist das anders. Zwar bedient auch sie Genie-Mythos, doch The Dropout entlarvt diese Inszenierung von Beginn an als solche und rückt deutlich stärker Fragen nach Verantwortung und Schuld in den Mittelpunkt.
Umso gespannter darf man nun auf You Can See Everything sein. Schon der verstörende Trailer scheint genüsslich mit Elizabeth Holmes’ Ruf als notorische Lügnerin zu spielen. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Dokumentation seine Protagonistin nicht allein als seltsames Kuriosum vorführt, sondern auch die Mechanismen in den Blick nimmt, das ihren Aufstieg überhaupt erst möglich machte.












