
40 Jahre “Die Reise ins Labyrinth”: Was wurde aus dem Cast?
Es gibt Filme, bei denen man genau sagen kann, wann sie einen erwischt haben. Für viele war es ein Samstagabend irgendwann in den späten Achtzigern oder frühen Neunzigern: das VHS-Band, das sich knarrend in den Rekorder schiebt, dann ein Baby im Kinderbettchen und eine Eule im Mondlicht. Die Reise ins Labyrinth war beim Start 1986 kein Kassenschlager: Das Publikum blieb aus, die Kritiken waren lau und Jim Henson soll sich privat sehr verletzt davon gezeigt haben.
Dass der Film trotzdem überlebt hat, liegt an der Eigenart des Kults: Er wächst langsam, hartnäckig und ganz ohne Marketingbudget. Zum 40. Jubiläum kehrte er remastered in die Kinos zurück, und als wäre das nicht genug, ist inzwischen offiziell bestätigt, dass Robert Eggers eine Fortsetzung schreiben und inszenieren wird. Der Labyrinth-Moment ist also gerade größer als seit Jahrzehnten. Umso naheliegender also, einen Blick zurückzuwerfen: Wo sind sie jetzt, die Frau mit dem Labyrinth im Kopf, der Baby-Toby, der Goblin-König? Die Antworten sind überraschend, manchmal bewegend und in einem Fall der vielleicht unwahrscheinlichste Karriereweg, den das Kino je hervorgebracht hat.
1. David Bowie (Jareth, der Goblin-König)
Jim Henson hatte ihn schon 1983 im Visier und ließ nicht locker, bis Bowie im Februar 1985 zusagte. Was er dann aus Jareth machte, war kein Schauspiel im klassischen Sinne, sondern etwas Eigenartigeres: die Verkörperung einer Persona, die er ohnehin schon war. Bedrohlich, seltsam schön, nicht ganz von dieser Welt. Nach Die Reise ins Labyrinth ließ er Hollywood weitgehend links liegen und kehrte zu dem zurück, was ihn eigentlich ausmachte: Musik, Verwandlung, die obsessive Arbeit an einem Werk, das nie fertig sein wollte. 2013 überraschte er die Welt mit The Next Day, seinem ersten Album seit einem Jahrzehnt – niemand hatte es angekündigt, und genau das war der Punkt. Im Januar 2016 starb er, zwei Tage nach der Veröffentlichung von Blackstar, einem Album, das sich im Nachhinein wie ein bewusst gestalteter Abschied liest. Jareth existiert weiter. Das hätte Bowie, der sein Leben lang Figuren erschuf, die größer waren als er selbst, wahrscheinlich so gewollt.
2. Jennifer Connelly (Sarah)
Sie war sechzehn, als Die Reise ins Labyrinth entstand, und das Drehbuch wusste das zu nutzen: Connelly spielte eine Jugendliche an der Schwelle zwischen Kindheitsfantasie und Realität, und diese Zerrissenheit war echt genug, um die Figur zu tragen. Was aus ihr wurde, ist eine der bemerkenswertesten Karrieren ihres Jahrgangs. Der Oscar für A Beautiful Mind 2002 war die Krönung, aber nicht der Endpunkt. Sie spielte in Requiem for a Dream so eindringlich und schonungslos, dass der Film bis heute an ihr hängt, und in Top Gun: Maverick gab sie einer sehr großen Maschine geerdet menschliches Gewicht. Zuletzt war sie in der Apple-TV-Serie Dark Matter: Der Zeitenläufer zu sehen, einer Science-Fiction-Produktion, die zeigt, dass sie mit komplexem Material immer noch am stärksten wirkt. Mit dem Labyrinth-Set verbindet sie bis heute offene Wärme: Bowie sei unglaublich freundlich zu ihr gewesen, hat sie einmal erzählt, und die Dreharbeiten hätten sich für sie angefühlt wie ein Wunderland.
3. Toby Froud (Baby Toby)
Das Baby hat keine Zeile gesprochen und trotzdem Kultstatus. Toby Froud war ein Jahr alt, als David Bowie ihm den Magic Dance vorsang, und erinnert sich natürlich an rein gar nichts davon, hat dafür aber den vielleicht unausweichlichsten Lebensweg aller Beteiligten eingeschlagen. Sein Vater Brian Froud war Konzeptdesigner des Films, seine Mutter Wendy Froud baute die Puppen, und seine Eltern hatten sich überhaupt erst bei den Vorbereitungen zu Der dunkle Kristall kennengelernt. Toby Froud existiert buchstäblich wegen der Welt von Jim Henson. Folgerichtig ist er heute selbst ein Teil davon: als Puppenbauer, Bildhauer und Spezialeffektkünstler, der unter anderem für das Stop-Motion-Studio Laika gearbeitet hat. An Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands war er als Design-Supervisor beteiligt und gewann dafür einen Preis der Visual Effects Society. Sein Kurzfilm Lessons Learned von 2014 zeigt, dass er auch als Regisseur eine eigene Handschrift hat. Wenn jemand jemals erben durfte, dann er.
4. Brian Henson (Hoggle)
Der Sohn des Regisseurs war 22, als er in Die Reise ins Labyrinth den grummeligen Zwerg Hoggle spielte - nicht vor der Kamera, sondern dahinter, als Puppeteer, der den animatronischen Hoggle-Kopf ferngesteuert bediente und gleichzeitig die Stimme lieferte. Die Technik war für die Zeit außergewöhnlich, und Henson war der Mann, der sie beherrschte. Nach dem Tod seines Vaters 1990 übernahm er die Führung der Jim Henson Company und steuerte das Unternehmen über Jahrzehnte durch Höhen und Tiefen: Verkäufe, Rückkäufe, den Verlust der Muppets an Disney und den Neuaufbau danach. Als Chairman of the Board ist er bis heute das Gesicht des Unternehmens und treibt aktiv neue Projekte voran, darunter die Entwicklung einer Fortsetzung von Die Reise ins Labyrinth. Daneben inszeniert er die Improv-Puppenshow Puppet Up! – Uncensored, die zeigt, dass er das handwerkliche Herzstück der Familientradition nie abgelegt hat.
5. Ron Mueck (Ludo)
Das ist der unwahrscheinlichste Weg auf dieser Liste, und er verdient Aufmerksamkeit. Ron Mueck, Australier aus Melbourne, steckte in Die Reise ins Labyrinth in dem schweren, sperrigen Ludo-Kostüm und gab dem riesigen, sanftmütigen Wesen Stimme und Körper - ein Job, der mehr handwerkliches Können verlangte, als man von außen sieht. Mueck war zu diesem Zeitpunkt Puppenarbeiter bei Jim Hensons Team, gut in seinem Fach, aber nicht sonderlich bekannt. Was danach kommt, ist einer der bizarrsten Karriereumwege der Kunstgeschichte. Er wechselte die Branche, wurde Bildhauer und schuf 1996 für eine Ausstellung seiner Schwiegermutter Paula Rego eine Skulptur, die die Kunstwelt sofort aufhorchen ließ. “Dead Dad”, ein halb-lebensgroßes, erschreckend realistisches Abbild seines verstorbenen Vaters, machte ihn über Nacht zu einem der bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer überhaupt. Seine hyperrealistischen Figuren aus Silikon und Fiberglas hängen heute in den wichtigsten Museen der Welt. Vom Ludo-Kostüm in die globale Kunstszene: Kein Weg hätte weiter sein können.
6. Shelley Thompson (Irene, Sarahs Stiefmutter)
Die Stiefmutter in Die Reise ins Labyrinth taucht nur am Anfang auf, verschwindet dann, und der Film kümmert sich nicht weiter um sie. Shelley Thompson hat das nicht aufgehalten. Die kanadische Schauspielerin, ausgebildet an der Royal Academy of Dramatic Art in London, ist nach dem Labyrinth vor allem eins geblieben: unermüdlich aktiv auf so vielen Feldern gleichzeitig, dass eine einfache Kategorisierung unmöglich ist. Als Barb Lahey in der Mockumentary-Serie Trailer Park Boys stand sie 85 Episoden lang vor der Kamera und gewann dafür einen Gemini Award. Parallel dazu schrieb sie Theaterstücke, sprach Hörbücher ein, inszenierte Kurzfilme und drehte 2021 mit Dawn, Her Dad & the Tractor ihren ersten Spielfilm als Regisseurin, der den Nova Scotia Masterworks Award gewann. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 2023. Wer hier eine rote Linie sucht, findet keine - und das ist vielleicht die ehrlichste Beschreibung dieser Karriere.
7. David Goelz (Sir Didymus / weitere Charaktere)
Bevor er in Die Reise ins Labyrinth den fanatisch treuen Sir Didymus spielte, hatte David Goelz bereits eine Figur erschaffen, die ihn für immer überleben wird: Gonzo, den wohl rätselhaftesten und liebsten Muppet überhaupt, dessen Eigenart sich bis heute nicht vollständig erklären lässt, was vielleicht auch der Grund ist, warum er so gut funktioniert. Im Labyrinth bewies Goelz, was gute Puppenarbeit leisten kann, wenn sie nicht auffallen will: Sir Didymus ist so klar und vollständig als Figur, dass man vergisst, wie viel Handwerk dahintersteckt. Goelz hat das Muppet-Universum nie verlassen und war bei allen großen Henson-Produktionen der folgenden Jahrzehnte dabei. Was ihn von vielen Kollegen unterscheidet, ist die Kontinuität: Gonzo klingt heute noch so wie 1976, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen wird.
8. Karen Prell (der Wurm / weitere Charaktere)
Karen Prell spielt in Die Reise ins Labyrinth unter anderem den Wurm, der Sarah am Anfang freundlich begrüßt und ihr dabei fast in die falsche Richtung schickt. Ihre eigentliche Geschichte aber erzählt etwas über Wandlung. Prell kam über Fraggle Rock zur Henson-Welt, wo sie Red Fraggle spielte, und war über viele Jahre eine der präzisesten Puppenarbeiterinnen des Ensembles. Als die Computeranimation in den späten Neunzigern die Puppenwelt verdrängte, wechselte sie zu Pixar und arbeitete an Filmen wie Toy Story 2 und A Bug's Life. Dann folgte ein weiterer Schritt: Sie wurde Spieleanimatorin bei Valve in Seattle und war maßgeblich an Portal 2 beteiligt. Dass sie 2022 als Co-Executive-Producerin und Red Fraggle zurückkehrte, um Die Fraggles: Back to the Rock auf Apple TV+ zu begleiten, schließt einen Kreis, den die meisten so nicht hätten voraussagen können.
9. Steve Whitmire (diverse Charaktere)
In Die Reise ins Labyrinth war Steve Whitmire einer von mehreren Puppenspielern im Hintergrund - gut, präzise, nicht im Mittelpunkt. Das änderte sich 1990, als Jim Henson starb und die Frage im Raum stand, wer Kermit der Frosch übernehmen würde. Whitmire tat es, und er trug diese Rolle fast drei Jahrzehnte lang, durch Filme, Serien und alle Iterationen, die das Muppet-Universum in dieser Zeit durchlief. 2017 wurde bekannt, dass Disney ihn gefeuert hatte - beide Seiten lieferten öffentlich sehr unterschiedliche Erklärungen dafür, und die Wahrheit darüber, was wirklich geschehen war, blieb zwischen den Versionen hängen. Whitmire verfolgt seitdem eigene Puppenprojekte und ist in der Henson-Fan-Community weiterhin präsent. Dass viele von ihnen sagen, Kermit klinge seit 2017 anders, ist das ehrlichste Urteil, das ein Puppenspieler bekommen kann und gleichzeitig das traurigste.
10. Frank Oz (diverse Charaktere)
Frank Oz hat in Die Reise ins Labyrinth mitgespielt, aber seine eigentliche Bedeutung für den Film liegt eine Ebene tiefer: Er ist der Mann, der Miss Piggy und Yoda erschaffen hat, der als Regisseur unter anderem für Der kleine Horrorladen und Zwei hinreißend verdorbene Schurken verantwortlich zeichnet und der zu den einflussreichsten Puppenspielern in der Geschichte des Mediums gehört. Ozs Karriere nach dem Labyrinth ist lang und vielfältig: Er inszenierte weiterhin Spielfilme, kehrte immer wieder in die Muppet-Welt zurück und lieferte mit dem Dokumentarfilm Muppet Guys Talking von 2017 eine der aufrichtigsten Selbstbefragungen, die diese Zunft je produziert hat. Dort sieht man ihn mit anderen Henson-Veteranen reden, lachen und zweifeln und versteht, warum diese Arbeit so schwer zu erklären ist. Oz hat das nie besser in Worte gefasst als in diesem Film - und das war genug.

























































