
„Die Odyssee“ ist schon jetzt ein Kritikerhit – doch dieses Urteil wiegt besonders schwer
Ein Regisseur, der die Atombombe erzählt hat, greift nach dem ältesten Heimkehrer-Mythos des Abendlandes: Nach dem Oscar-Triumph von Oppenheimer (2023) wirkte Christopher Nolans Wahl fast zu naheliegend, um noch überraschen zu können. Am 16. Juli startet Die Odyssee (2026) in den deutschen Kinos, und seit das Embargo für die ersten Reaktionen gefallen ist, klingt das Echo der Kritiker wie ein einziger langer Jubelruf: einer von Nolans besten Filmen, Oscar-Favorit, die beste Verfilmung eines griechischen Mythos überhaupt. Doch während die Kritiker jubeln, läuft seit Monaten eine Kampagne gegen den Film. Der lauteste Wortführer: Elon Musk – der ihn nicht gesehen hat. Aber dann meldete sich ein Historiker zu Wort, dessen Urteil in dieser Debatte womöglich schwerer wiegt als jede Filmkritik.
Keine Influencer, nur Kritiker – und die verlieren die Fassung
Universal ließ zu den frühen Vorführungen ausdrücklich nur Kritiker zu, keine Influencer. Das macht die Einhelligkeit der Reaktionen umso bemerkenswerter, denn hier lobt niemand, der eingeladen werden will. Das Branchenblatt Variety spricht von einer erstaunlichen Leistung und einem triumphalen Epos, Discussing-Film-Redakteur Andrew J. Salazar nennt den Film eine überwältigende Errungenschaft, Kritiker Simon Thompson attestiert makelloses Filmemachen.

Anne Thompson von IndieWire erklärt ihn zum Maßstab im Oscar-Rennen und tippt Matt Damon auf seinen ersten Schauspiel-Oscar. Am häufigsten aber fällt ein Name, den kaum jemand auf der Rechnung hatte: Samantha Morton als Zauberin Circe. Ihre Sequenz gilt manchen schon jetzt als der stärkste Moment des Films. Und dann ist da noch der Satz, der immer wieder auftaucht – wie sehr sich Nolan dieses Mal dem Horror ausliefert. Eine Seite, die er in dreißig Jahren nie gezeigt hat.
Tom Holland meldet sich zu Wort – nein, nicht der Tom Holland
Dann kam das Lob aus einer Richtung, mit der niemand gerechnet hatte. Der britische Althistoriker Tom Holland, Autor und Co-Moderator des Podcasts „The Rest Is History“, bezeichnete „Die Odyssee“ auf X als die mit Abstand beste Kinoadaption eines griechischen Mythos, die er je gesehen habe.

Elon Musk antwortete mit einer Beleidigung – und schickte die Plattform kurzzeitig in helle Aufregung, weil unklar war, welchen Tom Holland er meinte. Denn in Nolans Film spielt der Schauspieler gleichen Namens Telemachos, den Sohn des Odysseus. Der Historiker nahm die Attacke gelassen: Er wiederhole seine Einschätzung gern, der Film sei großartig, und wer ihn aus ideologischen Gründen meide, schneide sich ins eigene Fleisch. Genau hier liegt die Pointe dieser Woche. Ein Kritiker beurteilt einen Film als Film. Ein Althistoriker beurteilt, ob er dem Stoff standhält – und in einer Debatte, in der ständig historische Treue eingefordert wird, ist das die Währung, die zählt.
Ein Feldzug gegen einen Film, den niemand gesehen hat
Musk feuert seit Januar gegen den Film. Auslöser war die Besetzung von Lupita Nyong’o als Helena; Musk warf Nolan vor, seine Integrität verloren und den Stoff entweiht zu haben, um die Diversitätskriterien der Academy zu erfüllen.

Nur: Diese Standards gelten seit 2024 für die Kategorie Bester Film, sie schreiben keine bestimmte Besetzung vor und lassen sich auch abseits der Kamera erfüllen. Musk verstärkte zudem Beiträge gegen Elliot Page, der Sinon spielt, einen Cousin des Odysseus. Und die vielleicht meistgeteilte Behauptung der ganzen Kampagne – Page verkörpere Achilles – ist schlicht falsch. Der Trailer wurde derweil zum meistabgelehnten Werbevideo, das Nolan je auf YouTube gestellt hat. Was all diese Urteile eint: Sie stammen von Menschen, die den Film nicht gesehen haben. Man kämpft hier gegen eine Vorstellung, nicht gegen ein Werk.
Die Übersetzerin wurde neun Jahre vor Nolan zur Zielscheibe
Ein Detail erhellt die ganze Debatte. Nolan stützte sich primär auf die Übersetzung von Emily Wilson, die 2017 als erste Frau die Odyssee ins Englische übertrug – und schon damals zur Zielscheibe wurde, lange bevor jemand an eine Verfilmung dachte. In einem Interview mit Vulture erzählte Wilson, wie viel Angst um Geschlecht, Herkunft und Zugehörigkeit in der Diskussion über Größe und Kanon mitschwingt – ihre Vermutung: Weil die Berichterstattung damals das Wort Frau in die Überschrift setzte, fühlten sich manche bedroht. Wilson erinnert zugleich daran, dass jede Übersetzung Klang, Bedeutung und Versmaß neu abwägen muss. Für eine Verfilmung gilt nichts anderes. Eine Adaption, die nichts verändert, wäre keine. Ob Nolan dem Stoff standhält, entscheidet sich ab dem 16. Juli – im Kino, nicht auf X.












