
„Das Manko“: Warum ausgerechnet diese absurde Komödie einen Nerv trifft
Ein Telefon klingelt in einem deutschen Amt, und elf erwachsene Menschen reagieren, als sei gerade ein Raubtier ins Großraumbüro eingebrochen. Sie springen auf, kreischen, starren einander entsetzt an und kehren erleichtert zu ihren Excel-Tabellen zurück, sobald die Gefahr vorüber ist. Wenig später vertauscht der Chef zwei Listen, ein autonomer Bus entwickelt seinen eigenen Freiheitsdrang und die unfähigsten Angestellten der Behörde brechen zu einer Fortbildung für künftige Führungskräfte auf. In Das Manko (2026) reicht eine solche Verkettung noch nicht einmal für die Hälfte der ersten Folge. Bis zum Ende dieser vierteiligen ZDF-Serie stehen außerdem falsche Ärzte im Operationssaal, Gabelstapler hinter Barrikaden und tote Beamte in der Schutzengelschule. Viel seltsamer kann deutsches Fernsehen kaum werden.
Elf Minderleister werden plötzlich für Talente gehalten
Eigentlich sollen die elf Mitglieder des sogenannten Mankos entlassen werden. Eine Unternehmensberatung hat sie als „Low Performer“ identifiziert, während einige ehrgeizige Kollegen für eine Weiterbildung vorgesehen sind. Weil der Behördenleiter (Bjarne Mädel) die Listen verwechselt, erhalten jedoch die falschen Menschen ihre vermeintlich große Chance. Panik Manko (Sarah Bauerett), Dumm Manko (Jonas Hien), Wichtig Manko (David Simon), Horror Manko (Carol Schuler), Gute Laune Manko (Bastian Reiber) und ihre Kollegen verlassen zum ersten Mal den vertrauten Schutzraum aus Beige, Zigarettenrauch und kollektivem Nichtstun. Was folgt, erinnert weniger an eine gewöhnliche Fortbildungsreise als an eine Expedition mit einer besonders schlecht vorbereiteten Tierherde. Eine trocken kommentierende Stimme, gesprochen von Sophie Rois, beobachtet ihr Gruppenverhalten wie in einer Naturdokumentation.

Jeder neue Arbeitsplatz hält die Gruppe irrtümlich für dringend benötigte Fachkräfte. Im Krankenhaus gelten die Mankos als finnisches Expertenteam und wagen sich an eine Operation. In einem Logistikzentrum entsteht binnen kürzester Zeit eine Diktatur, gegen die mit Knisterfolien-Fahnen und Gabelstaplern rebelliert wird. Nach dem unvermeidlichen Tod wartet keine Erlösung, sondern die nächste berufliche Qualifikation: Im Himmel sollen die Verstorbenen unter einer brüllenden Dozentin das Schutzengelhandwerk lernen.
Eine Komödie, die das Sprechen beinahe abgeschafft hat
Obwohl Das Manko ständig neue Welten öffnet, wird kaum gesprochen. Die elf Menschen grunzen, fiepen, stöhnen, schnaufen und verständigen sich durch Blicke, Bewegungen oder perfekt abgestimmte Massenpanik. Klare Sätze bleiben meist den Autoritäten vorbehalten, die ohnehin nicht daran interessiert sind, ob ihnen jemand folgen kann. Damit knüpft die Serie an Physical Comedy an, also an eine Form von Humor, die Pointen über Körper, Timing und Bildkomposition erzeugt.

Der Vergleich mit einem Zeichentrickfilm passt erstaunlich gut: Geräusche werden überhöht, Bewegungen folgen einem präzisen Rhythmus und Carsten Meyers Musik begleitet selbst kleine Gesten so dramatisch, als stünde direkt die nächste Katastrophe bevor. Gleichzeitig verhindert das Ensemble, dass aus der Übung bloßer Klamauk wird. Hinter jedem stolpernden Gang und jedem entsetzten Zucken steckt eine sichtbare Choreografie. Das TV-Kritikportal Tittelbach beschreibt die Serie als „wie ein Trickfilm, nur in echt“, das Filmmagazin epd Film erkennt in der Darstellung sogar die Präzisionskomik eines Jerry Lewis.
Arne Feldhusen lässt die Arbeitswelt erneut entgleisen
Dass Regisseur Arne Feldhusen diese Reise begleitet, passt sehr gut. Schon Stromberg (2004) verwandelte den Büroalltag in ein Biotop aus Machtspielen, Kränkungen und peinlicher Selbstüberschätzung. In Der Tatortreiniger (2011) genügte anschließend ein einzelner Arbeitsplatz, um komplette Weltbilder kollidieren zu lassen. Bei Das Manko nimmt Feldhusen nun fast alle Dialoge weg und überlässt das Büro gleich nach der ersten Folge sich selbst. Entwickelt hat er die Serie allerdings nicht allein. Das elfköpfige Theaterkollektiv „Das Manko“ besteht seit 2020 und brachte die eigenen Ideen, Handlungsstränge und Choreografien in die Produktion ein. Die Darstellenden sind damit nicht nur vor der Kamera zu sehen, sondern haben ihre gemeinsame Bewegungssprache selbst für das Fernsehen übersetzt. Feldhusen bezeichnete das Projekt als die beglückendste Arbeit seiner mehr als zwanzigjährigen Comedy-Laufbahn.
Für diesen Irrsinn gab es schon mehrere Preise
Noch bevor die vier Folgen am 13. Juli 2026 im ZDF-Streamingportal erschienen, hatte Das Manko einige internationale Jurys überzeugt. Bei „Series Mania“ in Lille gewann Feldhusen den Preis für die beste Regie, beim „Seriencamp Festival“ folgte der Official Competition Award. Das „Cinemajove Festival“ in Valencia zeichnete die Produktion sowohl mit dem Publikumspreis für die beste Serie als auch mit dem Preis der Jugendjury aus. Auch die ersten Kritiken reagieren ungewöhnlich begeistert auf eine Serie, die ihrem Publikum den Einstieg keineswegs bequem macht. Das Medienportal DWDL nennt das Experiment einen „Glücksfall“, obwohl die Kritik zugleich vor den bewussten „Abschaltimpulsen“ der ersten Minuten warnt. Tittelbach lobt die vier Folgen als „äußerst originell“, epd Film sieht in der chaotischen Gruppe eine Impfung gegen den Optimierungswahn.
Damit trifft Das Manko einen Nerv, ohne aus seiner Arbeitswelt-Satire eine Botschaftssendung zu machen. Während überall von Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung gesprochen wird, marschieren elf völlig ungeeignete Menschen durch eine Welt, die ihre eigene Kompetenz ebenfalls nur überzeugend spielt. Manchmal retten sie dabei sogar jemanden. Meistens richten sie eine Katastrophe an. Und gelegentlich ist zwischen Quietschen, Keuchen und einem führerlosen Bus kaum noch zu erkennen, welche Seite dieses Systems eigentlich das größere Manko hat.










