
„City of Blood“ endet dort, wo „Berlinoir“ wirklich beginnt: Das verrät die Graphic Novel über Staffel 2
Berlin hat am Ende von City of Blood (2026) schon bessere Tage gesehen: Die Spree ist ausgetrocknet, draußen herrscht mörderische Hitze, die Wohlhabenden leben abgeschirmt im Dome – und während der Rest der Stadt irgendwie klarkommen muss, bereiten die Vampire ihre Machtübernahme vor. Nach acht Folgen könnte man meinen, die Geschichte habe ihren großen Höhepunkt erreicht. Wer jedoch die Graphic Novel „Berlinoir“ von Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner kennt, sieht im Finale eher einen Anfang. Denn die Disney+-Serie erzählt nicht einfach den Comic nach, sondern führt Bea (Lea Drinda), Phoebe (Soma Pysall) und Berlin überhaupt erst in jene Welt hinein, in der „Berlinoir“ einsetzt. Meißner selbst hat Staffel 1 als eine Art Vorgeschichte bezeichnet – und plötzlich ergibt auch die Richtung des Finales Sinn: Die Vampire wollen nicht länger nur im Schatten mitmischen. Sie wollen eine Stadt, die nach ihren Regeln funktioniert.
In „Berlinoir“ haben die Vampire den Wahlkampf längst gewonnen
Noch müssen Zeno Gennardi (Lars Eidinger) und Szen (Jenny Schily) in City of Blood vorsichtig agieren. Sie kontrollieren Geschäfte, beeinflussen Menschen und arbeiten daran, aus ihrer heimlichen Macht eine ganz offizielle zu machen. „Berlinoir“ setzt später an, wenn all diese Vorsicht längst überflüssig geworden ist. Dort regieren Vampire Berlin offen und haben die Stadt nach ihren Bedürfnissen umgebaut. Menschen müssen Blut abgeben, während ihnen das neue System Sicherheit und Ordnung verspricht – eine ziemlich praktische Argumentation, solange man nicht zu denen gehört, denen regelmäßig der Lebenssaft abgezapft wird. Genau an dieser Schwelle endet Staffel 1: Die Vampire müssen nicht mehr beweisen, dass sie existieren, sondern nur noch durchsetzen, dass ihre Existenz politische Konsequenzen bekommt. Der interessante Teil beginnt also nicht mit einer weiteren Enthüllung, sondern mit der Frage, was passiert, wenn aus einem Monsterproblem plötzlich ein Regierungssystem wird.
Blut könnte in Staffel 2 zum ganz normalen Alltag gehören
Schon jetzt ist Blut in City of Blood weit mehr als Nahrung. Es ist Ware, Druckmittel und Grundlage eines Geschäftsmodells, das von der Not anderer lebt. „Berlinoir“ treibt diesen Gedanken weiter, bis daraus eine regelrechte Infrastruktur entsteht: Die Versorgung der Vampire wird organisiert, Menschen werden systematisch als Blutspender benutzt, und das Ganze erhält den Anstrich eines funktionierenden gesellschaftlichen Modells. Für eine zweite Staffel wäre das deutlich spannender, als einfach noch mehr geheime Vampirtreffen zu zeigen. Die Serie hat ihre Welt ohnehin modernisiert und den Retro-Noir-Look des Comics gegen Klimakrise, soziale Spaltung und eine Stadt eingetauscht, in der Komfort längst eine Frage des Geldbeutels ist. Das ist die Situation, in der das Blut-System andocken könnte. Vielleicht braucht in Zukunft niemand mehr nachts Opfer in dunklen Straßen zu jagen, weil die Ausbeutung viel sauberer organisiert wird. Ein Termin, ein Formular, eine Abgabe – und schon sieht das Ganze beinahe vernünftig aus. Was im Comic noch nach düsterer Vampirdiktatur klingt, könnte in der Serie erschreckend bürokratisch werden.
Wo Vampire regieren, bleibt Widerstand nicht lange aus
„Berlinoir“ erzählt allerdings nicht von einer Stadt, die ihre neuen Herrscher einfach hinnimmt. Im Untergrund bildet sich Widerstand, Anschläge erschüttern das Regime, und Menschen wie Niall versuchen, die Vampirherrschaft zu bekämpfen, obwohl ihre eigene Beziehung zu diesen Wesen alles andere als eindeutig ist. Ob Niall selbst irgendwann in City of Blood auftaucht, lässt sich daraus nicht ableiten; dafür hat die Serie die Vorlage bisher viel zu frei behandelt. Aber die Idee einer organisierten Gegenbewegung passt sehr gut zu dem, was Staffel 1 vorbereitet. Phoebe kennt die Ungleichheit Berlins aus nächster Nähe, während Bea auf eine sehr persönliche Weise immer tiefer in den Konflikt hineingezogen wird. Wenn Vampire künftig nicht mehr nur Gegner im Verborgenen sind, sondern Ämter, Regeln und Macht hinter sich haben, verändert sich auch der Kampf gegen sie. Dann reicht es nicht mehr, einen einzelnen Bösewicht auszuschalten. Plötzlich geht es um ein ganzes System – und damit um die unangenehme Frage, wer sich anpasst, wer profitiert und wer bereit ist, tatsächlich dagegen aufzustehen.
„Berlinoir“ hat für Staffel 2 noch reichlich Material
Disney+ hat eine zweite Staffel bislang nicht offiziell angekündigt, doch an Geschichten würde es nicht fehlen. „Berlinoir“ führt den Machtkampf weit über die erste Übernahme hinaus, erzählt von Intrigen innerhalb der Vampirherrschaft, wechselnden Allianzen und einem Berlin, das sogar erneut geteilt wird – mit Nord und Süd, Mauer, Fluchtversuchen und Schießbefehl. Niemand muss erwarten, dass City of Blood diese Ereignisse eins zu eins übernimmt; dazu hat Staffel 1 bereits zu deutlich gezeigt, dass sie lieber Motive und Ideen aus dem Comic herausgreift und daraus etwas Eigenes baut. Spannend ist vielmehr, wie viele dieser Ideen jetzt plötzlich direkt anschlussfähig geworden sind. Nach acht Folgen steht Berlin genau dort, wo „Berlinoir“ seine eigentliche Geschichte beginnen lässt: Die Vampire sind keine urbane Legende mehr, ihre Macht wird sichtbar, und aus einzelnen Verbrechen könnte bald eine politische Ordnung werden. Falls Staffel 2 kommt, müsste sie also nicht erst wieder ein neues Problem erfinden. Sie könnte einfach zeigen, wie es aussieht, wenn das alte gewinnt.








