
Michael Jacksons seltsamster Film ist das, was Star Wars hätte sein können
Wir schreiben das Jahr 1986. Ein denkwürdiges Jahr, keine Frage. George Lucas hat gerade die originale Star Wars-Trilogie abgeschlossen, Francis Ford Coppola hat Apocalypse Now (1979) und Der Pate (1972) hinter sich, und Michael Jackson ist der bekannteste Mensch auf dem Planeten. Was machen diese drei also zusammen?
Einen 17-minütigen 3D-Kurzfilm für Disney, in dem Jackson als galaktischer Kurier einen dystopischen Maschinenplaneten durch Tanzen rettet. Natürlich, was sonst?
Captain EO (1986) ist offiziell kein Film, er war eine Themenparkattraktion. Exklusiv in Disney-Parks zu sehen, nie auf Video veröffentlicht, nie für ein breites Publikum zugänglich. Und trotzdem ist er eines der seltsamsten, ambitioniertesten, teuersten und faszinierendsten Objekte in der Geschichte der Popkultur. Pro Minute war er bei seiner Entstehung einer der teuersten, wenn nicht der teuerste Film seiner Zeit: 30 Millionen Dollar für 17 Minuten. Das ergibt 1,76 Millionen Dollar pro Minute, nicht übel, oder?. Selbst Apocalypse Now sah dagegen günstig aus.
Was hier eigentlich passiert ist
Die Entstehungsgeschichte von Captain EO liest sich wie ein Pitch, den niemand ernst nehmen würde. Disney steckte Mitte der Achtziger in der Krise, CEO Michael Eisner suchte nach etwas, das Teenager und Erwachsene in die Parks bringen würde, und irgendwann befanden sich Jackson, Lucas und Eisner gleichzeitig in der Imagineering-Abteilung. Jackson, ein bekennender Disney-Obsessiver der private Parktouren in Verkleidung unternahm und Neverland Ranch nach Disneyland-Vorbild gebaut hatte, wollte einen Film machen. Er stellte eine Bedingung: Regie entweder von Lucas oder Spielberg. Lucas übernahm die Produktion, holte Coppola als Regisseur, dazu Flashdance-Choreograf Jeffrey Hornaday, Kameramann Vittorio Storaro, Make-up-Legende Rick Baker für Anjelica Hustons Schminke als Supreme Leader, und Industrial Light & Magic für die Effekte.
Das Ergebnis war etwas, das niemand so richtig einordnen konnte. Ein Kritiker der Los Angeles Times schrieb 1986, Captain EO sei „nichts weiter als das aufwändigste Musikvideo der Geschichte – wie ein hohler Schokoladenosterhase, eine prächtige Oberfläche über einem Vakuum." Was gleichzeitig falsch und irgendwie präzise ist.
Der Film, der kein Film ist – und trotzdem Star Wars ist
Die Handlung ist radikal simpel: Captain EO und seine chaotische Crew landen auf einem Maschinenplaneten, werden gefangen genommen, und Jackson rettet die Situation, indem er singt und tanzt, woraufhin die Wächter zu Tänzern werden und die Supreme Leader sich in eine freundliche Frau verwandelt. Das ist buchstäblich der Plot. Kein zweiter Akt, kein Antagonist mit Tiefgang, keine Wendung. Nur Michael Jackson, der durch Choreografie einen Planeten erlöst.
Was Captain EO trotzdem interessant macht, ist die Ästhetik. Die Welt, die Lucas und Coppola bauten, hat das analoge Weltraum-Gefühl von Star Wars – verwitterte Raumschiffe, seltsame Kreaturen, ein Universum, das benutzt aussieht. Das ist kein Zufall: Fuzzball, das flauschige Maskottchen der Crew, tauchte 2024 in der Disney+-Serie Skeleton Crew auf, was die Frage aufwarf, ob Captain EO offiziell im Star-Wars-Universum spielt. Eine Frage, die Disney bisher offen lässt.
Das Objekt, das man nicht vergessen kann
Captain EO lief von 1986 bis 1998 in den Disney-Parks – zwölf Jahre, obwohl die ursprüngliche Planung nur vier vorsah. Er wurde nicht wegen mangelnden Interesses abgesetzt, sondern weil Jacksons öffentliche Kontroversen in den Neunzigern den Besucherzahlen schadeten. Nach Jacksons Tod 2009 brachte Disney ihn zurück, als „Captain EO Tribute", mit reduzierteren Effekten aber unverändertem Film. Die Rückkehr lief bis 2015.
Was bleibt, ist das Paradox des Films: Er kostete mehr als die meisten Spielfilme seiner Zeit, war für mehr Menschen zugänglich als fast jede andere Produktion seiner Ära – Millionen sahen ihn in den Parks – und ist gleichzeitig eines der am schwersten zugänglichen Objekte der Popkultur, weil er nie offiziell auf einem Heimmedium erschienen ist. Bootlegs existieren. Das offizielle Release nicht.
Dass ausgerechnet dieser Film, dieses Kuriosum aus Jacksons produktiver Phase und Lucas' Einfluss-Zenit, heute kaum noch diskutiert wird, sagt mehr über unsere kollektive Aufmerksamkeit aus als über den Film selbst. Captain EO ist seltsam, überladen, manchmal leer – und trotzdem etwas, das so nur genau einmal passieren konnte.






































