Der Cannes-„Club der 10“: Diese Regisseure holten zwei Goldene Palmen

Der Cannes-„Club der 10“: Diese Regisseure holten zwei Goldene Palmen

Arabella Wintermayr
Arabella Wintermayr

Veröffentlicht am 24. Mai 2026

Aktualisiert am 26. Mai 2026

Cannes liebt die Entdeckung. Jahr für Jahr sucht das Festival nach der nächsten großen Stimme des Weltkinos. Doch Cannes erzählt mindestens ebenso gern eine andere Geschichte: jene der Wiederkehrer. Filmemacher, die über Jahrzehnte hinweg regelmäßig im Wettbewerb vertreten sind und selbst Teil der Festivalgeschichte werden.

Mit dem Sieg für Fjord (2026) gehört Cristian Mungiu nun zu einem besonders exklusiven, da äußerst kleinen Kreis: Fast zwanzig Jahre nach seiner ersten Goldenen Palme für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (2007) wurde der rumänische Regisseur erneut ausgezeichnet und steigt damit in den sogenannten „Club der 10“ auf. Gemeint sind damit die zehn Filmemacher, die die wichtigste Trophäe des Festivals zweimal erhielten.

cannes

Cannes und der Kult der Autoren

Oftmals wird die erneute Auszeichnung von leidenschaftlichen Diskussionen begleitet. Gilt sie als Bestätigung einer außergewöhnlichen künstlerischen Handschrift? Ist der erneute Sieg mehr oder minder Zufall? Oder zeigt sich darin vor allem die Neigung des Festivals, vertraute Autorenfilmer auszuzeichnen, die längst Teil des eigenen Kosmos geworden sind? 

Ein Blick auf die Namen dieses „Club der 10“ legt zumindest nahe, dass Cannes hauptsächlich jene Regisseure mehrfach prämiert, deren Filme eine unverwechselbare Perspektive entwickelt haben. 

Francis Ford Coppola war der erste, der den Hauptpreis zweimal gewonnen hat. Und auch wenn Der Dialog (1974) und Apocalypse Now (1979) in Größe und Stil sehr unterschiedlich angelegt sind, handelt es sich letztlich doch um zwei Filme mit einer ähnlichen paranoiden Sicht auf Macht und Männer, die sich im Wahn verlieren.

Bille August gewann die Goldene Palme zunächst mit Pelle der Eroberer (1987), später erneut für Die besten Absichten (1992), und erhielt die Auszeichnung damit für zwei literarisch geprägte Dramen, die sich intensiv mit Herkunft und emotionaler Entfremdung beschäftigen. 

Auch Shohei Imamura erhielt die Palme d’Or zweimal, für Die Ballade von Narayama (1983) und Der Aal (1997), die sich – möchte man eine Gemeinsamkeit finden – beide für die mitunter drastische Darstellung menschlicher Abgründe interessierten. 

Emir Kusturica wiederum wurde für Papa ist auf Dienstreise (1985) und Underground (1995) ausgezeichnet und brachte damit sein überbordendes, zwischen Tragik und Groteske changierendes Balkan-Kino nach Cannes. Michael Haneke gewann für Das weiße Band (2009) und drei Jahre später erneut für Liebe (2012) – zwei Filme, die familiäre und gesellschaftliche Strukturen mit schmerzhafter Präzision sezieren. 

Ähnlich verhält es sich bei Ken Loach. The Wind That Shakes the Barley (2006) und Ich, Daniel Blake (2016) stehen beide exemplarisch für seinen sozialrealistischen Blick auf Klassenverhältnisse und politische Macht.

Die Debatte um die zweite Palme

Besonders kritisch war die Diskussion um die zweite Palme allerdings bei den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne sowie Ruben Östlund. Kritiker warfen beiden vor, letztlich Variationen desselben Kinos zu produzieren: Auf der einen Seite der sozialrealistische Minimalismus von Rosetta (1999) und Das Kind (2005), auf der anderen die bissigen Satiren auf Reichtum und Dekadenz in The Square (2017) und Triangle of Sadness (2022). 

Auch andere Mitglieder dieses exklusiven Kreises waren umstritten. Kusturicas Underground wurde wegen seines Umgangs mit der Geschichte Jugoslawiens kritisiert, Haneke wegen einer Strenge, die manche als kalkulierte emotionale Überforderung empfanden. Bei Ken Loach wiederum lautete der Vorwurf, Cannes zeichne weniger filmische Innovation als politische Haltung aus. 

Das Fehlen der Frauen

Wie auch immer man zu diesen Diskussionen steht: Der Blick auf diesen Kanon offenbart allerdings auch die blinden Flecken der Festivalgeschichte. Denn unter den bislang zehn doppelt ausgezeichneten Regisseuren findet sich bis heute keine einzige Frau. 

Überhaupt ist die Liste der Regisseurinnen, die mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, bis heute sträflich kurz. Jane Campion erhielt 1993 mit Das Piano die Palme d’Or, erst Jahrzehnte später folgten Auszeichnungen für Julia Ducournaus Titane (2021) und Justine Triets Anatomie eines Falls (2023). 

Die strukturelle Schieflage zeigt sich jedoch nicht nur in der Geschichte des Festivals, sondern auch in seiner Gegenwart. In diesem Jahr stammten lediglich fünf der 22 Wettbewerbsbeiträge von Frauen. Während Cannes männliche Autorenfilmer über Jahrzehnte kanonisiert hat, ringen Regisseurinnen noch immer um Sichtbarkeit.

Fjord
Fjord

Fjord

2026

An immigrant Romanian family living in Norway is subject to an investigation and faces the scrutiny of the local judicial system.
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In einem grauen, entsetzlich trostlosen Studentenwohnheim teilen die beiden Freundinnen Otilia und Gabita ihr kärgliches Zimmer. Als Gabita ungewollt schwanger wird, steht sie vor einem Problem, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt, denn Abtreibungen stehen unter strenger Strafe. Doch gemeinsam mit ihrer Freundin lehnt Gabita sich gegen das unerbittliche Regime auf. Sie leihen sich Geld und machen einen Abtreibungsarzt ausfindig. Allerdings erweist sich Bebe als echtes Problem, denn als er feststellt, das Gabitas Schwangerschaft schon viel weiter fortgeschritten ist als zunächst angenommen, demütigt er die beiden jungen Frauen und fordert nicht nur mehr Geld sondern auch Sex als Belohnung seiner Dienste. Es beginnt eine quälende und erniedrigende Tortur und die beiden Frauen schlittern in ein heilloses Fiasko …
Der Dialog
Der Dialog

Der Dialog

1974

Harry Caul ist Privatdetektiv, spezialisiert auf Abhöraktionen aller Art. Sein letzter Auftrag war nur Routine: Mit zwei Kollegen und ultrasensiblen, selbst konstruierten Peilmikrophonen nahm er einen Dialog auf, den Ann und Mark in der Mittagspause beim Spaziergang durch den Park in dem Glauben halten, völlig unbeobachtet zu sein. Auftraggeber ist der Chef der beiden. Caul gelingt es, jedes Wort aufzunehmen. Als er dem Direktor das Band übergeben will, ist allerdings nur dessen Assistent Martin Stett anwesend – Caul besteht allerdings auf einer persönlichen Übergabe. Der Dialog der beiden Personen geht ihm nicht mehr aus dem Kopf, obwohl er nicht weiß, worum es geht. Aber er hat eine Angst: Vor Jahren wurden drei Personen nach einem erfolgreichen Abhörmanöver ermordet. Caul fürchtet, dies könne auch in diesem Fall passieren und wird von Alpträumen geplagt …
Im Jahr 1969, mitten im Vietnamkrieg, erhält Captain Benjamin L. Willard den Auftrag, den abtrünnigen Colonel Walter E. Kurtz zu liquidieren. Dieser hat sich von der amerikanischen Militärführung distanziert und lässt sich nicht mehr kontrollieren. Im kambodschanischen Dschungel hat er sich ein eigenes „Reich“ aufgebaut, über das er gebieterisch herrscht. Captain Willard macht sich in einem Patrouillenboot samt Besatzung von Saigon aus auf den Weg durch den Dschungel. Die Reise der Männer entwickelt sich zu einem Höllentrip durch die Absurditäten eines sinnentleerten Kriegs und offenbart, analog zur Romanvorlage, die Abgründe der menschlichen Seele.
Ende des 19. Jahrhunderts kommen zwei schwedische Auswanderer, Lasse Karlsson und sein Sohn Pelle, auf der dänischen Insel Bornholm an, in der Hoffnung, Arbeit auf einem Bauernhof zu finden und genug Geld zu sparen, um in die Vereinigten Staaten zu reisen.
Henrik Bergman, ein introvertierter Theologiestudent aus armen Verhältnissen, lernt Anna Akerblom, die impulsive Tochter aus gutem Hause, kennen. Die beiden verlieben sich und wollen heiraten. Aber Annas Eltern wünschen sich einen Schwiegersohn ihres Standes. Gegen den Widerstand der Familie heiraten die beiden und verlassen das heimatliche Uppsala.
Frau Orin lebt mit ihren erwachsenen Söhnen und ihren Enkeln in einem Dorf am Fuße des heiligen Berges Narayama. Der Alltag der Menschen ist geprägt vom Rhythmus der Natur. Man paart sich, man bekommt Nachwuchs, man bestellt das Feld und trotzt der Natur das zum Überleben Notwendige ab. Besonders in den langen Wintern gibt es kaum genug Nahrung, um alle Münder zu stopfen. Männliche Babys werden zuweilen umgebracht und die weiblichen Nachkommen verkauft. Rau und archaisch geht es im Dorf zu. Als eine vielköpfige Familie des Lebensmitteldiebstahls überführt wird, wird sie von den Dorfbewohnern lebendig begraben. Um die Zahl der Esser zu begrenzen, verlangt es die Tradition, dass die älteren Dorfbewohner zum Sterben auf den Narayama gebracht werden. Frau Orin ist noch rüstig, versorgt den Haushalt und weiß als Einzige im Dorf, wo und wie man die begehrten Yamabe-Fische fängt. Doch – ganz der Religion verpflichtet – bereitet sie sich auf ihren letzten Gang vor.
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Der Aal
Der Aal

Der Aal

1997

Ein Mann ermordet seine junge Frau, als er sie mit ihrem Liebhaber überrascht. Derselbe Mann rettet eine junge Frau, die aus Liebeskummer Selbstmord begehen will. Als sie sich in ihn verliebt, reagiert er nicht. Er kümmert sich lieber um einen Aal, der acht Jahre im Gefängnis sein Gefährte war. Doch dann zwingen Schatten der Vergangenheit den Mann zum Handeln ...
Mit der "Goldenen Palme" wurde 1985 in Cannes dieser Film als internationales Filmereignis gefeiert. Schlitzohrig und hinterlistig - aber immer liebenswert und menschlich - erzählt er die Geschichte des kleinen Malik. Wegen einer unbedachten politischen Äußerung muß Maliks Vater eine unfreiwillige "Dienstreise" in ein Arbeitslager antreten. Die Familie versucht, das große Unglück vor dem Jungen zu vertuschen - doch der ist äußerst mißtrauisch. Als Schutz vor den Katastrophen, die nun über Malik hereinbrechen, wird er mondsüchtig. Schlafwandlerisch steht er nachts auf und scheut weder gefährliche Brücken noch steile Felsklippen...
Underground
Underground

Underground

1995

Belgrad 1941. Während der Besatzung der Deutschen verstecken sich Partisanenfamilien in einem unterirdischen Bunkerlabyrinth. Dort stellen sie Waffen für den Widerstand her, die der Schwarzmarktkönig Marko weiter vermittelt. Die Geschäfte laufen blendend für Marko, außerdem wird er als patriotischer Helfer der Partisanen gefeiert. Um die Waffenproduktion nach Kriegsende aufrecht zu erhalten, lässt er die Flüchtlinge im Untergrund in dem Glauben, die Deutschen wären weiter an der Macht. Er spielt ihnen fiktive Rundfunkberichte über den Siegeszug der Nazis zu, während er als reicher Herr einer riesigen Waffenfabrik Karriere macht. Zwanzig Jahre später gelangen ein paar der betrogenen Partisanen nach draußen. Sie stolpern ausgerechnet in die Dreharbeiten eines Films, der die deutsche Besetzung thematisiert.

Über diese Liste

Titel

18

Gesamtkosten fürs Ansehen

35,61 €

Gesamtlaufzeit

40h 5min

Genres

Drama, Produziert in Europa, Komödien

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