
Der Cannes-„Club der 10“: Diese Regisseure holten zwei Goldene Palmen
Cannes liebt die Entdeckung. Jahr für Jahr sucht das Festival nach der nächsten großen Stimme des Weltkinos. Doch Cannes erzählt mindestens ebenso gern eine andere Geschichte: jene der Wiederkehrer. Filmemacher, die über Jahrzehnte hinweg regelmäßig im Wettbewerb vertreten sind und selbst Teil der Festivalgeschichte werden.
Mit dem Sieg für Fjord (2026) gehört Cristian Mungiu nun zu einem besonders exklusiven, da äußerst kleinen Kreis: Fast zwanzig Jahre nach seiner ersten Goldenen Palme für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (2007) wurde der rumänische Regisseur erneut ausgezeichnet und steigt damit in den sogenannten „Club der 10“ auf. Gemeint sind damit die zehn Filmemacher, die die wichtigste Trophäe des Festivals zweimal erhielten.

Cannes und der Kult der Autoren
Oftmals wird die erneute Auszeichnung von leidenschaftlichen Diskussionen begleitet. Gilt sie als Bestätigung einer außergewöhnlichen künstlerischen Handschrift? Ist der erneute Sieg mehr oder minder Zufall? Oder zeigt sich darin vor allem die Neigung des Festivals, vertraute Autorenfilmer auszuzeichnen, die längst Teil des eigenen Kosmos geworden sind?
Ein Blick auf die Namen dieses „Club der 10“ legt zumindest nahe, dass Cannes hauptsächlich jene Regisseure mehrfach prämiert, deren Filme eine unverwechselbare Perspektive entwickelt haben.
Francis Ford Coppola war der erste, der den Hauptpreis zweimal gewonnen hat. Und auch wenn Der Dialog (1974) und Apocalypse Now (1979) in Größe und Stil sehr unterschiedlich angelegt sind, handelt es sich letztlich doch um zwei Filme mit einer ähnlichen paranoiden Sicht auf Macht und Männer, die sich im Wahn verlieren.
Bille August gewann die Goldene Palme zunächst mit Pelle der Eroberer (1987), später erneut für Die besten Absichten (1992), und erhielt die Auszeichnung damit für zwei literarisch geprägte Dramen, die sich intensiv mit Herkunft und emotionaler Entfremdung beschäftigen.
Auch Shohei Imamura erhielt die Palme d’Or zweimal, für Die Ballade von Narayama (1983) und Der Aal (1997), die sich – möchte man eine Gemeinsamkeit finden – beide für die mitunter drastische Darstellung menschlicher Abgründe interessierten.
Emir Kusturica wiederum wurde für Papa ist auf Dienstreise (1985) und Underground (1995) ausgezeichnet und brachte damit sein überbordendes, zwischen Tragik und Groteske changierendes Balkan-Kino nach Cannes. Michael Haneke gewann für Das weiße Band (2009) und drei Jahre später erneut für Liebe (2012) – zwei Filme, die familiäre und gesellschaftliche Strukturen mit schmerzhafter Präzision sezieren.
Ähnlich verhält es sich bei Ken Loach. The Wind That Shakes the Barley (2006) und Ich, Daniel Blake (2016) stehen beide exemplarisch für seinen sozialrealistischen Blick auf Klassenverhältnisse und politische Macht.
Die Debatte um die zweite Palme
Besonders kritisch war die Diskussion um die zweite Palme allerdings bei den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne sowie Ruben Östlund. Kritiker warfen beiden vor, letztlich Variationen desselben Kinos zu produzieren: Auf der einen Seite der sozialrealistische Minimalismus von Rosetta (1999) und Das Kind (2005), auf der anderen die bissigen Satiren auf Reichtum und Dekadenz in The Square (2017) und Triangle of Sadness (2022).
Auch andere Mitglieder dieses exklusiven Kreises waren umstritten. Kusturicas Underground wurde wegen seines Umgangs mit der Geschichte Jugoslawiens kritisiert, Haneke wegen einer Strenge, die manche als kalkulierte emotionale Überforderung empfanden. Bei Ken Loach wiederum lautete der Vorwurf, Cannes zeichne weniger filmische Innovation als politische Haltung aus.
Das Fehlen der Frauen
Wie auch immer man zu diesen Diskussionen steht: Der Blick auf diesen Kanon offenbart allerdings auch die blinden Flecken der Festivalgeschichte. Denn unter den bislang zehn doppelt ausgezeichneten Regisseuren findet sich bis heute keine einzige Frau.
Überhaupt ist die Liste der Regisseurinnen, die mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, bis heute sträflich kurz. Jane Campion erhielt 1993 mit Das Piano die Palme d’Or, erst Jahrzehnte später folgten Auszeichnungen für Julia Ducournaus Titane (2021) und Justine Triets Anatomie eines Falls (2023).
Die strukturelle Schieflage zeigt sich jedoch nicht nur in der Geschichte des Festivals, sondern auch in seiner Gegenwart. In diesem Jahr stammten lediglich fünf der 22 Wettbewerbsbeiträge von Frauen. Während Cannes männliche Autorenfilmer über Jahrzehnte kanonisiert hat, ringen Regisseurinnen noch immer um Sichtbarkeit.
















































