
Vor Cannes 2026: 10 Schlüsselwerke der Regisseurinnen und Regisseure, die den Festival-Jahrgang prägen
Cannes ist jedes Jahr auch ein Versprechen – auf Entdeckungen, auf Kontroversen, auf Filme, über die plötzlich alle sprechen. Doch bevor sich Kritiken überschlagen, Preise vergeben werden und der Kinokanon 2026 verhandelt wird, lohnt sich ein Blick zurück: auf die Filme, die diese Regisseurinnen und Regisseure überhaupt erst zu interessanten Stimmen gemacht haben.
Diese Liste versammelt daher zehn Filme, die nicht im diesjährigen Wettbewerb laufen, aber die Handschrift, Themen und Obsessionen der Filmemacher definieren, die Cannes 2026 prägen.
Jane Schoenbrun bringt mit Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026) eine queere Horror-Fantasie nach Cannes, die wohl irgendwo zwischen Slasher, Meta-Kommentar und Liebesgeschichte changieren wird. Mit Gillian Anderson und Hannah Einbinder in zentralen Rollen dürfte dem Film eine größere Aufmerksamkeit sicher sein.
Außerdem avancierte schon I Saw the TV Glow (2024) zum Instant-Indie-Klassiker: Im Zentrum stehen zwei Jugendliche, die sich über eine unheimliche TV-Serie näherkommen – bis die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zunehmend verschwimmen. Der Film wird weniger erzählt als von Stimmungen, Bildern und einem diffusen Gefühl von Entfremdung getragen. Schoenbrun arbeitet mit Atmosphäre statt klassischen Narrativen, mit Emotionen statt klaren Aussagen.
Mit Fjord (2026) dürfte Cristian Mungiu seine präzise, oft unbequeme Analysen europäischer Spannungen fortschreiben – diesmal verlagert in ein norwegisches Setting, in dem Migration und latente Vorurteile verhandelt werden. Sebastian Stan und die gerade für ihre Darbietung in Sentimental Value (2025) mit einem Oscar nominierte Renate Reinsve übernehmen die Hauptrollen.
Mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage gewann Cristian Mungiu bereits 2007 die Goldene Palme in Cannes. Darin geht es um zwei Studentinnen, die im Rumänien der Ceaușescu-Ära illegal eine Abtreibung organisieren – ein Szenario, das sich in ein nervenaufreibendes moralisches Dilemma verwandelt. Mungiu arbeitet mit langen, ungeschnittenen Einstellungen und verzichtet fast vollständig auf musikalische Führung, was jede Szene in ihrer rohen Unmittelbarkeit treffen lässt.
Nach über einem Jahrzehnt kehrt Nicolas Winding Refn mit Her Private Hell (2026) zurück. Versprochen wir ein futuristischer, visuell exzessiver Trip durch ein neongetränktes Tokio, bevölkert von schönen, verlorenen Gestalten und durchzogen von Gewaltfantasien. Das klingt sehr nach einer filmischen Richtung, die schon The Neon Demon (2016) einschlug – bleibt zu hoffen, dass dieses Mal etwas weniger selbstverliebte Oberflächenhypnose betrieben wird.
Drive (2011) ist da der bessere Einstieg in Nicolas Refns Kino: Ryan Gosling spielt einen namenlosen Stuntfahrer, der nachts als Fluchtfahrer für Kriminelle arbeitet und sich zunehmend in die Probleme seiner Nachbarin (Carey Mulligan) verstrickt. Der Film kombiniert Minimalismus mit eruptiver Gewalt und beeindruckend präziser Bildsprache. Refn interessiert sich weniger für klassische Dramaturgie als für Atmosphäre – darin liegt auch seine größte Stärke, solange er sich nicht völlig darin verliert.
Bevor Hirokazu Kore-eda mit Sheep in the Box (2026) ins KI-Zeitalter vordringt – ein Drama über trauernde Eltern, die einen humanoiden Ersatz für ihren Sohn aufnehmen –, lohnt sich der Blick auf den Film, der seine humanistische Handschrift am klarsten zum Ausdruck bringt: Shoplifters (2018) erzählt von einer Patchwork-Familie am Rand der Gesellschaft, die sich weniger über Blut als über Fürsorge definiert.
Hirokazu Kore-eda seziert hier leise soziale Systeme und stellt unbequeme Fragen nach Moral, Zugehörigkeit und Verantwortung. Und weil seine Figuren nie als Thesen, sondern als Menschen erscheinen, trifft der Film mit emotionaler Präzision – eine Qualität, die Sheep in the Box nun ins Technologische überführen dürfte.
Pedro Almodóvar kehrt mit Bitter Christmas (2026) zu seinen Wurzeln zurück, heißt es. In Cannes präsentiert er ein spanischsprachiges Drama über Altern, Kunst und Autofiktion. Nach seinen etwas behäbigen Ausflügen ins Englische – man denke an das zähe Trauerdrama The Room Next Door (2024) – sind die Hoffnungen auf eine vielversprechende Rückbesinnung groß.
Wer verstehen will, wie interessant Pedro Almodóvar Emotionen, Identität und Körperlichkeit eigentlich verschränken kann, sollte sich besser mit Die Haut, in der ich wohne (2011) auseinandersetzen. Mit Antonio Banderas und Elena Anaya in den Hauptrollen entfaltet sich ein zunächst klinischer Thriller zu einer verstörenden Tour de Force über Kontrolle. Hier zeigt der spanische Regisseur seine kühlste, fast grausame Seite – und beweist zugleich, wie sehr sein Kino von obsessiver Leidenschaft lebt.
Nach Drive My Car (2021) und Evil Does Not Exist (2023) geht Ryusuke Hamaguchi mit Sudain (2026) erneut einen unerwarteten Weg: In Cannes präsentiert er ein fast dreistündiges, in Frankreich angesiedeltes Drama über Pflege und Freundschaft.
Drive My Car ist der bislang bekannteste Film des japanischen Regisseurs und Drehbuchautors. Ein Theaterregisseur verarbeitet den Tod seiner Frau, während er eine leise, vielschichtige Verbindung zu seiner Chauffeurin aufbaut. Der Film erhielt den Oscar als „Bester internationaler Film“ und war darüber hinaus auch für den „Besten Film“ nominiert. Ryusuke Hamaguchi dehnt Zeit, nimmt Gespräche ernst und begreift Trauer nicht als Ereignis, sondern als Prozess. Er vertraut auf Sprache – und auf das, was zwischen den Worten passiert.
Mit The Man I Love (2026) wagt Ira Sachs einen überraschenden Schritt ins Musicalhafte – die Ankündigung jedenfalls verspricht ein 80er-Drama über einen sterbenden Schauspieler, angesiedelt zwischen Krankheit und Schönheit.
Wer sich darauf vorbereiten will, sollte Passages (2023) sehen: ein schonungslos intimes Beziehungsdrama mit Adèle Exarchopoulos und Ben Whishaw. Im Zentrum steht allerdings Franz Rogowski als Filmemacher, der impulsiv eine Affäre beginnt und damit seine Ehe ins Wanken bringt. Ira Sachs interessiert sich weniger für klare moralische Urteile als für Ambivalenzen: für Figuren, die gleichzeitig verletzen und verletzlich sind. Diese emotionale Unruhe dürfte auch seinem neuen Film zugrunde liegen, selbst wenn er formal neue Wege geht.
Mit Fatherland (2026) erzählt Paweł Pawlikowski eine Rückkehrgeschichte im Schatten des Kalten Krieges – mit Sandra Hüller als Tochter von Thomas Mann, die sich gemeinsam mit ihrem Vater auf eine Reise durch ein zerstörtes, ideologisch zerrissenes Deutschland begibt.
Um zu verstehen, warum Paweł Pawlikowski für diese Verbindung aus Intimität und Zeitgeschichte prädestiniert ist, lohnt sich ein Blick auf Ida (2013). Darin erfährt eine junge Novizin kurz vor ihrem Gelübde von ihrer jüdischen Herkunft und reist mit ihrer Tante durch das Polen der 1960er Jahre, um die eigene Familiengeschichte zu rekonstruieren. In strengen Schwarz-Weiß-Kompositionen und unter radikaler Reduktion verhandelt Pawlikowski Fragen von Identität, Schuld und Erinnerung. Sein Kino ist leise, aber von enormer Wucht und verschränkt persönliche und politische Vergangenheit unauflöslich miteinander.
Léa Mysius wiederum bringt mit The Birthday Party (2026) ein Familiendrama nach Cannes, das schnell aus dem Ruder läuft: In einem abgelegenen Dorf eskaliert eine scheinbar harmlose Feier, als verdrängte Konflikte und latente Gewalt an die Oberfläche brechen.
Schon The Five Devils (2022) beschäftigte sich mit ähnlichen Motiven und bewies, wie virtuos Léa Mysius Realität und Fantastik verschränkt. Die Handlung dreht sich unter anderem um ein junges Mädchen, das Erinnerungen anhand von Gerüchen wortwörtlich wieder aufleben lassen kann. Die französische Filmemacherin, die als Autorin bereits mit Claire Denis zusammengearbeitet hat, interessiert sich für das Unsichtbare zwischen Menschen: Begierden, Traumata, das Unausgesprochene. Ihr neuer Film dürfte diese Spannungen nun ins Explosive treiben.
Bevor Arthur Harari mit The Unknown (2026) in Cannes antritt, der als surrealer Body-Swap-Film mit Léa Seydoux angekündigt wurde, lohnt sich der Blick auf seine jüngste, prägende Arbeit als Autor. Gemeinsam mit Justine Triet schrieb er Anatomie eines Falls, der schließlich den Oscar für das „Beste Originaldrehbuch“ erhielt.
Das Drama wurde von Triet inszeniert und 2023 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Im Zentrum steht eine Schriftstellerin (Sandra Hüller), die nach dem rätselhaften Tod ihres Mannes vor Gericht steht, während ausgerechnet ihrem sehbehinderten Sohn eine entscheidende Rolle in der Suche nach Wahrheit zukommt. War es ein Unfall, Suizid – oder Mord? Anatomie eines Falls (2023) interessiert sich weniger für eine eindeutige Antwort als für die Mechanismen, mit denen Wahrheit überhaupt konstruiert wird. Genau diese Präzision im Umgang mit Perspektiven und Widersprüchen dürfte Harari nun in seiner eigenen Regiearbeit weiterführen – nur deutlich entrückter und körperlicher.























































