Ein mehr als hundert Jahre altes Gemälde bringt die Ermittlungen in Blutopfer (2026) entscheidend voran – und Netflix musste sich dafür das Kunstwerk nicht ausdenken. Carl Larssons gewaltiges „Midvinterblot“ hängt tatsächlich im schwedischen Nationalmuseum und blickt auf eine Geschichte zurück, die fast so ungewöhnlich ist wie seine Rolle in der Serie.
Der schwedische Thriller wurde nach seinem Start am 20. August schnell zum internationalen Erfolg, erreichte Platz 1 der weltweiten Netflix-Charts für nicht englischsprachige Serien und führte zeitweise in 54 Ländern die TV-Charts an. Im Mittelpunkt steht Ermittler Thomas Berg (Jakob Oftebro), der gemeinsam mit seinem entfremdeten Vater Alfred (Peter Andersson), einem ehemaligen Polizisten, einen Mörder jagt, der gezielt Polizeibeamte tötet. Erst spät erkennt Alfred, dass die Tatorte einem künstlerischen Muster folgen. Der Hinweis, der schließlich alles zusammenführt, stammt ausgerechnet nicht aus einer Polizeiakte, sondern aus einem Bild, um das Schweden schon vor mehr als hundert Jahren heftig gestritten hat.
Achtung, Spoiler!
„Midvinterblot“ verrät Alfred, was der Mörder wirklich plant
Als Alfred die Tatortfotos noch einmal genauer betrachtet, erkennt er Parallelen zu religiösen und historischen Opferdarstellungen. Eine Postkarte, die jemand unter seiner Tür hindurchgeschoben hat, führt ihn schließlich zu „Midvinterblot“. Auf dem Gemälde zeigt der schwedische Maler Carl Larsson den mythischen König Domalde unmittelbar vor seiner Opferung. Der Überlieferung zufolge leidet dessen Reich seit mehreren Jahren unter Missernten, weshalb der König geopfert werden soll, um die Götter zu besänftigen.
In Blutopfer macht Peter Johansson (Magnus Krepper) aus dieser Geschichte sein eigenes Ritual. Er tötet Polizisten aus jener Institution, die seinen Partner Hugo im Stich ließ und Peter anschließend zum Sündenbock machte. Die Körper seiner Opfer arrangiert er nach Motiven aus religiösen und historischen Darstellungen. „Midvinterblot“ liefert dabei die Vorlage für den Höhepunkt seines Plans: Wie Domalde soll ein vermeintlich Verantwortlicher für das Versagen des gesamten Systems büßen.
Diese Rolle hat Peter Alfred zugedacht. Er glaubt fälschlicherweise, dass Alfred für die ausgebliebene Verstärkung in der Nacht von Hugos Tod verantwortlich war. Tatsächlich hatte Lucas den Hilferuf nicht richtig bearbeitet und die Aufzeichnungen anschließend löschen lassen, um seinen Fehler zu vertuschen. Peter erfährt diese Wahrheit jedoch nie.
Das Ende von „Blutopfer“ erklärt
Nachdem Peter Alfred entführt hat, zeigt die Ermittlerin Natalie Eklund (Electra Hallman) ihrem Kollegen Thomas das Gemälde. Zusammen mit Lucas’ Geständnis erkennt Thomas, was Peter vorhat: Er will Alfred an den Ort bringen, an dem Hugo starb, und ihn dort um 1.15 Uhr als seinen symbolischen „König“ opfern. Alfred ist allerdings zugleich ein Köder. Peter hofft, durch den Einsatz weitere Polizisten anzulocken und sie aus dem Hinterhalt zu erschießen.
Alfred durchkreuzt diesen Teil des Plans, indem er Thomas dazu bringt, sämtliche Verstärkung zurückzurufen. Obwohl Peter ihn zunächst mit einem Messer verletzt und anschließend vom Balkon aus auf ihn schießt, verschafft Alfred seinem Sohn dadurch die Gelegenheit, unbemerkt in das Gebäude zu gelangen. Thomas stellt Peter, woraufhin beide im Kampf vom Balkon stürzen.
Am Ende überleben alle drei Männer. Alfred erholt sich von seinen Stich- und Schussverletzungen, Thomas übersteht den Sturz und Peter wird festgenommen. Damit scheitert das geplante Blutopfer vollständig. Gleichzeitig führt der Fall Alfred und Thomas wieder vorsichtig zusammen, auch wenn ihre Beziehung im Schlussbild gewohnt rau und unausgesprochen bleibt.
Das echte Gemälde war dem Nationalmuseum zu heftig
„Midvinterblot“ war von Anfang an ein Problemfall. Carl Larsson begann 1911 mit den Entwürfen für die letzte freie Wand im Treppenhaus des schwedischen Nationalmuseums in Stockholm und wählte kein besonders gefälliges Motiv: Auf seinem monumentalen Werk wird König Domalde zu seiner eigenen Hinrichtung gebracht. Kritiker störten sich sowohl am heidnischen Menschenopfer als auch an Larssons recht freiem Umgang mit historischen Details.
Kleidung, Gegenstände und andere Elemente der Szene passten nicht sauber in dieselbe Epoche, weshalb die Darstellung schon damals als historisch zweifelhaft galt. Larsson ließ sich davon zunächst nicht beirren und stellte das riesige Gemälde auf eigene Kosten fertig. 1915 wurde es im Nationalmuseum probeweise aufgehängt, doch damit war der Streit noch lange nicht beendet. Die Diskussion erreichte sogar die schwedische Regierung, ehe das Museum das Werk endgültig ablehnte. Larsson traf das schwer. Obwohl er vor allem für seine hellen, beinahe idyllischen Aquarelle des Familienlebens berühmt geworden war, hielt er seine monumentalen Wandbilder für einen besonders bedeutenden Teil seiner Arbeit. In seinen Memoiren machte er deutlich, wie sehr ihn das Schicksal von „Midvinterblot“ belastet hatte.
„Midvinterblot“ kam nach Japan, dann erst zurück nach Schweden
Nach Larssons Tod 1919 blieb das Gemälde jahrzehntelang außerhalb des Nationalmuseums. Anfang der 1980er-Jahre wurde es restauriert und anschließend im Historischen Museum in Stockholm ausgestellt. Danach bekam das Nationalmuseum sogar noch einmal die Möglichkeit, das Werk zu übernehmen, und sagte erneut Nein. 1987 wurde „Midvinterblot“ schließlich versteigert und von einem japanischen Sammler gekauft, und ausgerechnet der Verkauf ins Ausland trug dazu bei, dass Schweden das lange verschmähte Bild neu bewertete.
Für eine große Larsson-Ausstellung kehrte es 1992 leihweise ins Nationalmuseum und damit an den Ort zurück, für den es ursprünglich geschaffen worden war. Fünf Jahre später folgte die endgültige Kehrtwende: Mit Unterstützung privater Geldgeber kaufte das Museum das Werk 1997 und nahm es dauerhaft in seine Sammlung auf. 82 Jahre nach seiner ersten Probeaufhängung hatte Larssons umstrittenstes Bild damit doch noch seinen vorgesehenen Platz gefunden.
Für Blutopfer könnte die Wahl kaum passender sein. Peter baut seine Mordserie um die Vorstellung eines Menschen auf, der für das Versagen einer Gemeinschaft geopfert werden soll, und benutzt dafür ein Kunstwerk, das selbst jahrzehntelang von jener Institution zurückgewiesen wurde, für die es geschaffen worden war.
Nach dem brutalen Mord an zwei Polizist*innen verbündet sich ein Kommissar widerwillig mit seinem entfremdeten Vater, einem Ex-Polizisten, um den Mörder zu fassen.