
Die 10 besten neuen LGBTQ-Filme zum Pride Month 2026
Queeres Kino gehört längst zu den aufregendsten Bereichen des modernen Films – nicht nur in politischer oder gesellschaftlicher, sondern auch in ästhetischer Hinsicht. Insbesondere die letzten Jahre zeigen, wie vielseitig LGBTQ-Geschichten inzwischen erzählt werden: mal als zärtliche Liebesgeschichte, mal als düsterer Thriller, als animiertes Science-Fiction-Abenteuer, als vielschichtiges Künstlerporträt oder gar als radikaler Body Horror. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Coming-Outs.
Diese Liste konzentriert sich auf die interessantesten neuen Filme des queeren Kinos aus dem Jahr 2025, die erst seit Kurzem hierzulande zu sehen sind. Und wer außerdem die wichtigsten LGBTQ-Filme der vergangenen Dekade nachholen möchte, findet hier bereits eine Übersicht der sehenswertesten queeren Filme der letzten zehn Jahre.
Ira Sachs widmet sich in Peter Hujar’s Day einem einzigen Tag im Leben des legendären Fotografen Peter Hujar (Ben Whishaw) und macht daraus eher eine detailreiche Momentaufnahme als ein klassisches Künstlerporträt. Das Kammerspiel basiert auf einem realen Gespräch zwischen Hujar und der Schriftstellerin Linda Rosenkrantz (Rebecca Hall) und entwickelt aus Erinnerungen, Alltagsbeobachtungen und beiläufigen Gesprächen ein faszinierendes Bild queerer New Yorker Subkultur der 1970er Jahre.
Formal wirkt vieles bewusst reduziert, doch daraus entsteht eine große Intimität. Statt dramatischer Zuspitzung interessiert sich der US-amerikanische Filmemacher für das vielsagende Dazwischen, sprechende Pausen und Blicke. Peter Hujar’s Day ist ein stilles, melancholisches Werk über Kunst, queeres Leben und die stets mitschwingende Frage, wodurch Momente und Menschen erinnerungswürdig werden.
Kaiserin Sisi – und der deutsche Heimatfilm: Schriftstellerin Jovana Reisinger verwandelt diese eigentlich schwer erträgliche Mischung in ihrem Regiedebüt in eine herrlich schräge queer-feministische Satire. Unterwegs im Namen der Kaiserin begleitet drei Freund*innen auf einer absurd-komischen Reise, die ewige Jugend und Schönheit mit sich bringen soll.
Dabei zerlegt der Film mit großer Lust traditionelle Bilder von Weiblichkeit und „schöner“ deutscher Folklore. Statt nostalgischem Alpenkitsch gibt es pointierte Dialoge, bewusst künstliche Performances und allerhand Camp-Überzeichnung. Besonders Benjamin Radjaipour sorgt mit seinem wunderbar überhöhten Spiel für einige der besten Momente.
Folk-Songs werden in The History of Sound zu konservierten Erinnerungen und Sehnsüchten. Das passt zu Oliver Hermanus’ schwuler Liebesgeschichte, die vor allem von verpassten Chancen und kaum artikulierten Gefühlen handelt: Lionel (Mescal), ein junger Mann aus Kentucky mit außergewöhnlichem musikalischem Gespür, begegnet am Konservatorium in Boston dem charmanten David (O’Connor). Aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Musik entwickelt sich eine tiefe Verbindung, die um die Zeit des Ersten Weltkrieges aber im Geheimen bleiben muss.
Bisweilen wirkt die Atmosphäre von The History of Sound beinahe seltsam unterkühlt – als würde Oliver Hermanus seine Figuren bewusst auf Distanz halten. Seine feine Melancholie macht diesen Film dennoch sehenswert. Einen großen Anteil daran hat die bemerkenswerte Besetzung: Paul Mescal spielt nach All of Us Strangers (2023) erneut eine tief fühlende, gebrochene Figur, während Josh O’Connor nach Challengers (2024) einmal mehr seine besondere Mischung aus Charisma, Schalk und unterschwelliger Traurigkeit ausspielen darf.
Richard Linklater beweist mit Blue Moon erneut sein besonderes Talent zur präzisen Charakterzeichnung durch Gespräche. Im Zentrum steht der Songwriter Lorenz Hart (Ethan Hawke), der durch Musicals und Lieder wie „My Funny Valentine“ berühmt wurde, dessen langjähriger Komponistenpartner Richard Rodgers (Andrew Scott) sich inzwischen jedoch einem neuen Erfolgsduo zugewandt hat.
Das Drama folgt Lorenz Hart in eine New Yorker Bar, wo sich zwischen flotten Sprüchen, charmanter Selbstironie und sehnsuchtsvollen Monologen über eine Studentin (Saoirse Ronan) allmählich das Bild eines sensiblen, einsamen Mannes herauskristallisiert. Über Lorenz Harts Sexualität wurde zeitlebens spekuliert – viele Weggefährten gingen davon aus, dass Hart seine Homosexualität aufgrund des gesellschaftlichen Drucks nie offen ausleben konnte. Damit ist Blue Moon auch Reflexion über queere Künstlerbiografien, deren Narben oft hinter Glamour und Witz verborgen blieben.
Von der Intensität der ersten Liebe zu erzählen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Coming-of-Age-Kinos. Viele Filme scheitern daran, die Mischung aus Sehnsucht, Verwirrung und obsessiver Aufmerksamkeit wirklich greifbar zu machen. Dag Johan Haugerud gelingt das in Oslo Stories: Träume allerdings auf erstaunlich präzise Weise.
Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Johanne (Ella Øverbye), die sich Hals über Kopf in ihre neue Französischlehrerin Johanna (Selome Emnetu) verliebt. Schon die Namensähnlichkeit wirkt wie eine Andeutung jener Projektionen, deren Dynamiken der norwegische Filmemacher genau beobachtet. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Nähe zu Johannes emotionalem Chaos aus Hoffnung, Schuldgefühlen und Sehnsucht. Für Johanne wird plötzlich jeder Schultag davon bestimmt, ob sie die Lehrerin sieht, wie lange ein Blick dauert oder welche Bedeutung hinter kleinen Gesten steckt. Oslo Stories: Träume ist kein lauter Film, sondern ein zärtlicher und bemerkenswert ehrlicher Blick auf die erste große (queere) Verliebtheit.
15 Liebesbeweise beginnt mit einem historischen Moment: dem Beschluss der Ehe für alle in Frankreich im Jahr 2013. Jubel und „Égalité!“-Rufe erfüllen die Nationalversammlung – doch Alice Douards Spielfilmdebüt interessiert sich vor allem für die Realität nach diesem politischen Sieg. Denn Gleichheit auf dem Papier bedeutet nicht automatisch Gleichheit im Alltag. Das wissen auch Céline (Ella Rumpf) und ihre Frau Nadia (Monia Chokri), die gemeinsam Nachwuchs erwarten. Während Nadia biologisch wie rechtlich Mutter wird, muss Céline das eigene Kind erst adoptieren, um rechtlich anerkannt zu werden.
Dafür verlangt das Gericht fünfzehn „Liebesbeweise“: Briefe von Freund*innen und Angehörigen, die ihre Beziehung bestätigen sollen. Aus dieser absurden Situation entwickelt Alice Douard ein zärtliches Drama über queere Elternschaft und bürokratische Hürden. Besonders Ella Rumpf verleiht dem Film mit ihrem charismatischen Spiel emotionale Tiefe.
Schon der Titel macht klar, dass hier nicht das nächste lesbische Historiendrama wartet: Lesbian Space Princess verbindet knallige Science-Fiction, queeren Humor und schrille Popkultur-Referenzen zu einem der ungewöhnlichsten Animationsfilme der letzten Jahre. Die australische Produktion erzählt von einer Weltraumprinzessin, die ihre Ex-Freundin retten will und dabei durch absurde Galaxien voller bizarrer Figuren und überdrehter Monster reist und unterwegs allerhand skurrile Begegnungen macht.
Hinter dem bewusst albernen Stil stecken allerdings erstaunlich präzise Beobachtungen über lesbische Beziehungen, Unsicherheiten und queere Klischees. Immer wieder persifliert Lesbian Space Princess treffend Dating-Dynamiken und Szenecodes, ohne dabei zynisch zu wirken. Optisch erinnert der Weltraumwahnsinn an eine queere Version von Adventure Time, besitzt aber dennoch einen ganz eigenen Ton zwischen Herzschmerz und Ironie.
Dass ausgerechnet Adam Mars-Jones’ expliziter Kultroman Box Hill zu einem Cannes-Film werden würde, überraschte … Harry Lightons Adaption Pillion findet allerdings einen unerwarteten Zugang zum radikalen Ausgangsmaterial: Statt düsterem Psychodrama inszeniert der Regisseur die sadomasochistische Beziehung seiner Figuren als verspielte, romantische BDSM-Komödie.
Im Zentrum steht der schüchterne Ordnungsbeamte Colin (Harry Melling), der in die Leder- und Biker-Kultur des charismatischen Ray (Alexander Skarsgård) hineingerät. Zwischen Lack, Leder, sexuell aufgeladenen Pokerrunden und schwarzem britischen Humor entwickelt sich eine ungewöhnliche Dynamik aus Sehnsucht und emotionaler Abhängigkeit. Seine Mischung aus Ironie, Wärme und Provokation macht Pillion zu einem der originellsten LGBTQ-Filme der letzten Jahre.
Mit Die jüngste Tochter bringt Hafsia Herzi den autobiografisch gefärbten Roman von Fatima Daas auf die Leinwand – und verleiht dem lesbischen Coming-of-Age-Kino sogleich eine neue, bemerkenswert direkte Stimme. Die titelgebende Fatima (Nadia Melliti) ist Tochter algerischer Einwander*innen, gläubige Muslima, burschikos im Auftreten – und zunehmend verunsichert von ihrer Anziehung zu Frauen.
Ihre Selbstfindung verläuft nicht geradlinig, sondern tastend und mit einer für das lesbische Kino leider immer noch eher seltenen Körperlichkeit und Lust. Sexualität wird hier weder skandalisiert noch verschämt ausgespart. Gleichzeitig lasten religiöse Schuldgefühle, familiäre Erwartungen und gesellschaftlicher Druck auf Fatima.
13 Jahre nach Blau ist eine warme Farbe wirkt Die jüngste Tochter wie dessen bewusst feministisches Gegenstück, ist weniger voyeuristisch, etwas roher – und außergewöhnlich authentisch.
Kristen Stewart beweist mit ihrem Regiedebüt The Chronology of Water, dass sie künftig auch hinter der Kamera zu den spannendsten queeren Stimmen ihrer Generation gehören könnte. Die Adaption der Memoiren der bisexuellen Autorin Lidia Yuknavitch verweigert sich bewusst klassischer Linearität und bewegt sich stattdessen wie eine Welle durch Erinnerungen, Traumata und Befreiungsversuche.
Missbrauch in der Familie, exzessiver Leistungssport, Drogen, Sexualität und Schreiben verschmelzen dabei zu einem fiebrigen Strom aus Bildern und Gedanken. Immer wieder tauchen Frauenbeziehungen, körperliche Erfahrungen und Momente der Selbstzerstörung auf, ohne gänzlich geglättet zu werden. Imogen Poots trägt diesen intensiven Film mit voller Hingabe und großer Verletzlichkeit. Und Kristen Stewart interessiert sich dabei weniger für klassische Schönheit als für Wahrhaftigkeit: Haut, Blut, Tränen und Begehren bekommen denselben Raum. The Chronology of Water ist mutig und ungewöhnlich lebendig – ein queerer Autorenfilm, der sich mit aller Kraft gegen jegliche Kontrolle stemmt.














































