
Die 10 besten deutschen Fantasyfilme - jenseits von Magie und Drachen
Deutschland hat Fantasy im Kino nicht erfunden, aber früh verstanden, wozu es taugt. Die Expressionisten haben Schatten zu Waffen gemacht. Fritz Lang hat Mythos und Zukunft gleichzeitig auf die Leinwand gebracht. Lotte Reiniger hat aus ausgeschnittenem Papier Welten gebaut, die kein Computer je übertroffen hat. Was diese Liste verbindet, ist kein Stil und keine Epoche, sondern eine Haltung: Fantasie nicht als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als Sprache, um Dinge zu sagen, die sich anders nicht sagen lassen. Manche dieser Filme sind über hundert Jahre alt. Manche hat man als Kind gesehen und noch nicht wirklich begriffen, aber alle lohnen sich.
Bastian ist ein Junge, der in einem gestohlenen Buch verschwindet, und das Buch handelt von einem Jungen namens Atréju, der eine Welt retten muss, die vom Nichts gefressen wird. Wolfgang Petersen verfilmt Michael Endes Roman mit einem Budget, das für einen deutschen Film damals kaum vorstellbar war, und Die unendliche Geschichte ist einer der wenigen deutschen Filme, die wirklich in das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Generation eingeschrieben sind, und zwar einer Generation auf der ganzen Welt. Glücksdrache Fuchur hat überlebt, der Sumpf der Traurigkeit hat überlebt, und das Ende macht noch immer Menschen fertig, die sich gut daran erinnern, wie sie beim ersten Sehen nicht damit umgehen konnten.
Graf Orlok kommt nicht als Verführer, er kommt als Seuche. F.W. Murnau durfte Bram Stokers Dracula nicht verfilmen und erfand stattdessen etwas viel Unheimlicheres: einen Vampir, der nicht betört, sondern einfach erscheint, wie der Tod, wie eine Krankheit, die man nicht aufhalten kann, weil man nicht mal weiß, woher sie kommt. Nosferatu, eine Symphonie des Grauens setzt Licht und Schatten so ein, dass die Bedrohung zu spüren ist, bevor man sie sieht, und Max Schrecks Körper allein reicht aus, um eine Szene zu vergiften. Der Film existiert überhaupt nur, weil Stokers Witwe die Vernichtung aller Kopien verlangte und eine überlebt hat. Das macht ihn noch ein bisschen unheimlicher, als er ohnehin schon ist.
Fritz Lang baut eine Stadt, in der die Reichen über den Wolken leben und die Arbeiter in unterirdischen Maschinen schuften, bis eine Frau auftaucht, die die Ordnung in Frage stellt, oder eine Maschine, die aussieht wie sie. Metropolis wurde bei seiner Uraufführung verrissen, jahrzehntelang nur in verstümmelten Fassungen gezeigt und erst 2008 durch eine Kopie in Buenos Aires fast vollständig wiederhergestellt. Dass der Film trotzdem überlebt hat und heute als Fundament des Science-Fiction-Kinos gilt, liegt daran, dass Langs Bilder stärker sind als jede Handlung: die Maschinenräume, die Türme und der Roboter, der ein Gesicht bekommt. Kein anderer Film sieht so aus wie dieser, nicht mal heute.
Mitten im Zweiten Weltkrieg, mit einem Drehbuch von Erich Kästner, der unter Pseudonym schrieb, weil seine Bücher verbrannt worden waren, entstand ein Technicolor-Abenteuerfilm, in dem ein Mann auf einer Kanonenkugel reitet, den osmanischen Sultan besucht, Katharina die Große kennenlernt und schließlich zum Mond fährt, und kein einziges Mal Propaganda vorkommt. Das ist fast so unglaublich wie der Inhalt selbst, und man fragt sich unweigerlich, wie Kästner das durchgebracht hat. Münchhausen hält Hollywood-Produktionen seiner Zeit locker stand, die Ausstattung ist opulent, die Farben leuchten, und Hans Albers spielt den Lügenbaron mit einer Leichtigkeit und einem Augenzwinkern, die den Film tragen, egal wohin er gerade reist. Und er reist wirklich überall hin.
Lang braucht fast vier Stunden und zwei Teile, um das Nibelungenlied zu erzählen, und er verschwendet davon keine Minute. Die Nibelungen ist Stummfilm-Spektakel auf einem Niveau, das man kaum glauben kann: Die Sets sind so monumental, dass man nicht versteht, wie sie gebaut wurden, der Drache ist ein echtes animatronisches Monstrum, das Feuer speit, und Siegfrieds Bad im Drachenblut gehört zu den eindringlichsten Bildern, die das deutsche Kino je produziert hat. Lang erzählt Schicksal und Hybris mit einer Konsequenz, die keinen Ausweg lässt und das von der allerersten Szene an weiß. Es gibt keine Rettung, keine Hoffnung, nur eine Geschichte, die sehr genau weiß, wohin sie geht, und die einen trotzdem nicht loslässt. Vier Stunden Stummfilm klingen nach Arbeit. Das hier läuft wie ein Actionfilm, nur mit anderen Mitteln.
Undine arbeitet als Historikerin in Berlin und erzählt Besuchern die Geschichte der Stadt, bis ihre eigene plötzlich von einer alten, fast vergessenen Legende eingeholt wird. Als ihr Freund sie verlässt, scheint ein Fluch in Gang zu treten, der sie an eine andere Ordnung bindet, eine, die mit Liebe, Wasser und Gewalt zu tun hat. Christian Petzold erzählt Undine als leisen, fast spröden Liebesfilm, der sich Stück für Stück ins Unheimliche verschiebt, ohne je laut zu werden. Paula Beer spielt diese Figur mit einer Klarheit, die gleichzeitig Nähe und Distanz erzeugt, während Franz Rogowski ihr einen Gegenpol gibt, der alles erdet, bis genau das nicht mehr möglich ist. Der Film interessiert sich weniger für die Regeln seines Mythos als für das Gefühl, das er hinterlässt, und genau darin liegt seine Stärke: Undine wirkt wie eine Geschichte, die immer schon da war und sich nur kurz an die Gegenwart anpasst, bevor sie wieder verschwindet.
Drei Jahre lang hat Lotte Reiniger Papier ausgeschnitten, Silhouette für Silhouette, und daraus den ältesten erhaltenen Animationsfilm der Welt gebaut. Die Figuren in Die Abenteuer des Prinzen Achmed bewegen sich mit einer Flüssigkeit, die kein Budget erklärt, nur Geduld und Handwerk, und die Schattenbilder aus Tausendundeiner Nacht sehen noch heute aus, als wären sie aus einem Traum ausgeschnitten worden. Was Reiniger hier geleistet hat, ist eigentlich kaum zu glauben: Jede Einstellung ist eine eigenständige Komposition, jede Bewegung das Ergebnis von Entscheidungen, die man nicht rückgängig machen kann, weil das Papier schon ausgeschnitten ist. Kein Computeranimationsfilm der Gegenwart sieht so aus wie dieser Film, weil kein Algorithmus das Handwerk ersetzen kann, das hier steckt. Das ist Fantasie in ihrer reinsten Form.
Werner Herzog verfilmt Murnaus Klassiker neu und tut dabei das Klügste, was man in dieser Situation tun kann: Er versucht nicht, ihn zu überbieten, sondern ihn zu verlangsamen. Klaus Kinski spielt Graf Dracula als ein Wesen, dem die Unsterblichkeit zur Last geworden ist, einsam, von Sehnsucht zerfressen, müde von allem, und das macht ihn bedrohlicher als jeden Vampir, der einfach nur gefährlich ist. Nosferatu – Phantom der Nacht ist kein Remake, sondern eine Reflexion über das Original und über das, was es bedeutet, niemals sterben zu können. Kinski und Herzog haben zusammen Filme gedreht, die auf dem Set beinahe die beiden selbst zerstört hätten, und man spürt das.
Was wäre, wenn man zuhören könnte wie kein Mensch es kann? Wirklich zuhören, ohne zu urteilen, ohne abzulenken, einfach da sein? In Der Himmel über Berlin tun das zwei Engel, die durch das geteilte Berlin streifen und die Gedanken der Menschen hören, und einer von ihnen beschließt irgendwann, dass er lieber Mensch wäre, weil er Äpfel schmecken und frieren und die Hände schmutzig machen will. Bruno Ganz spielt diese Sehnsucht mit einer Stille, die einen noch lange nach dem Abspann verfolgt. Wim Wenders dreht das in einem Schwarzweiß, das sich anfühlt wie ein Aggregatzustand zwischen Traum und Wirklichkeit, und wenn die Farbe kommt, versteht man sofort warum. Wer diesen Film kennt, sieht Berlin danach anders.
Die Wände sind schief, die Schatten stimmen nicht, und irgendwo schläft ein Mann in einer Kiste, der nachts aufsteht und tötet. Robert Wiene baut in Das Cabinet des Dr. Caligari keine Kulissen, sondern einen Bewusstseinszustand, und das ist der eigentliche Trick des Films: Man begreift erst am Ende, warum die Welt darin so aussieht, wie sie aussieht, und dann sieht man alles noch einmal anders. Dieser Film hat den Expressionismus im Kino erfunden und damit eine visuelle Sprache geschaffen, die von Tim Burton bis David Lynch bis heute benutzt wird, ohne dass die meisten Leute wissen, wo sie herkommt. Über hundert Jahre alt, noch immer verstörend, und immer noch einer der klügsten Einstiege ins Genre.


























































