
„Every Year After“: Barry’s Bay ist ein echter Ort – aber mit einem Haken
Diese Kleinstadt ist so schön, dass sie eigentlich einen eigenen Credit im Abspann verdient. Schließlich spielt sie in der neuen Serie von Prime Video eine der Hauptrollen. Und spätestens nach der dritten Folge von Every Year After fragt man sich, ob dieser See, an dem Percy und Sam ihre sechs Sommer verbringen, wirklich existiert. Die Antwort lautet ja – und gleichzeitig nein.
Barry’s Bay ist real, hat eine Postleitzahl, ein Polizeirevier und rund 1.300 Einwohnerinnen und Einwohner. Allerdings liegt die Kleinstadt nicht dort, wo Every Year After sie verortet, und sie sieht auch anders aus als auf dem Bildschirm. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine typische kreative Freiheit einer TV-Produktion. Beim genaueren Hinsehen passt die Abweichung jedoch erstaunlich gut zu einer Geschichte, die sich selbst ständig zwischen Erinnerung und Realität bewegt.
Das echte Barry’s Bay liegt in Ontario
Das echte Barry’s Bay liegt in der kanadischen Provinz Ontario, ungefähr zwei Stunden westlich von Ottawa, mitten in der sogenannten Cottage Country, und hat eine ausgeprägte polnische Einwanderungsgeschichte. Carley Fortune, die Autorin der Romanvorlage „Fünf Sommer mit dir“, ist dort aufgewachsen und hat im Restaurant ihrer Eltern gearbeitet.

Mehrere Schauplätze in ihrem Roman gehen direkt auf reale Vorbilder zurück. Die Wilno Tavern, ein polnisches Lokal in der Region, hat das Restaurant der Familie Florek inspiriert, und ein Café namens Madawaska Coffee taucht im Buch sogar unter seinem echten Namen auf. Das echte Barry’s Bay ist also kein Pseudonym, sondern für Fortune das, was es laut Roman auch für Percy ist: ein Sommerort mit konkreter Geografie, konkreten Lokalen und einer Bevölkerung, die man kennt. Wer mit „Fünf Sommer mit dir“ in der Hand dorthin reist, findet einiges wieder.
Und hier wurde die Serie gedreht
Gedreht wurde Every Year After zwischen Juni und September 2025 in British Columbia, an Kanadas Westküste. Die Hauptdrehorte waren Vancouver, die North Shore Studios und vor allem Bowen Island, eine kleine Insel, die man von West Vancouver per Fähre erreicht.

Wer die Aufnahmen sieht, merkt es sofort. Im Hintergrund stehen Berge, in Ontario stehen dort keine. Statt diese Diskrepanz wie sonst üblich kosmetisch zu verbergen, hat die Produktion eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen. Auf dem Ortsschild der Serie steht ausdrücklich „Barry’s Bay, British Columbia“. Der fiktive Ort wurde also nicht nur an einen anderen Drehort versetzt, sondern auch innerhalb der Welt der Serie auf eine andere Karte gesetzt.
Carley Fortune, die während der Dreharbeiten am Set war, hat diese Lösung selbst öffentlich begrüßt. Sie hatte keine Lust, dass kanadische Orte wieder einmal als Kulisse für irgendwo anders herhalten, und die Berge wegzuretuschieren hätte ohnehin niemandem geholfen. Das Resultat ist ein neues Barry’s Bay, das mit dem echten kaum noch landschaftliche Überschneidungen hat. Es ist eine eigene Version, an einem anderen Ende des Landes, mit Bergen, Wäldern und einer Fähre.
Gerade deshalb wirkt die Änderung fast passender als eine originalgetreue Umsetzung. Denn auch in der Geschichte selbst geht es weniger um einen konkreten Ort als um die Erinnerung an ihn. Das Barry’s Bay, das Percy und Sam prägt, existiert nie nur als geografischer Punkt auf einer Karte. Es ist ein Ort, der mit jedem Jahr stärker von Nostalgie, Sehnsucht und verlorener Zeit überlagert wird.
Warum Percy nicht zurück kann
Percy hat als Erwachsene ein Problem, das die ganze Serie strukturiert. Sie kann nicht zurück. Nicht, weil Barry’s Bay nicht mehr existieren würde, sondern weil das Barry’s Bay, das sie meint, an eine bestimmte Phase ihres Lebens gebunden ist. Es waren sechs Sommer mit Sam, mit der Familie Florek und mit einer Form von Vertrautheit, die nur zwischen Schulferien und Sommerende existierte.
Als Erwachsene lebt sie in Seattle, schreibt Nachrufe und hält alle auf Abstand. Der See bleibt der Ort, an den sie zurückmuss, sobald das Leben sie zwingt, sich noch einmal mit dem auseinanderzusetzen, was sie damals verloren hat. Was sie dort findet, ist aber nie identisch mit dem, was sie im Kopf hatte.
Was die Verlagerung des Drehorts mit Percys Erinnerung zu tun hat
Indem die Serie Barry’s Bay sichtbar verschiebt – vom flachen Ontario an die bergige Küste British Columbias –, macht sie mit dem Ort etwas, das Percy mit ihrer Vergangenheit ohnehin die ganze Zeit erlebt. Erinnerungen bewahren Gefühle, aber sie verändern die Details. Sie machen Orte größer, schöner oder bedeutender, als sie es jemals waren.

Wer als Erwachsener einmal an einen Ort aus der eigenen Kindheit zurückgekehrt ist, kennt diesen Effekt. Die Häuser stehen noch, die Straßen tragen dieselben Namen, und trotzdem fühlt sich alles fremd an. Der Ort existiert noch, aber die Version, an die man sich erinnert, ist längst verschwunden.
Das Barry’s Bay der Serie funktioniert nach derselben Logik. Es trägt den Namen des realen Vorbilds und sieht trotzdem völlig anders aus. Denn das, was dieser Ort für Percy bedeutet, liegt ohnehin nicht in Ontario. Es liegt in ihrer Erinnerung.

Für Fans der Romanvorlage „Fünf Sommer mit dir“ mag der neue Schauplatz trotzdem ein kleiner Stich sein. Das Barry’s Bay der Serie sieht nicht aus wie das Barry’s Bay des Buches. Doch vielleicht passt genau das besser zu einer Geschichte, die davon erzählt, dass man einen vergangenen Sommer nie genauso wiederfinden kann, wie man ihn in Erinnerung hat. Ein Drehort, der den Buchort nicht perfekt imitiert, wirkt vielleicht ehrlicher als jede liebevolle Nachbildung.
Das echte Barry’s Bay liegt in Ontario, hat 1.300 Einwohner und eine polnische Einwanderungsgeschichte. Das Barry’s Bay aus Every Year After liegt dort, wo Percy es zurückgelassen hat. Diese beiden Orte sind nicht dasselbe, und die Serie tut gut daran, das nicht zu kaschieren.











